Die verzweifelte Frau

Das Ereignis

Diese Geschichte aus meinem Arbeitsleben hat sich vor längerer Zeit zugetragen. Ich habe damals als stellvertretender Pflegeleiter in der psychiatrischen Station eines Krankenhauses gearbeitet, und zwar auf der geschlossenen Abteilung für Frauen. Heutzutage gibt es diese Geschlechtertrennung nicht mehr. Damals hingegen schon; es gab damals auch noch kaum männliche Krankenpfleger.

Eines Abends wurde eine Frau, Mitte 40, auf meiner Station aufgenommen. Die Frau war augenscheinlich Muslimin, wie sich an ihrem Kopftuch zeigte. Sie wurde von Angehörigen begleitet. Die Frau hatte gedroht, Selbstmord zu begehen. Sie war total aufgebracht und stand völlig neben sich. Deswegen hatte die Familie einen Arzt nach Hause bestellt. Der Arzt kam zu dem Ergebnis, dass die Frau in eine psychiatrische Klinik eingeliefert werden sollte. Sie stelle eine Gefahr für sich selbst dar – die Grundlage dafür, dass jemand unfreiwillig eingeliefert werden kann.

Bei uns kam sie in einem ruhigen Zustand an und wurde in einem Zweibettzimmer untergebracht. Da ging es los: Sie würde sicherlich nicht in diesem Zimmer bleiben. Sie wollte einfach nur aus der Psychiatrie weg und wurde immer gereizter und unruhiger. Sie begann laut zu schreien, nach Dingen zu treten und alles um sie herum durch die Luft zu schmeißen. Sie schrie in mehreren Sprachen durcheinander und zwar, dass sie auf keinen Fall bleiben werde; das sei nicht der richtige Platz für sie.

Das alles trug sich auf dem Gang zwischen den Zimmern anderer Patientinnen zu. Es hatte sich eine Menschenmenge rund um die Patientin versammelt – andere Patientinnen, Besucher und Mitarbeiter. Einige der anderen Patientinnen versuchten, die Frau zu beruhigen und sprachen beschwichtigend auf sie ein. Mir fiel auf, dass sich die Patientin sehr wohl darüber bewusst zu sein schien, wer Stationspersonal war, obwohl wir keine Uniformen trugen, und wer nicht.

Sie verlangte, dass wir die Türen öffneten und sie entließen. Ihre Familie stimmte in diese Forderung mit ein. Wir hatten in dem ganzen Aufruhr und aufgrund von Sprachbarrieren jedoch große Schwierigkeiten, mit ihnen zu kommunizieren. Einige Angehörige sprachen ein wenig Dänisch, die Frau selbst kaum. Wir fühlten uns hilflos, als wir versuchten, die Regeln zur Einweisung zu erklären. Es war uns ein großes Anliegen, diesen Teil unserer Arbeit gut zu verrichten. Aber es fehlte uns an einer gemeinsamen Sprache mit der Patientin und ihrer Familie. Wir konnten ihnen nicht erklären, dass wir als Stationspersonal gar nicht die Befugnis hatten, sie zu entlassen. Wir konnten nicht verständlich machen, dass es Regeln gab, wie so eine Einweisung abzulaufen hatte, denen wir Folge leisten mussten.

Wir waren auch ziemlich unsicher, in welchem psychischen Zustand sie sich befand, wie schlecht es ihr ging. Wenn eine Person gegen ihren Willen eingeliefert wird, heißt das, dass sie als Gefahr für sich selbst wahrgenommen wird. Normalerweise bedeutet das, dass die Person als akut psychotisch eingeschätzt wird. Wir mussten deswegen eine umfassende Untersuchung vornehmen, Spezialisten kommen lassen und die Frau zumindest über Nacht da behalten.

Wir waren alle der Meinung, die Frau sei nicht psychotisch, aber wir hatten keine formale Erlaubnis, sie gehen zu lassen. Wir waren also ziemlich unglücklich mit der Situation und nervös, weil wir nicht wussten, was zu tun war. Die Situation passte nicht in das Schema, wie Abläufe bei uns geregelt sind.

Es wurde aber klar, dass wir die Familienmitglieder dazu bewegen mussten, die Station zu verlassen. Damals war es für Angehörige unmöglich, über Nacht zu bleiben, obwohl die Familie das dringende Bedürfnis dazu hatte. Die Angehörigen waren schockiert, dass sie die Frau nicht wieder mit nach Hause nehmen konnten.

Wir mussten der Frau dann relativ starke Medikamente geben. Sie blieb allein und orientierungslos zurück. Schließlich fiel sie aufgrund der starken Medikamente sogar hin.

Am nächsten Tag wurde sie auf die offene Abteilung überstellt und dann relativ schnell entlassen. Viele unserer Patientinnen kamen immer wieder; diese Frau habe ich nie wieder gesehen. Vermutlich hat sie ihr Erlebnis so nachhaltig geschockt, dass sie und ihre Familie alles dafür taten, dass sie nie wieder eingeliefert werden musste.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Der Erzähler ist ein Krankenpfleger, der in unterschiedlichen Gesundheitsinstitutionen gearbeitet hat; er arbeitet seit 30 Jahren. Er spezialisierte sich früh auf die Pflege in der Psychiatrie. Heute ist er 63 Jahre alt und arbeitet Vollzeit als stellvertretender Leiter eines großen sozial-psychiatrischen Zentrums in Kopenhagen.

Frau, Mitte 40, Muslima, spricht kaum Dänisch, hat gedroht sich umzubringen, wohnt mit ihrer Familie zusammen

Seine KollegInnen – ausgebildetes Personal im Gesundheitsbereich, die auf der psychiatrischen Station arbeiten, in der sich der Ereignis zugetragen hat. Dort arbeiteten etwa diplomierte KrankenpflegerInnen und PflegehelferInnen, alle waren DänInnen. Die meisten waren weiblich, es gab nur wenig männliches Personal, etwa den Erzähler.

In der Situation waren etliche Psychiatriepatientinnen und Angehörige auf Besuch anwesend. Wie beim Personal handelte es sich dabei um DänInnen

2. Setting und Kontext

Das Ereignis hat sich in der psychiatrischen Station eines der größten Krankenhäuser in Kopenhagen zugetragen, in der geschlossenen Abteilung für weibliche psychiatrische Patientinnen.

3. Emotionale Reaktion

Der Erzähler und seine KollegInnen fühlten sich:

  • hilf- und machtlos, weil sie nicht mit der Frau und ihrer Familie kommunizieren und die Regeln und Abläufe rund um eine Einweisung erklären konnten
  • überrumpelt von der heftigen Reaktion der Frau und ihrem vehementen Wunsch, entlassen zu werden, anstatt Behandlung ihrer Probleme zu erfahren
  • verwundert über die Erwartung der Familie, über Nacht bleiben zu können
4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Professionalität und Fähigkeit, mit allen beruflichen Herausforderungen umgehen zu können

Der Erzähler und seine KollegInnen schafften es nicht, die Frau und ihre Familie zu beruhigen. Das führte zu dem Gefühl von persönlicher, aber auch professioneller Hilflosigkeit. Ohne mit der Patientin in einer gemeinsamen Sprache kommunizieren zu können, war es dem Erzähler nicht möglich, die Situation zu klären. Seine KollegInnen und er mussten all ihre berufliche Autorität ausüben, die Frau zum Bleiben und die unglückliche Familie zum Gehen zu zwingen. Dann mussten sie der Patientin eine hohe Dosis Medikamente verabreichen, ohne ihr erklären zu können, was passiert. Aufgrund der mangelnden Kommunikation war es ihnen nicht möglich, so gut für die Frau zu sorgen, wie sie das gewollt hätten oder Näheres über ihren Zustand zu erfahren. Das kann die berufliche Identität bedrohen und das Gefühl geben, versagt zu haben.

2) Institutionelle Werthaltung: An Abläufen muss festgehalten werden, auch wenn die persönlich-professionelle Einschätzung dagegen spricht

Das Stationspersonal musste sich an Vorgaben halten und routinehafte Prozesse verfolgen, obwohl ihre professionelle Einschätzung der Situation dagegen sprach. Sowohl aus professioneller Sicht als auch aus Empathie der Frau gegenüber konnte der Erzähler nicht zu dem stehen, was er tun musste. Es erschien ihm inhuman, die verzweifelte Frau so allein zu lassen, ohne dass sie die Möglichkeit hatte, mit jemandem zu sprechen. Der Erzähler und seine KollegInnen wollten es aber auch nicht riskieren, die institutionellen Regeln zu brechen.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Die Frau ist verzweifelt, fühlt sich eingesperrt. Sie nimmt ihre Umwelt jedoch soweit wahr, dass sie zwischen Personal und Patientinnen unterscheiden kann. Sie macht eine Szene, um ihre Entlassung zu erwirken. Ihre Verzweiflung ist aber auch Ausdruck von Machtlosigkeit, Angst, dem Gefühl ausgeliefert zu sein.

Dem Bild des Erzählers folgend erscheint sie nicht psychotisch, ihre Verzweiflung und Unruhe scheinen andere Gründe zu haben.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)
  • Ungerechte Behandlung und körperlicher Protest

Die verzweifelte Frau hatte das Gefühl, am falschen Ort zu sein und ungerecht behandelt zu werden. Ihre körperliche und laute Abwehr deuten darauf hin, dass sie starke Abwehrreaktionen spürte, sich aber verbal nicht mitteilen konnte und so ihren Körper einsetzen musste, um zu protestieren.

  • Kollektive Werte der Familie

Der Zustand der Frau bringt ihre Familie in große Sorge. Die Familienmitglieder spüren womöglich eine gemeinschaftliche Verantwortung und Sorge für die Frau und wollen daher bei ihr bleiben. Sie wollen ein vulnerables Familienmitglied nicht sich selbst überlassen. Ihre Werte spiegeln wieder, dass Probleme kollektiv gelöst werden.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Das Ereignis ist ein Beispiel gegenseitigen Kulturschocks. Aus der Perspektive interkulturellen Lernens wird deutlich, dass das Stationspersonal auf der Psychiatrie geschockt war, weil es nicht mit der Patientin und ihrer Familie kommunizieren konnte – weder auf persönlicher noch auf professioneller Ebene. Ihnen fehlten Methoden und Strategien, mit der Situation umzugehen.

Auch die professionelle Autorität, die medizinischem Personal meist zukommt, hat in dieser Situation nicht gegriffen. Normalerweise ordnen sich PatientInnen und Angehörige der Expertise des Krankenhauspersonals unter. Bei einer Zwangseinweisung sind PatientInnen oft dagegen. In dieser Situation müssen die Pflegekräfte damit umgehen, dass ihre Autorität angezweifelt wird.

Heute ist es undenkbar – und sogar illegal –, dass nicht sofort einE DolmetscherIn gerufen wird. Krankenhauspersonal hat im Großen und Ganzen auch mehr Wissen über interkulturelle Kommunikation und Möglichkeiten, auf unterschiedliche kulturelle Zugänge zu (psychischer) Krankheit, Pflegebedürfnisse der Familie etc. einzugehen. Allerdings zeigt sich an dem Ereignis, dass interkulturelle Kompetenz über verbale Kommunikation hinausreichen muss und non-verbale Kommunikation nicht einfach als „Aggression“ ausgelegt werden kann.

Des Weiteren ist es ein Beispiel für mangelnde Kommunikation und Kooperation zwischen dem Krankenhauspersonal und dem einweisenden Arzt. Warum hat der Arzt die Familie im Vorfeld nicht besser aufgeklärt und darauf vorbereitet, was eine Einweisung beinhaltet?