Sex mit Patienten

Das Ereignis

Eines Tages erzählte mir meine Kollegin, dass sie mit einem Patienten geschlafen habe. Nicht nur mit einem, sie hatte bereits Sex mit einem ungarischen Patienten, einem kolumbianischen, einem aus … Es wirkte so, als hätte sie eine Liste darüber erstellt, mit welchen Patienten aus welchen Ländern sie bereits geschlafen hatte. Ich war schockiert, konnte es nicht glauben. Wie unethisch ist das denn bitte! Mit Patienten intim zu werden, geht einfach nicht. Außerdem fragte ich mich, warum sie mir davon erzählte. Ich antwortete ihr sofort, dass ich ihr Verhalten unmöglich finde. Aber sie schien mich nicht zu verstehen. Sie erwiderte: „Weißt du, in Peru könnte ich das alles nie machen. Aber ich bin jetzt hier, kann mich anders anziehen als in Peru und all das ist kein Problem. Ich bin jetzt Europäerin.“ Ihre Argumentation verstörte mich. Ich bin auch eine Frau aus Lateinamerika, aber ich verhalte mich nicht so. Obendrein haben auch nicht alle Österreicherinnen einfach Sex mit Patienten oder schlafen jede Woche mit einer anderen Person. Ihre Anspielungen waren nicht richtig, sie ärgerten mich. Auch in einer offenen Gesellschaft gibt es Regeln.

Nach diesem Vorfall fand ich es sehr schwierig, mit dieser Kollegin zusammenzuarbeiten. Schlussendlich entschieden wir, ihren Arbeitsvertrag auslaufen zu lassen.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen
  1. Erzählerin

Verheiratete Mutter von sechs Kindern; in Österreich lebend, in Mexiko geboren und aufgewachsen; 59 Jahre alt; praktizierende Katholikin; sehr gut ausgebildet; arbeitet in der Arztpraxis ihres Ehemanns; sehr internationales Leben (als Diplomatin gearbeitet, in mehreren unterschiedlichen Ländern gelebt);

  1. Assistentin aus Peru

31 Jahre alte Arzthelferin; in Peru geboren und aufgewachsen; lebt seit vier Jahren in Österreich; Katholikin; alleinstehend; heterosexuell; arbeitet bei einem praktischen Arzt;

Indirekt involvierte Akteure:

  1. Ehemann / Arzt

Allgemeinmediziner; Österreicher mit ungarischen Vorfahren; verheiratet, 6 Kinder, Leiter der Praxis

  1. Patienten unterschiedlicher nationaler Herkunft, mit denen die Assistentin Sex hatte

Die zwei Hauptakteure, die Erzählerin und ihre Kollegin, sind beide weiblich und leben in Wien, arbeiten beide als Assistentinnen des Chefarztes und sind auch beide in Südamerika aufgewachsen. Sie sind heterosexuell und wurden beide katholisch erzogen. Die Erzählerin ist dreißig Jahre älter als ihre Kollegin und lebt auch schon seit längerer Zeit in Österreich. Sie ist verheiratet und hat Kinder, während ihre Kollegin Single ist. Darüber hinaus ist ihre Kollegin eine normale Angestellte, während die Erzählerin mit dem Arzt verheiratet ist, wodurch ihr eine höhere Bedeutung in der Arztpraxis zukommt und sie in der Hierarchie über ihre Kollegin stellt.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich zwischen zwei Angestellten einer Arztpraxis in Wien. Der Chef der Praxis ist der Ehemann der Erzählerin. Die Praxis legt den Fokus auf eine internationale Kundschaft; sie haben bereits 5.000 PatientInnen aus aller Welt. In 4 Jahren hat der Arzt bereits mehr als 24 MitarbeiterInnen (hohe Fluktuation) beschäftigt. Die Erzählerin merkt an, dass viele MitarbeiterInnen nicht in einem so internationalen Umfeld und mit PatientInnen unterschiedlichster Hintergründe, die manchmal kein Deutsch sprechen, arbeiten können. Viele von ihnen waren überfordert oder zeigten eine unfreundliche Haltung gegenüber den PatientInnen.

Vor diesem Vorfall gab es zwischen der Erzählerin und ihrer Kollegin keine Konflikte. Sie pflegten bis dahin eine freundliche Beziehung zueinander.

Die Erzählerin sieht sich selbst als Migrantin, die schon des Öfteren mit Stereotypen und abfälligen Bemerkungen hinsichtlich ihrer südamerikanischen Abstammung konfrontiert worden ist, seit sie in Österreich lebt. Sie selbst hingegen hat eine sehr positive Auffassung von Migration und Mehrsprachigkeit.

3. Emotionale Reaktion

Verärgert, erstaunt, verstört;

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Sexuelle Normen:

Monogamie oder zumindest keine regelmäßig wechselnden Sexualpartner.

Sex wird mit Partnerschaft, Emotionen und Liebe in Verbindung gebracht.

Sex findet idealerweise in der Ehe statt.

Wenn man viele unterschiedliche Sexualpartner hat, sollte man dies nicht groß zur Schau stellen.

Sexualpartner sind nichts, das man sammeln sollte, schon gar nicht auf Basis von Kriterien wie Nationalität.

Professionelle Vorschriften können Einfluss darauf haben, mit wem man schlafen darf und mit wem nicht. Im Kontext von Beziehungen zwischen PatientInnen und dem medizinischen Personal ersetzt die Berufsethik individuelle Wünsche.

Ethik in der medizinischen / beruflichen Praxis:

Kein Sex mit PatientInnen: Sex mit PatientInnen gilt als unethisch, da das medizinische Personal seine berufliche Position und damit die Verletzlichkeit der PatientInnen ausnutzen kann. Das kann zu einem Verlust von Vertrauen in medizinische Berufe führen.

Spezifische Verhaltensregeln, wie man sich professionell verhalten muss: nicht nur im Umgang mit PatientInnen, sondern auch im Umgang mit KollegInnen. Die Nachricht der Kollegin über ihre sexuellen Erlebnisse bringt die Erzählerin in eine unangenehme Lage. Sie bevorzugt, nichts zu wissen, als offen mit ihrer Kollegin über dieses delikate Thema zu reden.

Die Erzählerin präferiert eine professionellen Beziehung zu ihren KollegInnen gegenüber einer persönlichen

Unethisches Verhalten des Personals stellt die Reputation der Praxis in Frage und infolgedessen die berufliche Stellung des Ehemannes der Erzählerin.

Grad der Akkulturation:

Sozialisierte Werte sollten nicht einfach aufgrund der Einwanderung in ein neues Land aufgegeben werden; die Erzählerin ist der Meinung, dass an einigen zentralen Elementen aus dem alten Wertesystem festgehalten werden sollte, anstatt sofort alle Werte des neuen Lands zu übernehmen.

Weil sie von ihrer Kollegin als südamerikanische Frau angesprochen wurde, sieht sie die Notwendigkeit, zwischen ihr und der Assistentin Grenzen zu ziehen.

Nicht-kulturalisierende Sicht auf Werte:

Ethisches Verhalten bestimmt sich nicht durch den Kontext, sondern hängt am Individuum. Obwohl die Erzählerin einige ihrer Werte ihrer katholischen Erziehung und dem damit einhergehenden Wertesystem zuschreibt, hinterfragt sie die Sicht, dass Personen, die einen kulturellen Hintergrund teilen, auch Werte teile.

Hinterfragen von Gruppenstereotypen / individualistische Orientierung: Kulturelle Unterschiede aufzurufen ist keine Entschuldigung für rücksichtsloses und unethisches Verhalten. Die Entscheidung, wie sich eine Person verhält, fällt im Endeffekt immer die Person selbst.

Es gibt sowohl in liberalen, als auch in traditionellen Gesellschaften Regeln; Ordnung ist nicht an traditionelle Formen der sozialen Organisation gebunden.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Unethisch, promiskuitiv, naiv.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Offenheit für neue kulturelle Erfahrungen:

Das Leben in Österreich wird im Vergleich zum Leben in Peru als befreiend erlebt, da es offensichtlich mehr Spielraum im persönlichen Verhalten gibt.

Die Assistentin zeigt ihre Bereitschaft, sich zu integrieren und als einschränkend empfundene Regeln, die sie während ihrer Sozialisierung gelernt hat, abzulegen.

Soziale (sexuelle) Beziehungen sind eine Möglichkeit sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Sexuelle Beziehungen können als Versuch verstanden werden, sich kulturell zu integrieren.

Werte und Verhaltensregeln müssen nicht starr sein, sondern können spielerisch ausprobiert werden.

Präferenz zur Aushandlung von Verhaltensregeln: auch am Arbeitsplatz und unter KollegInnen.

Sozialen Anschluss finden:

Das Kennenlernen der neuen Gesellschaft ist von hoher Bedeutung.

Die Assistentin spricht mit der Erzählerin als Freundin, Vertrauter und nicht als Kollegin – in diesem Fall wird die persönliche Beziehung gegenüber der professionellen Beziehung bevorzugt.

Das Mitteilen von persönlichen Erlebnissen wird als Gelegenheit gesehen, eine Verbindung herzustellen.

Auf der einen Seite ist das Schließen einer engen freundschaftlichen Beziehung wichtiger als der eigene Beruf und die professionelle Stellung. Auf der anderen Seite empfindet die Assistentin Sex mit Patienten vielleicht nicht als unprofessionell.

Sexuelle Freiheiten:

Vor allem als Frau, die solche Freiheiten vorher nicht erlebt hat, gibt es keinen Grund die sexuellen Beziehungen auf romantische Beziehungen zu beschränken.

Fokus auf Begehren, Spontanität und neue Erfahrungen.

Ethik in der beruflichen Praxis:

Zwei Erwachsene, die Sex haben, verletzt die Berufsethik nicht.

Unterscheidung zwischen professionellem Selbst und privatem Selbst: was sie in ihrer Freizeit macht, sollte nicht von ihren ArbeitskollegInnen beurteilt werden.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?
  1. Implizite vs. explizite Verhaltensregeln in Gesundheitseinrichtungen

In Gesundheitseinrichtungen muss jeweils explizit gemacht werden, was als ethische Praxis von MitarbeiterInnen gilt. MitarbeiterInnen sollten klar wissen, welche Verhaltensweisen institutionell akzeptiert sind und welche nicht.

Problem der Überregulierung: Verhaltensregeln können niemals allumfassend sein, und wenn sie es sind, sind sie eher hinderlich. Stattdessen sollten allgemeine Leitlinien der ethischen Berufspraxis geschaffen werden und mit Reflexion und Supervision als Teil der Berufskultur einhergehen, sodass ethische Dilemmas und mögliche Lösungen unter MitarbeiterInnen diskutiert werden können.

Die Entwicklung von Leitlinien über die berufliche Kultur ist besonders in transkulturellen Arbeitsumfeldern relevant, wo unterschiedliche Erwartungen und implizite Normen koexistieren und aufeinanderstoßen.

Sich über Richtlinien Gedanken zu machen, führt zu institutionellen Diskussionen, die nicht nur Standards von Professionalität und ethische Praxis thematisieren, sondern auch die Beteiligung aller MitarbeiterInnen auf institutioneller Ebene stärken.

  1. Arbeit in transkulturellen Teams

Im Gesundheitssektor arbeiten Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft regelmäßig in transkulturellen Teams zusammen. Während persönliche Erfahrungen, wie es ist, den kulturellen Kontext zu wechseln, oftmals transkulturelle Kompetenzen erhöhen, können unterschiedliche Zugänge zu Akkulturation und unterschiedliche Erwartungen an Gruppenähnlichkeiten zu Konflikten unter MitarbeiterInnen führen – wie dies in diesem Beispiel der Fall ist.

Kulturelle Identitäten können weiter mit Elementen der Arbeitskultur / institutionellen Kultur zusammenstoßen, was auf Schulungsbedarf verweist, wie in transkulturellen Teams im Gesundheitsbereich zusammen gearbeitet werden kann.