Religion an den Docks

Das Ereignis

Während des Eintreffens von Flüchtlingen an den Docks im Hafen von Trapani in Italien – wo unter anderem auch medizinische Betreuung angeboten wird – kam eine der freiwilligen Helferinnen zu mir. Sie war sehr aufgebracht und beschwerte sich lautstark über ein somalisches Mädchen, das auch dabei war. Die freiwillige Helferin wollte, dass ich dem Mädchen mitteilte, dass sie keinen Aufstand darüber machen sollte, dass sie kein Kopftuch bekam, um ihre Haare zu bedecken, da sie damit nur den Ablauf an den Docks verlangsamte.

 

Während ich mit beiden sprach und versuchte, die freiwillige Helferin zu beruhigen, schilderte sie die Geschehnisse: Das somalische Mädchen hatte eine Anti-Krätze Behandlung erhalten und neue Kleider bekommen, da die alten gewaschen wurden. Da sie keinen Ersatz für ihr Kopftuch bekommen hatte, den sie vor der Behandlung getragen hatte, hatte sie wieder ihr altes aufgesetzt. Diese Aktion hatte aber die Anti-Krätze Behandlung hinfällig gemacht und das Mädchen hatte damit den Unmut der freiwilligen Helferin auf sich gezogen. Der Frau war nicht bewusst, dass sie dem Mädchen hätte klar machen müssen, wie wichtig es ist, nach der Behandlung die Kleider zu wechseln, und ihr war auch nicht bewusst, dass das Kopftuch eine große Bedeutung für das Mädchen hatte.

 

Ich versuchte, der freiwilligen Helferin zu erklären, wie wichtig dieses Kopftuch für das Mädchen sei und wie einfach man das Problem hätte lösen können. Sie jedoch schimpfte weiter mit dem Mädchen und fluchte auf Italienisch „Wie sind hier in Italien“ und machte auch keine Anstalten, etwas aufzutreiben, was das Kopftuch ersetzen könnte. Als ein anderer Kollege zu Hilfe kam, beruhigte sich die Situation und er brachte uns einen Schal, der das Kopftuch ersetzen konnte.

 

Ich konnte meinen Ärger während der Arbeit nicht kundtun, da das unprofessionell gewesen wäre. Allerdings dauerte es Tage bis ich mich wieder beruhigte. Ich konnte die Gründe dieser Frau einfach nicht nachvollziehen, vor allem da sie eine freiwillige Helferin war und einen völligen Mangel an Offenheit und Verständnis für diese Situation aufwies.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Die Erzählerin ist eine Dolmetscherin, die am Hafen von Trapani auf Sizilien für das Rote Kreuz arbeitet. Dort hilft sie Flüchtlingen, die am Hafen mit den Booten eintreffen. Sie ist 31 Jahre alt und kommt aus Italien. Die Erzählerin ist überzeugt davon, dass ihre Fähigkeiten als Dolmetscherin für die Flüchtlinge von großem Wert sind, da sie interkulturell vermittelt. Sie übt diese Tätigkeit hauptberuflich aus und wird dementsprechend auch dafür bezahlt.

Bei der anderen Person in diesem Vorfall handelt es sich um eine 50-jährige italienische Frau, die als Freiwillige mit den Flüchtlingen arbeitet. Sie bringt viel Erfahrung in diesem Bereich mit. Da sie als Freiwillige arbeitet, erhält sie für diese Arbeit keine Entlohnung. Wie alle freiwilligen HelferInnen hat auch sie ein interkulturelles Training erhalten.

Das Mädchen ist eine junge Muslimin aus Somalia.

Zwischen den ersten beiden Akteurinnen besteht in dem Sinne eine Verbindung, da sie für die gleiche Organisation arbeiten, dem Roten Kreuz. Sie kennen sich nicht persönlich, treffen sich aber ab und zu, wenn Flüchtlinge eintreffen.

Die dritte beteiligte Person ist ein somalisches Mädchen, das gerade mit dem Boot am Hafen eingetroffen ist. Sie wird von der besagten Organisation unterstützt und muss sich nach ihrer Ankunft einer Kontrolle unterziehen.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich im November 2015 in der Hafenstadt Trapani auf Sizilien, wo die Flüchtlinge am Hafen empfangen werden und dort Unterstützung vom Roten Kreuz erhalten. Aufgrund der angespannten Lage geht es dort meist sehr chaotisch zu. Die Flüchtlinge, die mit den Booten von der nordafrikanischen Küste ankommen, bekommen sowohl materielle als auch emotionale Unterstützung und werden medizinisch versorgt.

Sobald die Flüchtlinge die Boote verlassen, müssen sie durch verschiedene Zelte, die am Hafen stehen. Dort müssen sich die Flüchtlinge einigen Behandlungen und Kontrollen unterziehen und werden sowohl mit Kleidung als auch Essen versorgt. In den ersten beiden Zelten erhalten sie medizinische Behandlung und werden auf mögliche gesundheitliche Risiken kontrolliert. Die Erzählerin assistierte einem Arzt im ersten Zelt. Während der ersten medizinischen Behandlung erhält jeder ein Armband, das zur Identifikation dient. Daraufhin wird für jeden Flüchtling eine medizinische Akte angelegt und jeder erhält Essen, Kleidung und eine Anti-Krätze Behandlung.

Das dritte Zelt wird von der Landesgesundheitsbehörde verwaltet, die für die Anti-Krätzebehandlung zuständig ist. Die Flüchtlinge werden nach der ersten medizinischen Behandlung  in dieses Zelt geleitet, wo sie dann ihre Kleider ausziehen müssen, da diese womöglich verunreinigt sind. Im Anschluss daran erhalten sie neue, saubere Kleidung. Das Mädchen hatte sich auch dieser Anti-Krätze Behandlung unterzogen. Die freiwillige Helferin war, gefolgt von dem somalischen Mädchen, zur Dolmetscherin ins erste Zelt zurückgekommen, um mit ihr zu reden.

Das letzte Zelt wird von der Polizei verwaltet. Dieser letzte Schritt dient der behördlichen Erfassung und Identifikation der Flüchtlinge.

Insgesamt waren etwa 20 freiwillige HelferInnen anwesend, von denen 7 vom Roten Kreuz waren. Von der ortsansässigen Gesundheitsbehörde waren 7 Ärzte und Krankenschwestern anwesend und von der Polizei waren etwa 10 Beamten vor Ort. Die Dolmetscherin schätzt, dass etwas mehr als 100 Flüchtlinge an dem Tag mit den Booten eintrafen.

Das untere Bild zeigt den physischen Rahmen, in dem sich der Vorfall abgespielt hat. Das Zelt, in dem sich der Vorfall abgespielt hat, ist mit einem Pfeil gekennzeichnet. DocksIncident

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin verspürte Wut. Das Verhalten ihrer Kollegin störte sie sehr, auch wenn sie die Vermutung hatte, dass die freiwillige Helferin gar nicht wusste, warum sie so verärgert war. Die Erzählerin versuchte, Ruhe zu bewahren und eine professionelle Haltung an den Tag zu legen. Das war in dieser Situation auch nötig, da ihre Kollegin bereits die Fassung verloren hatte.

Die Erzählerin war frustriert und aufgrund des Verhaltens ihrer Kollegin auch irritiert.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Menschenrechte – Glaubensfreiheit

Die Erzählerin ist der Meinung, dass jeder das Recht hat, sich zu seiner Religion zu bekennen und dafür auch respektiert werden sollte. Sie empfindet es als wichtig, dass jeder seine Meinungsfreiheit und in diesem Fall seine Glaubensfreiheit wahren sollte. Sie unterstützt die Achtung der Menschenrechte und empfindet es als eine Pflicht, die Flüchtlinge mit Respekt willkommen zu heißen. Neben dem Respekt hebt sie aber auch die Bedeutung der Anti-Krätze Behandlung hervor.

2) Unterschiede in ihren Berufsrollen

Die Dolmetscherin empfindet ihre Rolle bei der Unterstützung der Flüchtlinge am Hafen als sehr wichtig und versucht, ihre berufliche Haltung beizubehalten. Dies zeigt sich besonders in der Situation mit ihrer Kollegin, die in dem Fall einen Mangel an Professionalität aufweist, aber auch nicht bezahlt wird und somit freiwillig, d.h. semi-professionell dort ist. Die Erzählerin ist der Meinung, dass die freiwillige Helferin keine professionellen Werte vertritt und nicht das notwendige Wissen besitzt, um ihren Dienst mit Flüchtlingen am Hafen zu tun. Dieser Unterschied in ihren „Berufsrollen“ könnte zu Konflikten führen, die sich negativ auf das somalische Mädchen auswirken.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Es entsteht ein negatives Bild der freiwilligen Helferin, da sie einen Mangel an Sensibilität und Empathie aufweist und nicht die Fähigkeit besitzt, auf die Bedürfnisse des somalischen Mädchens einzugehen. Das mangelnde Verständnis für den religiösen Hintergrund des Mädchens verstärkt dieses Bild umso mehr.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Mangel an Ressourcen

Aus Sicht der Freiwilligen könnte im vorliegenden Fall auch ein Mangel an Ressourcen vorliegen. Es könnte sein, dass sich die freiwilligen HelferInnen sehr anstrengen und mit wenigen Ressourcen an einem strengen Hygieneprogramm festhalten. Dieses wurde dann von dem somalischen Mädchen unabsichtlich verletzt. Dadurch wird der gesamte Prozess durcheinandergebracht und die Anstrengungen der Freiwilligen zunichte gemacht.

Erwartete Dankbarkeit und das Kopftuch

Die Frau wird womöglich durch ein Gefühl der Solidarität gegenüber „Schwächeren“ angetrieben. Außerdem hängt ihre Reaktion vielleicht damit zusammen, dass sie erwartet, dass die Flüchtlinge mehr Dankbarkeit zeigen sollten und weniger Wünsche äußern. Das junge somalische Mädchen erscheint aus ihrer Perspektive undankbar, denn ihr wurde gerade durch die Hilfe der Freiwilligen das Leben gerettet und trotzdem beschwert sie sich über ein untergeordnetes Bedürfnis – ein Kopftuch. Für die freiwillige Helferin ist ein Kopftuch ein Accessoire, für das Mädchen ist es ein Kleidungsstück, das genauso wichtig ist wie eine Unterhose.

Kulturelle Anpassung und italienische Identität

Die Freiwillige hat womöglich Angst vor Veränderungen und dass die Flüchtlinge eventuelle Veränderungen herbeiführen. Sie besteht auf die Erhaltung ihrer eigenen Kultur, was durch ihre Aussage „Hier sind wir in Italien“ gut zum Ausdruck kommt. Dadurch gibt sie indirekt zu verstehen, dass das somalische Mädchen sich an die italienische Kultur anpassen und nicht weiter an ihren eigenen kulturellen und religiösen Ansichten festhalten sollte.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Es ist kompliziert und anstrengend, diese Situation zu lösen oder die bestehenden Differenzen beiseite zu legen. Flüchtlinge werden so womöglich mit Vorurteilen und mangelnder Professionalität konfrontiert.

Gerade in der Zusammenarbeit zwischen Hauptamtlichen und Freiwilligen müssen Organisationen wie das Rote Kreuz gute und professionelle Lösungen finden, ohne dass die Kompetenzen der Freiwilligen ständig in Frage gestellt werden. Verpflichtende Fort- und Weiterbildungen, wo Hauptamtliche und Freiwillige zusammenkommen, sind essentiell sowie ein professionelles Freiwilligenmanagement (siehe z.B. Praxishandbuch  Freiwilligenmanagement 2013).