Die verlegene Hausärztin

Das Ereignis

Ich hatte allgemeine Fragen zu meiner Gesundheit, die nichts mit meiner Zerebralparese zu tun hatten, weshalb ich meinen Hausarzt aufsuchte. Soweit ich mich erinnere, ging es um eine Konsultation zum Thema Massage. Auf jeden Fall saß ich im Wartezimmer meines Hausarztes, das voll mit Patienten war. Es waren 10 bis 12 andere Wartende dort. Ich wusste im Vorhinein, dass an dem Tag eine Vertretung für meinen Hausarzt die Beratung machen würde. Aber da es sich um nichts Großes handelte, hatte ich keine Bedenken und dachte, dass mir auch die Vertretung weiterhelfen würde.

Nach einer etwas längeren Wartezeit betrat die Vertretungsärztin den Raum und rief mich auf. Ich stand gleich vom Sessel auf und sagte: „Ja, hier bin ich.“ Mein Rollator stand neben mir, ich nahm ihn, während ich aufstand, und bewegte mich zum Arztzimmer hin.

Als die Vertretungsärztin meinen Rollator sah, schaute sie mich plötzlich ganz komisch an. Sie wirkte überrascht, peinlich berührt und fast ein bisschen bestürzt. Sie machte einen Schritt nach hinten und stotterte abgehackt: „Also, also, ja also, ja ok, also dann kommen Sie am besten mit mir mit …“ Ihre Körpersprache zeigte klar und deutlich, dass meine Behinderung sie irgendwie unangenehm berührte.

Ich folgte ihr. Gleichzeitig war ich auch total verwirrt, schämte mich und negative Gefühle kamen in mir hoch. Ich konnte mich kaum mehr auf mein Anliegen konzentrieren. Ich wollte nur noch weg. Wenig überraschend führten wir ein sehr unangenehmes, kurzes Gespräch, das sich verkrampft und künstlich anfühlte. Wir konnten uns nach der Anfangsepisode beide nicht mehr entspannend und ein nettes Gespräch führen.

Nachher dachte ich, wie gut, dass ich heute nur bei einem unbedeutenden Problem Hilfe gebraucht habe. Gott sei Dank hatte ich keine gravierenderen gesundheitlichen Probleme. Die Reaktion der Ärztin hat mein Vertrauen zu ihr und mein Selbstbewusstsein komplett zunichte gemacht. Das wäre in einem ernsteren Fall fatal gewesen.

Ich habe über die Jahre viele komische und beleidigende Reaktionen auf meine Behinderung erlebt. Aber niemals etwas in diesem Ausmaß. So ein Verhalten von einer Ärztin, einer medizinischen Expertin, schockierte mich maßlos. Vielleicht hat sie sich nicht die Zeit genommen, meine Patientenakte zu lesen. Das sollte trotzdem keine Entschuldigung sein.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Die Erzählerin ist eine 26-jährige Studentin (Publizistik und Sozialwissenschaften), die in Kopenhagen lebt. Sie ist körperlich behindert, leidet an Zerebralparese und verwendet deswegen einen Rollator. Sie ist Vorsitzende einer großen Jugendorganisation für junge Menschen mit Behinderung. Das bedeutet, dass sie andere Menschen mit Behinderung berät, die Diskriminierung oder Angriffe erlebt haben. Sie setzt sich mit dem Umgang mit Menschen mit Behinderung auf einer analytischen Ebene auseinander und kennt sich gut mit Fragen der Diskriminierung aus.

Bei diesem Erlebnis war sie jedoch selbst Patientin, die medizinische Hilfe bei einem Problem sucht, das nicht eng mit ihrer Zerebralparese in Verbindung stand.

Die Vertretungsärztin sieht asiatisch aus und ist etwa 40-45 Jahre alt. Sie spricht ohne Akzent dänisch, weswegen vermutet wird, dass sie in Dänemark geboren wurde oder in früher Kindheit nach Dänemark migriert ist. Sie vertritt den Hausarzt der Erzählerin, weil dieser auf Urlaub ist. Als Vertretung hat sie keinen persönlichen Bezug zu den PatientInnen, sie hat jedoch Zugang zu deren Akten.

Im Wartezimmer befinden sich 10 bis 12 PatientInnen, die darauf warten, die Ärztin zu sehen.

2. Setting und Kontext

Das Ereignis spielt im Wartezimmer und dann Arztzimmer des Hausarztes der Erzählerin. Da der Hausarzt auf Urlaub ist, hat die Erzählerin ein Gespräch mit einer Vertretungsärztin. Es geht um ein minderschweres gesundheitliches Problem.

3. Emotionale Reaktion

Beschämt; verwirrt: fühlt sich abgelehnt, ausgeschlossen, vor den anderen PatientInnen bloßgestellt; unsicher

Ihre Überraschung und Scham weichen zunehmend Wut und Empörung.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Gleichberechtigte Behandlung

Die Erzählerin hat sich dem Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung verschrieben. Sie organisiert und nimmt an Veranstaltungen und Aktivitäten zum Thema Chancengerechtigkeit teil. Sie ist Vorsitzende einer großen Jugendorganisation für junge Menschen mit Behinderung.

Somit weiß sie gut über Diskriminierung von Behinderten und deren Ausschluss aus sozialen Zusammenhängen, aber auch über Diskriminierung aufgrund anderer Faktoren Bescheid.

Die Werte Gleichheit, gleiche Chancen für alle und Antidiskriminierung implizieren, dass alle Menschen, in diesem Fall Menschen mit körperlicher Behinderung, gleiche Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben sollten. Das umfasst, dass sie anderen ebenbürtig und mit gleichem Respekt behandeln.

In der Geschichte wird dieser Anspruch der Erzählerin verletzt, indem sie aufgrund ihrer körperlichen Behinderung herausgestellt wird. Obwohl das für sie keine einmalige Erfahrung darstellt, ist es diesmal besonders schockierend, weil die negative Reaktion von einer Ärztin ausgeht. Gerade Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, sollten Chancengerechtigkeit leben und alle PatientInnen gleich behandeln. Schließlich ist der Umgang mit den unterschiedlichen Emotions- und Körperzuständen ihr berufliches Arbeitsgebiet.

2) Nicht-erwartete Diskriminierung

Obwohl sich die Erzählerin bewusst ist, dass es gesamtgesellschaftlich gesehen generell an Gleichberechtigung mangelt und Alltagsdiskriminierung häufig vorkommt, hat sie trotzdem die Erwartung, dass es in diesem Fall anders geschieht. Sie erwartet, dass sie, wie alle anderen BürgerInnen auch, angemessen medizinisch versorgt wird, wenn sie das braucht. Sie erwartet, dass sie professionell und objektiv behandelt wird, egal ob es in einem Arztgespräch um ihre Behinderung geht oder um andere Gesundheitsfragen.

Diese basalen Erwartungen werden durch das Verhalten der Ärztin verletzt.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Unprofessionell:

  • Sie ist nachlässig, weil sie die Patientenakte nicht gelesen hat, was gravierende Konsequenzen für die Qualität der medizinischen Versorgung nach sich zieht.
  • Sie ist taktlos, weil sie die Erzählerin den Blicken und Reaktionen der anderen PatientInnen aussetzt; dadurch stellt sie Behinderung als Andersartigkeit hin.
  • Ihr Verhalten ist latent diskriminierend; sie scheint sich Menschen mit Behinderung gegenüber nicht inklusiv verhalten zu können.
6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Aufwachsen in einem Umfeld ohne Behinderungen:

Einerseits scheint die Vertretungsärztin in Dänemark aufgewachsen zu sein und mit dänischen Traditionen und Normen vertraut zu sein, allerdings könnte es sein, dass sie nie mit Menschen mit Behinderungen in Berührung gekommen ist und sich in der Mehrheitsgesellschaft bewegt hat, in der „unversehrte Körper“ gang und gebe sind. Es kann schlicht und einfach sein, dass sie keinerlei Vorerfahrungen mit körperlichen Beeinträchtigungen hat.

Unwissenheit:

Die Situation ist damit ein Ausdruck davon, dass der Ärztin ein umfassendes Diversitätskonzept fehlt. Es zeigt sich an ihrer Reaktion, dass sie persönlich von Menschen mit Behinderung peinlich berührt ist, weil sie keinerlei Ahnung hat, wie sie reagieren soll. Obwohl sie als Ärztin mit Diversität vertraut sein sollte, ist es möglich, dass sie das auf einer persönlichen Ebene schlicht nicht ist. Aus Unwissenheit über Behinderungen und Diversitätsdiskurse fühlt sie sich hilflos. Es ist wahrscheinlich auch aus Unwissenheit, dass sie sich stereotypisierend verhält.

Bedrohung des Selbstbildes:

Wenn die Ärztin noch nie mit Menschen mit körperlichen Behinderungen in Kontakt war, dann ist ihre berufliche Sicherheit und ihr sonst sicheres Auftreten – auch vor anderen PatientInnen – hier gefährdet. Es könnte sein, dass sie einen Selbst-Schock erleidet, weil ihre Identität als wissende, gut gebildete Frau hier in dieser Situation in Frage gestellt wird.

Kurze Kommunikation:

Weil sie die Vertretung ist, bedeuten ihr die sozialen Kontakte in der Praxis nicht so viel wie in ihrer eigenen Praxis. Sie legt nicht so viel Wert auf lange Gespräche, da sie weiß, dass sie nur aushilft und die PatientInnen womöglich nie wieder sieht. Daher ist es für sie nicht unhöflich, mit der Patientin nur ein kurzes Gespräch zu führen, und es geht ja auch nicht um eine wichtige, medizinische Angelegenheit.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Ein doppelter Schock:

Einerseits wird der Schock hervorgerufen, weil die Erzählerin sich ungerecht behandelt fühlt und aufgrund ihrer Behinderung als fremd/andersartig herausgestellt wird. Untermauert wird der Schock davon, dass der Grund für den Arztbesuch nichts mit ihrer Zerebralparese zu tun hat.

Andererseits wird der Schock durch den Mangel an Professionalität seitens der Vertretungsärztin hervorgerufen. Der nicht empathische Umgang mit der Patientin, den sich diese von einer Ärztin erwartet, verunsichert die Patientin. Es macht sie verletzlich. Wahrscheinlich ist die Reaktion der Ärztin ein Ausdruck ihrer eigenen Unbeholfenheit und Unsicherheit. Trotzdem unterstützt das den Eindruck, dass sie unprofessionell handelt.

Als Konsequenz stellt sich für die Erzählerin folgende Frage: Wie kann sie einem Gesundheitssystem vertrauen, in dem die ExpertInnen basale Standards medizinischer Versorgung – den respektvollen Umgang mit allen PatientInnen – nicht einhalten?

Das Beispiel illustriert, dass transkulturelle Kompetenz sich nicht allein auf den Umgang mit Menschen unterschiedlicher nationaler oder ethnischer Hintergründe beziehen kann. Kultur ist ein viel breiteres Konzept, und kann Fragen der Diskriminierung von Personen einschließen, die unterschiedlichste Normvorstellungen unterlaufen.

Inter- oder transkulturelle Trainings sollten einem umfassenden Konzept von Diversität Rechnung tragen und sich mit einer Vielzahl von Ausschlussmechanismen befassen.