Der Farbkode

Das Ereignis

Es war Nachmittag und ich arbeitete in der Notaufnahme im Krankenhaus. Dort wird in Notfällen ein Farbkodierungssystem verwendet, das den Patienten die Farben weiß, grün, gelb und rot (je nach Schweregrad) zuordnet, wenn sie den Raum betreten. Patienten, die sich in Notfallsituationen befinden, haben Vorrang.

Ein Paar, das gerade erst den Raum betrat, fragte mich, wie lange sie bis zur medizinischen Untersuchung warten müssten. Es war an dem Nachmittag viel Betrieb im Krankenhaus und die Patienten hielten sich nicht an die Regeln und versuchten, jemanden zu finden, der sie vor ihnen an die Reihe ließ, ohne sich an den Farbkode zu halten, der ihnen zugeordnet war.

Bevor ich die Frage des Paares beantwortete, sammelte ich – um nicht unvorbereitet zu sein – Informationen über die Situation des Patienten und die Gründe, warum dieser eine medizinische Untersuchung benötigte. Ich stellte fest, dass die Gesundheit des Patienten in diesem Fall nicht in Gefahr war und dass er nur zur Routinekontrolle da war. Der Farbkode, der ihm zugeordnet wurde, war richtig. Ich versuchte, ihm zu erklären, dass die Wartezeit an die Farbkodes geknüpft ist und dass die anderen Patienten auch warten mussten.

Der Patient und die Frau beschwerten sich lautstark bei mir. Der Patient und seine weibliche Begleitung hielten es für notwendig, eine dringende Behandlung zu erhalten, doch ich wusste, welcher Kode ihnen zugeordnet worden war, und hielt mich an die Vorschriften des Krankenhauses.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

In diesen Vorfall sind drei Personen verwickelt:

Die Erzählerin ist ausgebildete Krankenschwester und Professorin an der Universität von Palermo. Als der Vorfall stattfindet, arbeitet sie als Krankenschwester in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Palermo, Italien. Sie ist 52 Jahre alt und stammt aus Italien. Man könnte sie als Idealistin bezeichnen, der Basiswerte wie Familienleben, soziale Gerechtigkeit und Gemeinschaft sehr wichtig sind.

Eine italienische Frau, Mitte 50.

Sie wird von einem männlichen Patienten begleitet, der ebenfalls Mitte 50 ist und auf eine medizinische Behandlung wartet. Beide haben einen niedrigen sozialen Statuts und teilen die herkömmliche Vorstellung der Italiener, dass man Regeln nicht unbedingt befolgen muss, auch nicht in Institutionen, wo spezifische Regeln gelten, sondern dass man auch Ausnahmen machen kann.

2. Setting und Kontext

Zwischen den beteiligten AkteurInnen besteht eine rein berufliche Verbindung. Gemeinsamkeiten gibt es sowohl bei der italienischen Herkunft als auch bei der Sprache. Allerdings unterscheiden sie sich hinsichtlich des sozialen Status. Die Krankenschwester hat eine Ausbildung abgeschlossen und ist Professorin an der Universität, während die beiden anderen AkteurInnen einen niedrigen sozialen Status haben.

Die Krankenschwester gewährleistet den PatientInnen Zugang zum Arzt/Ärztin und sorgt dafür, dass alle in der richtigen Reihenfolge, je nach Schwere ihrer Krankheit drankommen. Die Atmosphäre im Warteraum ist durch die Unruhe der PatientInnen angespannt. Die Krankenschwester ist in der Regel mit den ÄrztInnen zusammen im Untersuchungsraum, doch in diesem Fall muss sie aufgrund der Beschwerden des Paares eine Ausnahme machen. Im Eingangsbereich des Untersuchungsraums geht sie auf die Bedürfnisse und Beschwerden der beiden ein und versucht, die Situation zu beruhigen.

3. Emotionale Reaktion

Die Krankenschwester war gestresst und stand aufgrund der vielen PatientInnen und der langen Wartezeit unter Druck. Die Unverschämtheit des betroffenen Paares löste in ihr Frustration und Hilflosigkeit aus, sodass es für sie schwierig war, in dieser Situation die Kontrolle zu behalten. Sie versuchte, den Patienten und die Frau zu beruhigen, indem sie ihnen das System der Farbkodes erklärte und versuchte, die Krankenhausregeln durchzusetzen.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Achtung der Regeln/Gleichheit:

Die Erzählerin betont, dass für alle PatientInnen einheitliche Regeln gelten und dass die bestehenden Regeln auch eingehalten werden müssen. Außerdem sind die Krankenhausregeln eine Garantie dafür, dass alle PatientInnen gleich behandelt werden und somit nicht die Möglichkeit besteht, auf Kosten anderer PatientInnen besondere Privilegien oder Vorteile zu erzielen.

Sie bleibt diesen Regeln treu und duldet auch keine Ausnahmen, wie zum Beispiel das Überspringen von Personen in der Warteschlange, wenn man jemanden kennt. Sie setzt die Regeln des Krankenhauses durch und stellt somit sicher, dass niemand bevorzugt wird und keine Spannung zwischen den PatientInnen aufkommt.

2) Professionalität:

Die Erzählerin reagierte professionell und versuchte, den Patienten und seine Begleitung zu beruhigen. Sie erklärte ihnen, warum sie warten mussten und machte ihnen klar, dass der Farbkode aufgrund seines Gesundheitszustands der richtige war. Die Erzählerin wendet die Abläufe des Krankenhauses an und leistet professionelle Unterstützung. Ihre berufliche Professionalität soll dementsprechend respektiert werden.

3) Ruhe und gegenseitiger Respekt:

Die Erzählerin schätzt Höflichkeit, insbesondere an öffentlichen Orten wie Krankenhäusern, wo Sensibilität und Ruhe gezeigt werden müssen, vor allem in der Notaufnahme, wo sich das medizinische Personal mit hochsensiblen Situationen auseinandersetzen muss. In Krankenhäusern gelten implizite Verhaltensregeln: Es wird weder laut gesprochen, noch wird sich viel hin und her bewegt. Es wird gebeten, Ruhe zu bewahren, um so die ÄrztInnen nicht zu stören.

Sie hat erwartet, dass die PatientInnen genauso höflich zu ihr sind, wie sie zu ihnen. Die Realität sieht allerdings anders aus und so löste das Frustration aus, da es an gegenseitigem Respekt mangelte. Wenn man höflich und freundlich zu jemanden ist, erwartet man das gleiche auch von der anderen Person (Reziprozität).

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Es entsteht ein negatives Bild der Erzählerin von den anderen Personen, da der Patient ihr keinen Respekt entgegenbringt und sich nicht an die Regeln (Farbkodes) des Krankenhauses halten will. Die Erzählerin ist auch verärgert über das Verhalten des Patienten und seiner Begleitung, da sie feststellen muss, dass sie nur bevorzugt werden und sich nicht an die Krankenhausregeln halten wollen.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Vorschriften können umgangen werden

Im Gegensatz zu einem starren System an Regeln kann man in Italien in einzelnen Institutionen eine gewisse Flexibilität feststellen. Aufgrund dieser Flexibilität ist es normal, dass Personen versuchen, Vorteile daraus zu ziehen.

Der Patient und seine Begleitung haben eine Sonderbehandlung erwartet, womöglich, weil sie schon öfter da waren oder weil die Routinebehandlung nicht lange dauert, und wollten so die Warteschlange umgehen.

Dieses Verhalten passt zur Mehrheitsgesellschaft in Italien, wo Korruption und das Nichteinhalten von Regeln an der Tagesordnung stehen können, vor allem im öffentlichen Sektor und bei Menschen mit einem niedrigen sozialen Status.

Autorität und Geschlechtergleichstellung

Hier spielen zwei Gedanken eine Rolle: Auf der einen Seite gibt es eine Reihe von Krankenhausregeln, an die sich das Paar nicht halten möchte. Auf der anderen Seite fällt es ihnen womöglich schwer, dem Urteil der Krankenschwester zu vertrauen. Dies aus zwei Gründen: Erstens wird eine Krankenschwester für gewöhnlich nur als Untergeordnete des Arztes angesehen, als eine Art „Assistentin“, die viel weniger qualifiziert ist und nicht in der Lage ist, eine genaue Diagnose abzugeben. Zweitens ist sie eine Frau und die Mehrheitsgesellschaft in Italien betrachtet Frauen in vielen Bereichen als weniger fähig als Männer, vor allem wenn es um den Gesundheitsbereich geht.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Die Krankenschwester behält ihre professionelle Haltung bei und lässt sich nicht auf Diskussionen ein. Sie rechtfertigt das System auch nicht, was ja nicht ihre Aufgabe ist. Sie handelt in jeglicher Hinsicht professionell, dass sie dem Patienten die Situation erklärt und ausdrücklich auf das System der Farbkodes hinweist.