Ein voller Untersuchungsraum

Das Ereignis

Ich war Assistenzarzt und wurde in die Notaufnahme des Krankenhauses gerufen, wo mich ein junger, ca. 16-jähriger Patient erwartete, der an Magenschmerzen litt. Er kam aus einer „reisenden Gemeinschaft“ (Roma und Sinti). Ich bat die Familie, sich vom Untersuchungsraum fernzuhalten, aber sie weigerten sich. Somit hielten sich vier Personen mit dem Patienten in dem kleinen Untersuchungsraum auf. Jedes Mal, wenn ich ihm eine Frage stellte, war es der Vater, der antwortete, und die Mutter stöhnte nur. Ich wusste nicht, wer die anderen zwei Personen waren. Es herrschte eine dichte Atmosphäre und so fiel mir die Untersuchung nicht leicht. Ich wurde nervös, da ich die Untersuchung nicht unter normalen Bedingungen durchführen konnte.

Ich forderte die Familie auf, den Raum zu verlassen. Daraufhin starrten alle den Vater an und warteten auf seine Entscheidung. Also unterhielt ich mich mit dem Vater und gab ihm zu verstehen, dass ich seine Besorgnis nachvollziehen konnte, jedoch auch, dass ich meine Ruhe brauchte, um seinen Sohn unter den besten Bedingungen zu untersuchen.

Schließlich willigte er ein und die Familie wartete im Flur.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Insgesamt waren 5 Personen anwesend: der junge Patient, seine Eltern und zwei zusätzliche Personen. Also 4 Männer und 1 Frau.

Bei dem verheirateten Paar handelte es sich um die Eltern des Patienten, allerdings wusste ich nicht, wer die anderen 2 Personen waren. Sie machten den Eindruck als, würden sie alle der gleichen Familie angehören oder wie ein Teil des gleichen Clans, wobei der Vater dabei definitiv das Oberhaupt dieses Clans darstellte und der einzige Entscheidungsträger war.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich in einem allgemeinen Krankenhaus eines Pariser Vorortes, genannte Val d’Oise. Der Erzähler war der einzige Assistenzarzt, der für die Notaufnahme zur Verfügung stand (es war auch noch ein Praktikant für chirurgische Notfälle anwesend). Es war das erste Mal, dass der Erzähler eine Aufnahme mit Angehörigen der Roma hatte.

3. Emotionale Reaktion

„Ich fühlte mich unruhig und nervös. Ich wurde durch all die anwesenden Personen abgelenkt und somit konnte ich keine korrekte Untersuchung des Jungen durchführen, um das Ausmaß seiner Symptome abzuschätzen.

Daraufhin forderte ich die Angehörigen in einem normalen Tonfall auf, den Raum zu verlassen, aber sie weigerten sich. Ich wurde nervös und forderte sie anschließend mit lauter Stimme noch einmal auf, den Raum zu verlassen. Wieder erfolglos. Also erklärte ich dem Vater, dass ich allein sein müsste, um seinem Sohn die bestmögliche medizinische Untersuchung bieten zu können.“

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Kontextbezogene Kommunikation

In der Kultur des Erzählers ist es üblich, dass man weiß, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Das hilft den Menschen, sich an verschiedene Umstände anzupassen und ermöglicht es, sich „korrekt“ zu verhalten. Das heißt, wenn man in ein Krankenhaus geht, ist man ruhig und leise, man begleitet seine Liebsten, aber man lässt anschießend die PatientInnen und ÄrztInnen in Ruhe arbeiten

2) Die non-verbale Kommunikation

Der Erzähler versucht auf verschiedenste Art und Weise mit der Alterität (dem Anderssein) der Familie umzugehen. Er versucht zunächst, die Situation zu verstehen und testet dann einzelne Strategien, um die Situation zu beeinflussen. Die kulturelle Anpassung, hilft die kulturellen Regeln der Anderen zu verstehen.

3) Aufgabe und Verantwortung des Arztes

Die Aufgabe des Erzählers ist es, den Patienten zu untersuchen, um so das Ausmaß seiner Symptome abzuschätzen, um so anschließend nach den Bedürfnissen des Patienten bestmöglich handeln zu können. Dies geschieht am besten in einem ruhigen Umfeld, um so eine vollständige Untersuchung des Körpers und ein offenes Arzt-Patienten Gespräch durchzuführen. „Um ganz ehrlich zu sein, waren mir die Sorgen der Familie am Anfang egal, ich wollte nur die Untersuchung durchführen.“

4) Autonomie und Selbstbestimmung

Da der Patient 16 Jahre alt ist, sollte er in der Lage sein, Fragen zu seiner Gesundheit selbst zu beantworten.

5) Vertraulichkeit

Normalerweise, wenn Jugendliche zu einer Beratung mit ihren Eltern kommen, bittet der Arzt die Eltern ab, einem bestimmten Moment draußen zu warten, damit er ein vertrauliches Gespräch mit dem Patienten führen kann. In manchem Fällen vertraut der Patient dem Arzt wichtige Informationen an, die hilfreich für die weitere Behandlung sein können.

6) Bedrohung der beruflichen Identität

„Ich brauche eine ruhige, emotionslose Atmosphäre um die Untersuchung auf die bestmögliche Art und Weise durchzuführen. Diese ruhige Atmosphäre wurde durch die Familie bedroht und ich wurde durch den Lärm der Familie, ihrer Ängste und Enge im Raum abgelenkt.“

Es lastet bei der Behandlung von Notfällen eine große Verantwortung auf dem Arzt und damit seine volle Konzentration gewährleistet ist, braucht er absolute Ruhe. Die Geräusche und Kommentare der Verwandten haben ihn von seiner eigentlichen Aufgabe abgelenkt.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ und von Stress geprägt

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Kollektivismus. Die traditionellen Roma legen großen Wert auf die Familie. Kulturelle Identität ist allgegenwärtig in der Roma-Gemeinschaft und wird mit Stolz und Selbstwertgefühl innerhalb der Gemeinschaft assoziiert. Wissenschaftlicher Literatur zufolge dient das Selbstwertgefühl als wichtiger Puffer, der Schutz vor allen Arten von bio-psychosozialen Problemen bietet.

Krankenhäuser sind kühle Orte. Dies muss durch die Wärme der Großfamilie kompensiert werden. Deshalb versammelt sich, wenn ein Familienmitglied krank wird, die ganze Familie und nicht nur die engen Familienmitglieder der betroffenen Person – die Familie steht über dem Individuum.

2) Die Gesundheit der Roma in der Gemeinschaft: Das Konzept von Gesundheit und Krankheit geht über das Individuum hinaus und erstreckt sich auf Gruppen-und Gemeinschaftsfragen (vor allem in der erweiterten Familie). Die Entscheidungen eines Individuums in Bezug auf seine Gesundheit sind stark von seiner erweiterten Familie beeinflusst. Dies macht die Beziehung zum Gesundheitssystem kompliziert, da es nicht mehr eine Beziehung zwischen dem Gesundheitssystem und dem Individuum ist, sondern zwischen dem System, dem Individuum und einer Großfamilie. Dies hat sichtbare und auffällige Auswirkungen, die mit der Anwesenheit von Familienmitgliedern in Arztpraxen, Notaufnahmen oder im Krankenhaus einhergehen, was oft ärgerlich sein kann. Die Großfamilie hat in der Regel eine klare Vorstellung davon, wie die anderen Familienmitglieder leben sollten. Wenn diese Vorstellungen starr sind und die betreffende Person sich nicht an diese Vorstellungen halten kann, könnten die Konsequenzen für das soziale, geistige und sogar körperliche Wohlbefinden der Person negativ sein.

3) Patriarchale Vorstellungen: Traditionell handelt es sich um eine patriarchale Gemeinschaft und dies könnte auch die Autorität des Vaters als einzigen „autorisierten“ Sprecher erklären.

4) Ausdruck von Gefühlen:

Menschen aus Sprachkulturen wie die Roma drücken sich eher laut aus; Spontane Äußerungen gelten als Zeichen der Ehrlichkeit; In einer angsterfüllten Situation Gefühle zu zeigen, ist anerkannt und stellt keinen Gesichtsverlust dar.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Es ist wichtig, dass man Stress und Angst der Personen, die die PatientInnen begleiten, berücksichtigt. Wenn man das kulturelle Verhalten der Familie versteht, ist es anschließend auch einfacher, mit dem sogenannten Familienoberhaupt zu sprechen und ihm zu erklären, warum die Familie am besten außerhalb des Untersuchungsraumes warten muss. Danach kann man ihm die Ergebnisse der Voruntersuchungen berichten und die weiteren Schritte der Untersuchungen erklären.

Des Weiteren zeigt sich an der Situation, wie bedeutend soziale Kompetenzen für die Arbeit im Gesundheits- und Sozialbereich sind. Der Assistenzarzt bemerkte, dass der Vater die zentrale Person war, und adressierte ihn in der Folge mit seinen Bitten und Erklärungen. Ohne die Hinwendung zum Vater hätte sich die Situation vermutlich nicht auflösen lassen.

Allerdings arbeiten ÄrztInnen unter hohem Druck und schwierigen Bedingungen, so dass ihnen vielfach die Zeit für lange Erklärungen und Auseinandersetzung mit den Angehörigen fehlt. In der Situation wäre es hilfreich gewesen, wäre der Assistenzarzt nicht alleine gewesen, sondern hätte Unterstützung z.B. durch eineN KrankenpflegerIn gehabt. Eine zusätzliche Person hätte auf die Kommunikation mit den Angehörigen fokussieren können, während der Assitenzarzt den Patienten versorgt.