Die türkische Familie im Hospiz

Das Ereignis

Ich arbeite in einem Hospiz in Kopenhagen als Krankenschwester. Über die Jahre hatten wir im Hospiz viele Patienten aus anderen Ländern, vor allem Patienten mit türkischem Migrationshintergrund. Zurzeit liegt ein todkranker türkischer Patient bei uns. Er spricht kaum Dänisch und kann auch wegen seiner Krankheit nur in sehr eingeschränktem Maße kommunizieren. Zu Beginn, als er gerade ins Hospiz gekommen war, betete er jeden Tag auf Knien, während seine Frau in einem Stuhl saß und las. Jetzt ist er allerdings zu schwach, um außerhalb seines Betts zu beten. Seine Frau oder seine Töchter habe ich im Hospiz nie beten sehen. Die Familie hat vor, den Patienten nach seinem Tod in der Türkei zu begraben.

Die Zusammenarbeit mit dem Patienten und seiner Familie gestaltet sich sehr schwierig.

Zunächst hält sich die Ehefrau des Patienten ständig in seinem Zimmer auf. Sie verlässt den Raum nur für kurze Spaziergänge. Wann immer sie den Raum verlässt, ruft der Patient sofort nach ihr. Sie besteht darauf, alles für ihren Mann zu machen, ausgenommen Tätigkeiten, die mit seinem Intimbereich zusammenhängen. Sie schläft auch in seinem Zimmer. Dabei nimmt sie ihr Kopftuch ab. Selbstverständlich sehen wir im Hospiz regelmäßig nach unseren Patienten, auch in der Nacht. Insofern war es ein Schock für uns, dass unseren männlichen Kollegen untersagt wurde, den Raum des Patienten in der Nacht zu betreten, weil die Frau ohne Kopftuch schläft. Da das Hospiz aus zwei Abteilungen besteht, lösten wir dieses Problem bislang so, dass sich bei Bedarf die Krankenschwester der anderen Abteilung in der Nacht um den türkischen Patient kümmert. Nun hat sich aber der Gesundheitszustand des Patienten verschlechtert und intensivere Pflege ist nötig. Es ist aber nicht möglich, andauernd Schwestern aus der anderen Abteilung zu rufen.

Des Weiteren kommen den Patienten, neben der beständigen Anwesenheit seiner Frau, auch seine drei Töchter, die in Kopenhagen legen, täglich besuchen. Die vierte Tochter, die in Afrika lebt, ruft ihren Vater jeden Tag an. Es gibt im Hospiz eine kleine Küche für Angehörige. Die Töchter des türkischen Patienten bereiten dort jeden Abend Essen zu. Insofern ist es für die Angehörigen anderer Patienten schwierig, die Küche zu benutzen. Einige Angehörige beschwerten sich bei uns, weil sie oft das Gefühl haben, die Küche nicht verwenden zu können. Die türkische Familie würde für andere keinen Platz in der Küche lassen. Mit diesen Beschwerden konfrontiert, erklärte uns die türkische Familie, dass sie anderen Angehörigen selbstverständlich in der Küche Platz machen würden: “Sie müssen uns das nur sagen.” Die anderen Angehörigen wiederum möchten die türkische Familie nicht offen darauf ansprechen, weil sie fürchten dadurch als “Rassisten” angesehen werden zu können.

Außerdem ist eine Tochter selbst Ärztin und sehr darauf erpicht, ihrem Vater zusätzliche Untersuchungen zu ermöglichen. Sie besteht darauf, dass er sich in einem anderen Krankenhaus Zusatzbehandlungen unterzieht, obwohl sie als Ärztin wissen müsste, dass diese Behandlungen in seinem Stadium aussichtslos sind.

Schließlich haben wir als Beschäftigte im Hospiz auch die Aufgabe, mit den Patienten über das Sterben zu sprechen, sie zu beraten und vorzubereiten. Weil der türkische Patient kaum Dänisch spricht, sind wir dabei auf die Übersetzungshilfe seiner Familienmitglieder, vor allem seiner Frau, angewiesen. Sie hat jedoch große Angst vor dem Tod. So hat sie uns berichtet, dass sie noch nie eine tote Person gesehen hat. Als ein anderer unserer Patienten starb, bat sie deshalb die Angehörigen um Erlaubnis, sich den toten Mann anzusehen. Sie wollte erfahren, wie ein toter Körper aussieht. Diese Bitte schockierte die trauernde Familie – und auch wir waren ziemlich überrascht. Wir haben so ein Verhalten noch nie erlebt und hätten es auch nie erwartet.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Die Erzählerin ist eine in Schweden geborene, 60 Jahre alte Krankenschwester, mit umfassender Erfahrung im Gesundheitswesen. Aktuell arbeitet sie Vollzeit in einem Hospiz, in dem sie seit 6 Jahren beschäftigt ist. Davor hat sie in einem Spital und als Gemeindeschwester in der Erstversorgung gearbeitet. Ursprünglich wurde sie in Schweden als Pflegeassistentin in der Psychiatrie ausgebildet.

Sie lebt mit ihrem Ehemann zusammen, der bereits pensioniert ist und hat 3 erwachsene Söhne, die alle weiter weg leben, und 2 kleine Enkelkinder. Sie beschreibt sich als Agnostikerin mit humanistischer Denkweise.

Die Geschichte erzählt von einer Familie türkischer Herkunft, die sich im Hospiz aufhält, weil der Familienvater sterbenskrank ist. Es gibt keine Information darüber, um welche Krankheit es sich handelt. Die Familienmitglieder sind gläubige Moslems. Die Eltern leben seit rund 40 Jahren in Dänemark. Alle Familienmitglieder sprechen Dänisch; der Patient hat aufgrund seiner Krankheit jedoch große Teile seiner Dänischkenntnisse verloren. Seine Frau spricht sehr gut Dänisch.

  • Der Patient ist 78 Jahre alt, krank im Endstadium und kann kaum eigenständig aus dem Bett aufstehen.
  • Seine Frau ist 65 Jahre alt und lebt als Hausfrau.
  • Die 4 erwachsenen Töchter sind zwischen 30 und 40 Jahre alt. Die Erzählerin weiß nicht, ob sie in der Türkei oder in Dänemark geboren wurden. Eine Tochter ist Ärztin, Tochter ist Hausfrau und eine Labortechnikerin. Die vierte Tochter lebt in Afrika, steht aber in engem Kontakt mit ihrer Familie in Dänemark.

Andere Personen, die in der Geschichte vorkommen: Krankenschwestern und PflegerInnen im Hospiz (männlich und weiblich); Angehörige anderer PatientInnen im Hospiz, die genauso wie die türkische Familie viel Zeit mit ihren sterbenden Angehörigen im Hospiz verbringen und die Gemeinschaftsräumlichkeiten nutzen

2. Setting und Kontext

Die geschilderten Erlebnisse fanden in einem Hospiz in Kopenhagen statt. Das Hospiz ist in einem zweistöckigen Gebäude. Jeder Stock beinhaltet eine eigenständige Abteilung, mit jeweils fixem Team. Diese Unterteilung in zwei getrennte Abteilungen soll dazu dienen, eine intime, ruhige Atmosphäre herzustellen, in der eine kleine Anzahl von PatientInnen und ihre Angehörige von einem kleinen Team betreut werden. In beiden Abteilungen gibt es jeweils eine Wohnung mit Aufenthaltsraum und kleiner Küche, die von den Angehörigen benutzt werden kann. Angehörige sind vielfach rund um die Uhr bei der sterbenden Person – jedoch zumeist erst in der allerletzten Krankheitsphase vor dem Tod.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin hat Erfahrung in der Pflege von PatientInnen aus unterschiedlichen Ländern hat das Gefühl, mit kulturellen Unterschieden gut umgehen zu können. Sie mag die türkische Familie und respektiert, wie liebevoll und umfassend sich die Mutter und die Töchter um den Patienten kümmern.

Sie ist allerdings überrascht, besorgt und verstört, dass das Tragen eines religiösen Symbols den Ablauf und die professionelle Arbeit im Hospiz beeinträchtigt. Außerdem findet sie sich in einem Dilemma wieder, als sie, gemeinsam mit ihren KollegInnen, zwischen der türkischen Familie und anderen Angehörigen vermitteln soll. Sie befürchtet, dass ihre Anweisung, wie die gemeinsame Küche zu verwenden ist, aufgrund des kulturellen Hintergrunds der türkischen Familie als diskriminierend verstanden wird. Zu guter Letzt ist die Erzählerin bestürzt, dass die Tochter, die doch selbst Ärztin ist, sich in die medizinische Behandlung ihres Vaters einmischt und Behandlungen in einem anderen Krankenhaus plant. Sie ist der Meinung, dass die Tochter die Expertise und Kompetenz des Personals im Hospiz damit nicht anerkennt.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Professionelles Handeln hat Vorrang

Die Krankenschwester ist ausgebildet, sterbenskranke PatientInnen zu pflegen, auch in Notsituationen. Im dänischen Gesundheitssystem wird der Berufsethik (professionelle Abläufe, Qualitätsstandards etc.) eine hohe Priorität eingeräumt. Berufliche Tätigkeiten dürfen nicht durch religiöse oder private Bedürfnisse oder Erwartungen eingeschränkt werden. Wie mit PatientInnen umgegangen wird und wie medizinische Tätigkeiten verrichtet werden, liegt ganz in der Verantwortung des ausgebildeten Personals. Dafür genießen Personen in Gesundheitsberufen eine hohe Anerkennung, die von den PatientInnen und ihren Angehörigen respektiert werden sollte – und: Gesundheitspersonal wird zunehmend dahingehend ausgebildet, PatientInnen und Angehörige stärker in Prozesse miteinzubeziehen. Der individualisierte Umgang mit PatientInnen und Angehörigen im Hospiz muss aber trotzdem medizinischen Qualitätsstandards untergeordnet werden. Die türkische Familie beeinträchtigt die Hierarchie zwischen Profis und Laien sowie zwischen professioneller Standards und Individualität:

  • Die Ehefrau nimmt den Patienten beständig in Beschlag und reißt viele jener Aufgaben an sich, die das Pflegepersonal normalerweise leistet (z.B. kümmert sie sich darum, dass das Essen halal ist, dass der Raum sauber ist etc.).
  • Die Tochter empfiehlt ihrem Vater Zusatzbehandlungen, womit sie in die vom Hospiz vorgeschlagene Behandlungsweise eingreift. Aus Sicht der Erzählerin sollte sie als Tochter agieren, nicht als Ärztin. Dadurch überschreitet sie Rollenerwartungen und stellt die Expertise der Behandelnden in Frage.

2) Geschlechtergerechtigkeit hat gegenüber religiösen Befindlichkeiten Vorrang

Im dänischen Gesundheitssystem gibt es bis heute eine mehr oder weniger sichtbare Geschlechterhierarchie. Gleichwohl ist es gesetzlich festgeschrieben, dass alle Geschlechter gleichen Zugang zu allen beruflichen Positionen haben. Insofern müssen männliche Krankenpfleger sowohl von KollegInnen als auch von PatientInnen und deren Angehörige als gleichsam qualifiziert und ihren weiblichen Kolleginnen ebenbürtig respektiert werden. Die türkische Familie verletzt diesen Wert, da sie männlichen Pflegern verbietet, in der Nacht ihrer Arbeit nachzukommen.

3) Bedürfnisse von PatientInnen und deren Angehörigen sind für die Arbeit des Gesundheitspersonals bedeutend

Trotz der hohen Orientierung an Geschlechtergerechtigkeit versucht das Personal im Hospiz, den Bedürfnissen der Ehefrau (und wahrscheinlich auch des Patienten) nachzukommen, indem sie in der Nacht eine Krankenschwester aus der anderen Abteilung um Mithilfe bitten. Unter dem Pflegepersonal gibt es ein steigendes Bewusstsein davon, wie wichtig es ist, den Bedürfnissen von PatientInnen wenn möglich zu entsprechen. In diesem Fall stehen die Bedürfnisse der Familie allerdings mit der Geschlechtergerechtigkeit in Konflikt.

4) Tod – und speziell der tote Körper – ist Privatsache

In der dänischen Gesellschaft wird Tod allgemein als intime Angelegenheit betrachtet – mit Ausnahme vielleicht, wenn berühmte Personen sterben. Viele DänInnen sterben zu Hause. Auch der tote Körper gilt als privat; dieser Umgang ist Ausdruck von Respekt gegenüber der toten Person. Den verstorbenen Körper noch einmal zu sehen, ist der Familie und engen FreundInnen vorbehalten und stellt eine Art Trauer- bzw. Bestattungsritual dar. Bei einem Offenen Sarg können dann auch weiter entfernte Bekannte oder FreundInnen von dem/der Verstorbenen Abschied nehmen. Dabei bleibt der tote Körper jedoch verborgen.

Als die Ehefrau fragt, ob sie den toten Körper eines Fremden sehen darf, verletzt sie in den Augen der Erzählerin damit dessen Privatsphäre und erbietet ihm nicht den nötigen Respekt. Während die Ehefrau einen praktisch-pragmatischen Ansatz verfolgt und sich mit toten Körpern vertraut machen will, um sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, reagiert die Erzählerin, die mit Tod beruflich zu tun hat, aus einer persönlichen, emotionsbehafteten Perspektive.

5) Bei der gemeinschaftlichen Nutzung von Einrichtungen sind individuelle Vorlieben und Bedürfnisse unterzuordnen

Vielfach wird in kultureller Hinsicht zwischen Individualismus, der in westlichen Gesellschaften vorherrscht, und kollektivistisch orientierten Gesellschaften unterschieden. Allgemein gesprochen würde Dänemark mit Bezug auf Denk- und Handlungsweisen als individualistische Gesellschaft beschrieben werden. Gleichzeitig ist eine starke Orientierung an anderen Menschen und ihren Bedürfnissen bei der gemeinsamen Nutzung von Einrichtungen weit verbreitet. Mangelnde Rücksichtnahme in solchen Situationen wird immer noch als schlechtes Verhalten ausgelegt – auch wenn sich diese Sicht im Wandel der Zeit langsam zu ändern scheint.

Somit bricht die türkische Familie Standards guten Verhaltens, da sie durch ihre tägliche Nutzung der Gemeinschaftsküche andere Angehörige davon abhalten, die Küche zu verwenden. Weil die Familie angibt, dass sie die Küche gerne teilt, wenn die anderen Angehörigen sie darum bitten, glaubt die Erzählerin, dass sie sehr wohl bereit sind, den Raum gemeinschaftlich zu nutzen. Sie unterstellt ihnen aber mangelnde Aufmerksamkeit und Empathie für die Bedürfnisse anderer. Diese müssen ihrer Meinung nach auch nicht verbal vorgebracht werden, damit darauf Rücksicht genommen werden kann.

In der türkischen Familie ist Kollektivismus besonders auf die Familie bezogen stark. In Dänemark wird Kollektivismus vor allem auf Institutionen des Wohlfahrtsstaats bezogen und steht mit Vorstellungen von Gleichheit und gleichem Zugang für alle in Verbindung. Alle müssen bestimmte Einrichtungen und gemeinschaftliche Güter teilen, die eigene Nutzung darf nicht auf Kosten der Möglichkeit von anderen gehen, die Einrichtungen oder Güter zu nutzen.

6) Fehlender Dialog und erwartete Diskriminierung

Der Mangel an Kommunikation, der sich rund um die Nutzung der Küche zeigt, ist mitunter ein Ausdruck des Werts der Nicht-Diskriminierung. Die Erzählerin und Angehörige anderer PatientInnen haben Angst davor, bei einer Konfrontation beschuldigt zu werden, die türkischen Familienmitglieder zu diskriminieren. Diskriminierung ist eine soziale Tatsache, weswegen es für die Personen in der Geschichte zentral erscheint, von jeglichem Vorwurf der Diskriminierung erhaben zu sein. Das mündet jedoch in einer Nicht-Auseinandersetzung mit der türkischen Familie, die gleichzeitig als Grund für Konflikte und Frustration dargestellt wird. Diese Zurückhaltung, Kritik zu üben und Konflikte anzusprechen, weil damit immer gleich die Gefahr verbunden sein kann, selbst der Diskriminierung bezichtigt zu werden, scheint eine Begleiterscheinung allgemeiner Debatten über Integration, Inklusion und Diversitätsmanagement zu sein.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Ambivalent; widersprüchlich.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Rolle des Mannes in der Familie

Im Allgemeinen sind die Generationenbeziehungen in Familien in der Türkei sehr eng. Erwachsene Kinder sollen ihre Eltern im Alter pflegen; es herrscht großer Respekt für ältere Familienmitglieder.

Der Vater wird üblicherweise als Familienoberhaupt angesehen. Auch wenn sich aufgrund von Reformen die unterschiedlichen Positionen von Männern und Frauen in Familie und Gesellschaft in vielen Aspekten gewandelt haben, gibt es eine deutlichere Aufgabenteilung zwischen Männern und Frauen als in Dänemark.

Die weiblichen Familienmitglieder tun alles, um sich um den sterbenden Mann/Vater zu kümmern und ihn zu pflegen.

Präferenz für explizites Aushandeln

Die Familienmitglieder orientieren sich an den verbalisierten Bedürfnisäußerungen von anderen. Wenn ihnen niemand sagt, dass sie sich in der Küche störend verhalten, gehen sie davon aus, dass ihr Verhalten für die anderen akzeptabel ist. Die Mutter äußert ihr Bedürfnis, einen toten Körper zu sehen, gegenüber den Angehörigen eines verstorbenen Patienten. Sie geht nicht davon aus, dass ihre Frage bereits ein Problem darstellt, weil die Angehörigen ja die Möglichkeit haben, abzulehnen.

Bewusste Auseinandersetzung mit dem Tod, Neugier, Vorbereitung

Obwohl der Tod ihres Ehemanns für die Frau angstbesetzt ist, entscheidet sie sich dafür, sich im Vorfeld mit Tod / toten Körpern zu konfrontieren. Sie möchte sich darauf vorbereiten, wie das sein wird, wenn das Leben aus dem Körper ihres Mannes schwindet.

Gleichzeitig könnte die Anfrage an die Angehörigen des Verstorbenen auch implizieren, dass es für die Frau nicht pietätlos ist, tote Körper anzusehen, weil Tote zu ehren und respektvoll mit ihnen umzugehen, von leblosen Körpern abgehoben ist.

Naturwissenschaftlich / medizinische Orientierung – Machbarkeit

Vielleicht gerade weil sie eine naturwissenschaftliche Ausbildung durchlaufen hat, hält die Tochter, die Ärztin ist, an den Möglichkeiten medizinischer Techniken und Methoden fest. Während die Erzählerin der Meinung ist, sie als Ärztin müsste wissen, dass es im Falle des Vaters keine Optionen mehr gibt, könnte die Tochter schlicht einer gegenteiligen Meinung sein. Sie könnte die Ansicht haben, dass aus medizinischer Sicht weitere Alternativen bestehen.

Mitunter verschmelzen aber auch ihre professionelle Rolle und ihre Rolle als Tochter. Konfrontiert mit ihrem sterbenden Vater, möchte sie in dem Gebiet, wo sie Expertise hat, alle Möglichkeiten auskosten, um ja nichts unversucht zu lassen, damit der geliebte Vater doch nicht sterben muss.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?
  • Religiöse Vorschriften und Vorschriften in einer Gesundheitseinrichtung können miteinander in Konflikt geraten.
  • Die Geschichte zeigt, dass es in bestimmtem Maße möglich ist, gemeinsam Lösungen für schwierige Situationen zu finden und Kompromisse auszuhandeln, z.B. Unterstützung durch eine Krankenschwester aus einer anderen Abteilung. Gleichzeitig ist es wichtig, die Situationen ernst zu nehmen, in denen das Finden von Kompromissen aufgrund medizinischer Indikation nicht mehr möglich ist. Dann muss interkulturellen Dialog zwischen Gesundheitspersonal und den PatientInnen und ihren Angehörigen hergestellt werden, um gegenseitiges Verständnis zu erreichen.