Urinprobe

Das Ereignis

Die Patienten in unserer Praxis müssen des Öfteren eine Urinprobe abgeben. Wir erklären ihnen dann den Ablauf: Sie sollen auf das Patienten-WC gehen und die Urinprobe im Anschluss in einer Ecke des WCs abstellen, in der sich ein eigenes Regal für die Abgabe von Urinproben befindet.

Eines Tages kam ein Patient, ein Ungar, zur Rezeption und informierte mich, dass er eine Urinprobe geben sollte. Ich gab ihm den Becher, in den er pinkeln sollte, und zeigte ihm das WC. Er fragte mich: „Soll ich gleich anfangen?“ Ich antwortete: „Ja, bitte.“ Und zeigte nochmals in Richtung WC. Er aber öffnete seine Hose und begann direkt vor meinen Augen, den Becher für seine Urinprobe zu befüllen. Fassungslos fragte ich ihn, was er da tat. Er antwortete, dass ich ihm doch gesagt hätte, gleich anzufangen. Ich erwiderte: „Ja, aber ich habe Ihnen doch das WC gezeigt.“ Er schien meine Aufregung nicht wirklich zu verstehen. Als ich ihn ein weiteres Mal fragte, warum er direkt vor mir gepinkelt habe, erklärte er, dass es in der Praxis seines Arztes in seiner kleinen ungarischen Heimatstadt üblich war, im Wartezimmer zu urinieren. Da die Praxis sehr klein ist, stellen sich die Menschen für gewöhnlich einfach in eine Ecke, um den Becher für eine Urinprobe zu füllen.

Normalerweise bewältige ich solche Erlebnisse mit einer guten Portion Humor, aber ich war doch relativ schockiert, dass die ganze Situation für den Patienten so normal wirkte und er nichts dabei zu finden schien.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen
  1. Erzählerin

Die Erzählerin arbeitet als Sprechstundenhilfe in einer Arztpraxis, in der sie die PatientInnen empfängt, ihre Informationen entgegennimmt und sich um Fragen der Krankenversicherung kümmert. Außerdem gibt sie den PatientInnen verschiedene Anweisungen, beispielweise wo sie warten müssen und wie das Verfahren in der Praxis ist. Sie ist in Mexiko geboren, lebt seit über 10 Jahren in Wien und spricht mehrere Sprachen, u.a. Spanisch, Deutsch, Englisch und Ungarisch. Sie besitzt eine langjährige akademische Ausbildung (Doktorat), ist verheiratet und hat sechs Kinder.

  1. Patient

Der Patient ist ein Arbeiter aus Ungarn und erst seit 6 Monaten in Österreich. Er hat eine geringe Schulausbildung und arbeitet als Maurer auf Baustellen. Er muss in die Praxis, um eine Urinprobe zur späteren Analyse abzugeben. Er ist gut gelaunt und unterhält sich auf freundliche Art und Weise mit der Rezeptionistin.

Eine Verbindung zwischen den beiden AkteurInnen ist, dass beide Migrationserfahrung haben. Die Erzählerin ist aber bereits deutlich länger in Österreich als der Patient. Sie hat zudem eine Verbindung nach Ungarn, dem Heimatland des Patienten, weil die Familie ihres Ehemanns aus Ungarn stammt. Sie spricht sogar ein wenig ungarisch. Die beiden unterscheiden sich stark hinsichtlich ihres Bildungshintergrunds und der professionellen Rolle, in der sie sich befinden: die Erzählerin ist an ihrem Arbeitsplatz als Sprechstundenhilfe, der Patient ist an einem ihm unbekannten Platz, in einer hilfsbedürftigen Situation.

2. Setting und Kontext

Die Praxis des Arztes befindet sich in einem Bezirk nahe der Wiener Innenstadt, der das Zentrum der jüdischen Gemeinschaft in Wien bildet. In dem Bezirk wohnen Menschen unterschiedlichster Herkunft. Die Praxis ist außerdem in unmittelbarer Nähe einer U-Bahnstation, die zum Hauptsitz der Vereinten Nationen in Wien führt. Die PatientInnen, die die Praxis aufsuchen, sind sehr vielfältig, sie kommen aus über 100 Ländern. Die Idee hinter der Eröffnung der Praxis war, eine internationale Arztpraxis zu schaffen, wo sich alle Menschen willkommen fühlen, unabhängig davon, welche Herkunft sie haben. Außerhalb der Praxis befindet sich ein Werbeplakat, das angibt, welche Sprachen alle in der Praxis gesprochen werden, damit potentielle PatientInnen wissen, dass dort u.a. englisch, spanisch, arabisch etc. gesprochen wird. Viele PatientInnen sprechen gar kein Deutsch. Die MitarbeiterInnen versuchen den kulturellen Spezifika ihrer PatientInnen entgegenzukommen. Zum Beispiel ist es kein Problem, dass Familien den Untersuchungsraum gemeinsam betreten – was für österreichische Verhältnisse eher ungewöhnlich ist. Der praktische Arzt hat sich beigebracht EKGs durchzuführen, ohne dass sich Patientinnen ganz ausziehen müssen. Das kommt vor allem bei muslimischen Frauen gut an.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin fühlte sich nicht angegriffen, sondern war nur schockiert, da es für den Patienten so normal erschien, vor ihren Augen den Becher für die Urinprobe zu füllen. Sie hat die Situation mit Humor aufgenommen.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Das Tabu vor anderen Menschen zu pinkeln:

Üblicherweise pinkeln Menschen in dafür vorgesehenen Räumlichkeiten und nicht in der Öffentlichkeit. Wenn in der Öffentlichkeit gepinkelt wird, dann nur im Freien (von betrunkenen Menschen und Kindern oder falls kein Klo in der Nähe ist, z.B. im Wald). Dabei versucht man, möglichst unentdeckt zu bleiben. Somit gibt es ein Tabu, vor den Augen einer anderen Person zu pinkeln, aber auch eine andere Person beim pinkeln zu beobachten. (Dieses Tabu erwächst spezifisch aus einer europäischen Art und Weise mit Exkrementen umzugehen. In anderen geographischen Kontexten ist es üblich, dass man seinen Stuhlgang draußen, in dafür vorgesehenen Bereichen, erledigt.)

Pinkeln gilt als etwas Privates, etwas Notwendiges, aber potenziell Ekliges. Geruch und Geräusch können als unangenehm empfunden werden. Um Pinkeln auf hygienische Art und Weise durchzuführen, etwa im medizinischen Kontext, gibt es bestimmte Maßnahmen, die berücksichtigt werden müssen: Urin wird in Behälter gefüllt, die anschließend geschlossen werden. Danach werden die Hände gewaschen. Die gesamte Prozedur ist eine Frage der Hygiene, die in einer Arztpraxis besonders relevant ist, damit sich keine Keime ausbreiten oder Personal und andere PatientInnen nicht infiziert werden.

Das Tabu, vor anderen zu pinkeln, ist gleichzeitig auch mit einer visuellen Dimension verbunden, die mit dem Zeigen des Penis oder der Vagina zusammenhängt – Teile des Körpers, die als privat angesehen und nicht öffentlich zur Schau gestellt werden (abgesehen von bestimmten Anlässen, wie im Zusammenhang mit der Freikörperkultur).

Die Entblößung des Penis trägt eine andere Bedeutung als die öffentliche Zurschaustellung einer Vagina. Nackte, nicht erigierte Penisse sind Teil von Witzen und Streichen. Männer werden in der Öffentlichkeit auch häufiger beim Pinkeln gesehen. Gleichzeitig wird die unerwartete Begegnung mit einem nackten Penis als verstörend und seltsam angesehen.

Urin gilt als Abfallprodukt, das nicht sichtbar sein sollte. In dem es in einem Becher gefüllt und für wissenschaftliche Untersuchungen vorbereitet wird, findet eine Transformation statt. Das Abfallprodukt Urin wird zu einer Substanz, mit der im medizinischen Bereich gearbeitet wird; somit ist es nicht länger ein ekelhaftes Exkrement. Für diese Transformation bedarf es einem bestimmten Prozedere: der Urin muss in geschlossenen Behältern gesammelt werden, beschriftet werden etc. Mitunter hatte die Erzählerin Angst um den guten Ruf der Praxis, weil der Patient all diese Hygieneanforderungen negiert hat. Vielleicht hat sie sich auch geschämt, weil andere Patienten etwas davon mitbekommen könnten. Der Vorfall gefährdete die professionelle Praxis und den Umgang mit Urinproben.

Empathie: Andere PatientInnen, die im Wartezimmer sitzen, könnten sich unwohl fühlen, wenn sie Urin einer anderen Person hören, sehen oder riechen.

Implizite Verhaltensregeln in einem Wartezimmer:

Das Warten in einer Arztpraxis geschieht unter bestimmten Voraussetzungen. Normalerweise ist es eher ruhig und die anwesenden Personen reden eigentlich nur, um zu erfahren, welcheR PatientIn als Letztes hereingekommen ist. Den Rest der Zeit bleiben sie für sich. Alle medizinischen Verfahren werden beim Arzt selbst durchgeführt und nicht im Wartezimmer: Anamnese, Untersuchungen, Diagnosen. Der Vorfall hat diese Verhaltensregeln verletzt.

Die Erzählerin ist dafür zuständig, dass die Verhaltensregeln im Wartezimmer eingehalten werden. Mit seinem Handeln fordert der Patient somit auch die Position der Sprechstundenhilfe heraus.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Naiv und einfach, trotzdem freundlich, ein bisschen dumm, zurückgeblieben, pragmatisch, Normen nicht einhaltend.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Der Patient verfolgt eine pragmatische Herangehensweise:

Er tut das, was am einfachsten geht und am schnellsten erscheint.

Er scheint sich stärken an Pragmatismus als an dem Tabu, vor anderen Leuten in der Öffentlichkeit zu urinieren, zu orientieren.

Mit seiner Handlung vermeidet er jegliche Unklarheiten bezüglich der Urinprobe. Es ist offensichtlich, wer die Probe abgegeben hat und kann zu keinen Verwechslungen kommen.

Die Arztpraxis als ein Ort abseits der Normalität:

Da der Patient kein regelmäßiger Gast in der Arztpraxis ist, ist es möglich, dass er von den dort geltenden Verhaltensregeln nichts weiß. Seine Handlungen zeugen von einer Unsicherheit, wie er sich zu verhalten hat.

Darüber hinaus wird das medizinische System oft als einschüchternd erlebt, vor allem von Personen, die sich in einer prekären sozialen Lage befinden, z.B. Personen mit Migrationshintergrund oder mit einem niedrigen sozialen Status.

Außerdem kann es sein, dass es für den Patienten normal ist, in der Öffentlichkeit vor anderen Leuten zu pinkeln und er nur versucht hat, die ihm gegeben Aufgabe (Urinprobe abgeben) auf die beste Art und Weise zu lösen.

Auf der einen Seite könnte das Ereignis ein Anzeichen für eine starke Anerkennung von Hierarchien sein:

Als der Patient zum Pinkeln aufgefordert wird, tut er das, ohne lange darüber nachzudenken. Das Verhalten des Patienten könnte auf eine andere Vorstellung bezüglich der Hierarchien zwischen Gesundheitspersonal und ihm als Patienten, der Arbeiterklasse angehört, verweisen.

Auf der anderen Seite könnte man die ganze Situation auch als Folge des sozialen Klassenunterschiedes sehen und nicht auf kulturelle Unterschiede bzw. kulturelle Normen beziehen.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?
  1. Verhaltensvorschriften in unterschiedlichen Räumlichkeiten im Gesundheitswesen

Es gibt bestimmte, kontextabhängige und kulturspezifische Regeln, wie man sich in verschiedenen medizinischen Räumen zu verhalten hat (z.B. gibt es einen Unterschied zwischen Wartezimmer und Untersuchungsraum): Die Fachkräfte des Gesundheitswesens sind für die Einhaltung dieser Regeln verantwortlich, da ihre berufliche Position davon abhängt.

Das Gesundheitspersonal muss ständig die gleichen Anweisungen geben. Für die PatientInnen sind die Informationen meist völlig neu. Deshalb ist es an den MitarbeiterInnen, dafür zu sorgen, dass die besagten Informationen klar und verständlich bei den PatientInnen ankommen, auch wenn sie sie bereits unzählige Male am Tag erklärt haben.

Verwendung von Symbolen, die den PatientInnen dabei helfen, zu verstehen, wie man sich zu verhalten hat und was man vermeiden sollte.

  1. Humor als Antwort auf Kulturschocks

Humor hilft in verschiedenen interkulturellen Schocksituationen und hilft zu vermeiden, dass sich Personen abgewertet fühlen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich die andere Person nicht ernst genommen fühlt.

Der Vorfall zeigt, dass man sich auf Kulturschocks nicht wirklich vorbereiten kann, sondern dass es vielmehr davon abhängt, wie man mit einem Schock umgeht, wenn man ihn erlebt.