Die Periode

Das Ereignis

Die Geschichte ereignete sich in einem indischen Dorf. Ich war wegen einer Hochzeit dort und freute mich, meine Cousins und Cousinen wiederzusehen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Zwei Tage vor der Hochzeit beginnen in Indien bereits die Festlichkeiten – danach die landesüblichen Rituale, Partys, Tanz, Musik, usw.

Ich ging gerade ins Schlafzimmer meiner Großmutter, um mich umzuziehen, und sah, dass eine meiner Cousinen dort alleine vor dem Fernseher saß. Ich war überrascht, da alle anderen draußen waren und feierten. Ich fragte sie, warum sie alleine im Schlafzimmer war. Daraufhin antwortete sie mir, dass sie gerade ihre Periode hatte und die Großeltern ihr deswegen verboten hätten, an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Es handelt sich um eine sehr konservative Familie. Einige Familienmitglieder sind etwas offener als andere. Dabei besitzen die älteren Familienmitglieder mehr Autorität.

2. Setting und Kontext

Familiärer Kontext

Die Familie stammt aus einem kleinen Dorf in Indien und ist recht konservativ, was die Einhaltung bestimmter Traditionen angeht. Die Rollenverteilung ist dabei klar angelegt: die jüngeren müssen auf die älteren hören. Allerdings gibt es einige Unterschiede zwischen den Familienmitgliedern. Die Großmutter ist etwas offener, was die Sache mit der Menstruation angeht, während andere Familienmitglieder wie die Mutter der Cousine sehr orthodox sind und man mit ihr nicht über dieses Problem sprechen kann.

Physischer Kontext

Bei dem Vorfall handelte es sich um zwei Cousinen der Familie. Gayatri, eine der Cousinen, kam aus Frankreich, um an der Hochzeit teilzunehmen, während die andere Cousine in Indien lebt und das Land nie verlässt. Die Szene spielte sich im Schlafzimmer der Großmutter ab, welches Gayatri aufsuchte, um sich für die Party umzuziehen.

3. Emotionale Reaktion

„Ich war anfangs überrascht und verstand nicht, warum meine Cousine alleine im Schlafzimmer war. Mein erster Gedanke war, dass sie vielleicht krank ist, aber als sie mir den wahren Grund nannte, warum sie alleine war, wurde ich wütend, weil ich die Hochzeit mit ihr zusammen verbringen wollte. Sie sagte mir, dass, sie die Situation akzeptieren würde, was mich ein wenig schockierte. Sie tat mir leid.“

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Entscheidungsfreiheit: Das Recht, seine Entscheidungen als erwachsene oder verheiratete Person selber zu treffen, und nicht abhängig von anderen Autoritätspersonen zu sein.

2) Geschlechtergerechtigkeit: Gleichstellung der Geschlechter bedeutet, dass Männer und Frauen die gleichen Rechte in allen Bereichen der Gesellschaft genießen. Wenn in diesem Fall die Menstruation von Frauen eine Art soziale Ausgrenzung nach sich zieht, kann sie als geschlechtsspezifische Diskriminierung betrachtet werden.

3) Die Menstruation ist etwas Natürliches: die Menstruation von Frauen ist Teil des Lebens und etwas Natürliches. Somit ist es nichts, wofür man sich schämen müsste. Es gibt keinen Grund, die Menstruation als Tabu zu betrachten, es ist eine biologische Besonderheit und darüber zu reden, kann dazu führen, dieses Thema von Vorurteilen zu befreien.

4) Tradition ist flexibel: Traditionen sind veränderbar und diese Flexibilität erlaubt es, aufgeschlossener zu sein. Somit kann man Traditionen an unterschiedliche Kontexte und Situationen anpassen. In diesem Sinne steht Tradition nicht über allem.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Komisch, da Frauen ihre eigenen Entscheidungen treffen sollen. Das negative Bild zielt dabei auf die Eltern der Cousine ab, nicht auf die Cousine selbst, da sie an ihrer Tradition festhalten.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Respekt der Traditionen: In Indien gibt es mehrere spezifische Traditionen, was die Menstruation von Frauen angeht. Diese werden von der hinduistischen Religion beeinflusst, die der Frau während der Menstruation einen zweideutigen Stellenwert anheften: Sie ist aufgrund des Blutes gleichzeitig symbolisch mit dem Leben und dem Tod verbunden. So wird die Menstruation als Hindernis für ein „normales Leben“ und als etwas Unreines wahrgenommen. Um diese Tradition auf eine konventionelle Weise zu respektieren, müssen Frauen (unabhängig von der Situation) während ihrer Menstruation isoliert werden.

2) Hygienevorschriften: Es gibt auch Hygienevorschriften, die  während der Menstruation zu beachten sind, da es eine allgemeine Vorstellung davon gibt, dass Frauen andere während ihrer Periode beschmutzen könnten. Zum Beispiel gibt es einen Mythos, der besagt, dass eine Frau während ihrer Menstruation kein Gurkenglas anfassen darf, weil die Gurken danach nicht mehr essbar wären.

3) Respekt vor der Gemeinschaft: Wenn eine Frau während ihrer Periode ein Risiko für andere Personen darstellt, handelt es sich nicht um eine individuelle Entscheidung, dass die Cousine in ihrem Zimmer bleiben muss. Dies kann man als Respekt vor der Gemeinschaft verstehen und somit steht die Gemeinschaft über der Einzelperson.

4) Autorität der Eltern: Die Eltern gelten als Autoritätspersonen und haben somit die Macht, Entscheidungen für ihre Kinder zu treffen, egal wie alt diese sind. Ältere Personen treffen aufgrund ihrer Lebenserfahrung traditionell die besseren Entscheidungen als jüngere Menschen. Diese Tradition gilt auch für die Mutter der Cousine: „Bei mir ist es das Gleiche, wenn ich meine Periode habe, gehe ich auch nicht unter Leute.“

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Dieser Vorfall hebt das Problem der kulturellen Unterschiede in einer Familie hervor, insbesondere in Bezug auf die Flexibilität von Traditionen. In diesem Fall ist auch wichtig, sich die persönliche Geschichte von Gayatri vor Augen zu führen: nachdem sie sich dazu entschied, nach Frankreich zu ziehen, einem Land mit neuen, kulturellen Codes, hinterfragt sie die indischen Traditionen ihrer Familie und betrachtet das Ganze aus einer neuen Perspektive. Es ist interessant zu sehen, dass es zu interkulturellen Konflikten zwischen Menschen kommen kann, die in dem gleichen kulturellen Umfeld aufgewachsen sind. Dieser Fall zeigt, dass es möglich ist, seine eigenen kulturellen Vorstellungen zu relativieren und nicht unbedingt an all seinen Traditionen festzuhalten.