Frauen und Mütter: Die Bedeutung ihrer Vulnerabilität im Zuge von Migrationsbewegungen

Verfasst von Alessandra Cannizzo, Italien

Quellenangabe

Viapiana, S. (2011): Donne e madri nella migrazione (Frauen und Mütter und Migration, übers. CW). In: Antrocom Online Journal of Anthropology, 2011; 7:1+: 83–91.

Zusammenfassung

In den vergangenen Jahren ist Frauen eine entscheidende Rolle für Migrationsbewegungen aufgrund struktureller Veränderungen innerhalb von MigrantInnen-Gemeinschaften zugekommen. Migrantinnen müssen sich besonders mit Diskrepanzen zwischen den tradierten Werten und Vorstellungen, mit denen sie aufgewachsen sind, und den Werten und Vorstellungen in den Ländern, in die sie migriert sind, auseinandersetzen – etwa in Bezug auf Mutterschaft, eheliche Beziehungen, aber auch das Verständnis von Körper oder hinsichtlich der Organisation der Sozial- und Gesundheitssysteme.

Einleitung

Die Studie der Kultur- und Sozialanthropologin Stefania Viapiana vollzieht eine interessante Analyse mit praktischen Beispielen, wie körperliche Praktiken und Lebensstile je nach Herkunftsland und -kultur der Menschen variieren können. Zuerst stellt die Autorin das Konzept des „Doppeltransits“ vor, das die herausfordernde Situation einer Migrantin bezeichnet, die im neuen Land andere Werte und Normen vorfindet als jene, mit denen sie aufgewachsen ist. In ihrer neuen Lebensumgebung muss sie sich dann nicht nur mit den neuen, sondern auch mit den tradierten Werten neu auseinandersetzen. Dann analysiert die Autorin die neue Herausforderung für Migrantinnen, die für die Autonomie von der Autorität des Ehemannes im neuen sozialen Kontext kämpfen. Im Text wird auf ExpertInnen verwiesen, um zentrale Aspekte von Geschlechtsidentität zu klären und die Bedeutung von Praktiken „weibliche Genitalverstümmelung“ zu beleuchten und einige Fälle zu reflektieren. Die ExpertInnen zeigen auf, wie Männer in manchen Kulturen als überlegen konstruiert werden und wie diese Überlegenheit biologisiert, das heißt als biologisch gegeben dargestellt wird. Diese Vorstellung männlicher Überlegenheit wird von den Mitgliedern dieser Kulturen, so auch von Frauen, aktiv hergestellt. Das Thema der weiblichen Genitalverstümmelungen wird anhand von mehreren Beispielen analysiert – etwa anhand von Praktiken, wie Ritualen, die von Frauen als Elemente der lokalen Kultur durchgeführt und bewahrt werden. Schließlich wird eine Reihe von Studien vorgestellt, die zeigen, wie manche dieser tradierten Praktiken und Vorstellungen für Frauen, die in ein anderes Land migriert sind, zur Herausforderung werden können.

Doppeltransit von Migrantinnen und Aspekte der Ethnopsychiatrie

Die Autorin bietet einen Forschungsüberblick, einschließlich der jüngsten kultur- und sozialanthropologischen Beiträge, die sich auf individuelle Identitätskrisen von Migrantinnen konzentrieren, und auf die Fragilität, mit der Geschlechtsidentität in einem neuen Lebensumfeld behaftet sein kann.

Levinson und Beneduce (2004) zeigten in einer Studie, dass Gesellschaften, in denen es ein geringes Ausmaß an Gewalt gegenüber Frauen gibt, tendenziell eine gut funktionierende Machtverteilung zwischen den Geschlechtern aufweisen. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse stellt die Autorin fest, dass Konflikte von Paaren, die im Zuge von Migration auftreten, häufig Ergebnis von Veränderungen sind, die das Paar durch die neuen Lebensbedingungen erlebt. Daher schlägt Viapiana die Sicht vor, dass verheiratete Migrantinnen vielfach einen neuen Feind bekämpfen – die Autorität des Mannes, um sich im neuen sozialen Kontext Autonomie zu erobern.

Der Text schildert die Neuheiten detailliert, die durch die neue Umgebung, in der die Migrantin lebt, eingeführt werden, und verdeutlicht dadurch, dass die kulturelle Identität der Frau ohne Unterstützung der Familie oder Eltern noch schwieriger wird. Ein Teil dieser Schwierigkeiten lässt sich auf die Tatsache zurückführen, dass es ihnen nicht möglich ist, auf einige der Rituale ihres Herkunftslandes zurückzugreifen, ein Umstand, der oft psychische Probleme verursacht. Viele Beispiele beziehen sich auf die Geburt, zum Beispiel auf den Schutz des Babys vor Dämonen (z. B. Djinn in der Maghreb-Region) oder spezielle Ernährungs- und Hygienegewohnheiten für das Baby und die werdende/frisch gebackene Mutter. Ba zufolge ist es möglich, solche Zeremonien als echte „Übergangsrituale“ zu definieren (Ba, 1994: 59–72), die darauf abzielen, die Ängste und Sorgen von Müttern zu beschwichtigen, die gerade geboren haben und die die Ankunft des Babys in der Gruppe anzeigen.

Viapiana bezieht darauf das Phänomen des „Doppeltransit“ dar, das auftritt, wenn Migrantinnen „mit der Neuheit der Werte und Normen des Gastlandes konfrontiert werden, während sie auch schmerzlich von den Werten und Praktiken ihrer Herkunftskultur entfernt sind“ (Viapiana, 2011: 86, übers. CW).

Genderidentität und Genderkonflikte

Im zweiten Teil der Publikation erweitert die Autorin die Theorien der Geschlechtsidentität und der Geschlechterkonflikte, die von einer Reihe von ExpertInnen und ForscherInnen ausgearbeitet wurden, mit dem Ziel, einen theoretischen Hintergrund für die Erläuterung der kulturellen Praktiken, die den Körper von Migrantinnen in westlichen Gesellschaften betreffen, zu schaffen. Die präsentierten kultur- und sozialanthropologischen Theorien und Studien bieten einen Überblick über die soziale und kulturelle Konstruktion der Identität von Frauen als gegenüber Männern minderwertig, sowohl symbolisch als auch praktisch. Die ungleiche Beziehung zwischen Männern und Frauen ist auch in den verschiedenen Konzepten und Praktiken in Bezug auf den Körper von Frauen und ihre Eigenschaften, die als inhärente „natürliche“ Handicaps, wie Zartheit, geringeres Gewicht, kleinere Statur, Schwangerschaft und Stillen wahrgenommen werden, repräsentiert (Nahoum-Grappe 1996, Héritier 2002). Was das betrifft, argumentiert Héritier, dass der Begriff des Andersseins als Ausgangspunkt eine Störung der Harmonie der Welt annimmt, vielleicht einen Regelverstoß (sie erinnert an die Vorstellung vom verlorenen Paradies). Zum Beispiel beinhaltet die westafrikanische Mythologie, dass Frauen und Männer in getrennten und unabhängigen Gruppen gelebt und sich unabhängig voneinander reproduziert haben. Die Entdeckung des Frauenkörpers von Männern als Quelle der Freude, unabhängig von der Möglichkeit zur Reproduktion, beleidigte dem Glauben nach die Schöpfergöttlichkeit, die daher Männer und Frauen dazu zwang, zusammenzuleben. Diese Vorstellungen sind keine isolierteren Fälle, da viele Kulturen weltweit Mythen haben, in denen Frauen ohne männlichen Beitrag gebären bzw. von natürlichen Elementen (Wind, See) oder durch Parthenogenese befruchtet werden.

Moisseeff (1997) bringt ein weiteres interessantes Beispiel, wo er aufzeigt, wie die Beziehung zwischen Siedlern und kolonisierten Bevölkerungsgruppen und im Allgemeinen zwischen Herrschenden und Beherrschten besonderen Einfluss auf die Bereiche Sexualität, Körper, Reproduktion und Geschlechterrollen genommen hat. Moisseeff verknüpft die Konflikte, die in Zusammenhang mit dem Geschlecht stehen, mit dem Widerstand, den Entwicklungsländer gegenüber der zunehmenden kulturellen Hegemonie der wirtschaftlich entwickelten Länder an den Tag legen.

Infibulation, Abtrennung, Identität: Zeichen auf dem Körper

Die Autorin untersucht nun die Realität der körperlichen Praktiken, denen Frauenkörper ausgesetzt sind, unterstützt durch einige Beispiele aus verschiedenen kulturellen Traditionen. Zeichensysteme, mythische und rituelle Bräuche, die sich auf den Körper der Frau und ihre Sexualität konzentrieren, sind in vielen Gesellschaften weit verbreitet. Viapiana betont die Prävalenz von Prozessen, die die Fortpflanzungssphäre von Frauen kontrollieren und eine breite Palette von Bedeutungen tragen und verschiedene Zwecke erfüllen, z. B. Reinigung, Kennzeichnung des Übergangs von Kind zu Frau oder Wiederherstellung von Harmonie und sozialer Ordnung im Gegensatz zum undisziplinierten weiblichen Körper.

Weibliche Genitalverstümmelungen sind Praktiken, die seit der Entstehung der großen Weltreligionen (Islam, Judentum, Christentum) zu finden sind. Sie können als anhaltendes Ritual für die Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse zwischen dominierenden und untergeordneten Kulturen verstanden werden. Verschiedene Rituale, die mit solchen Modifikationen zusammenhängen, gibt es in unterschiedlichen Gesellschaften (Äthiopien, Saudi-Arabien, Somalia, Ägypten und Sudan), wo Infibulation betrieben wird, um die Sexualität und die Jungfräulichkeit von Frauen zu kontrollieren. Manchmal hat es auch die Bedeutung der Reinigung oder die Beseitigung eines entfernt maskulinen Körperteils (der Klitoris), um das weibliche Kind in die „richtige“ sexuelle Kategorie zu zwingen (z. B. im Dogon-Stamm in Mali, den Griaule in den 1930ern erforschte). Durch solche Beispiele und Studien betont Viapiana, dass die Integrität des Körpers als ein komplexer Wert betrachtet werden muss, wenn es zur Begegnung verschiedener Kulturen kommt. Es gibt verschiedene Begründungen für diese Kennzeichnung des Körpers (z. B. die Regulierung der Kraftdynamik, wie von Augé 2002 angeführt), die verschiedene Bedeutungen transportieren und sicherlich die Psyche der so „gekennzeichneten“ Frau beeinflussen. Die Erfahrung der Infibulation wird von Migrantinnen selten preisgegeben; jedoch, wie die Autorin betont, beziehen sie sich darauf als fundamentale Erfahrung in ihrem Leben, die notwendig ist, um ästhetischen Maßstäben der Schönheit des weiblichen Körpers in ihrer Herkunftskultur zu entsprechen (Fusaschi, 2003).

Viapiana betont die zutiefst widersprüchlichen Werte von westlichen und anderen Gesellschaften in Bezug auf Genitalveränderungen, ein Konflikt, den Migrantinnen aus Ländern, in denen Infibulation üblich ist, in den neuen Gesellschaft erleben.

Van der Kwaak (1992: 777–787) führt aus, dass zum Beispiel in Somalia Keuschheit und die Kontrolle der weiblichen Sexualität stark mit der Definition der weiblichen Identität verknüpft sind. In diesem Kontext hat die Infibulation einen Initiationswert, der sowohl durch ein Ritual als auch durch die verwendete Sprache ausgedrückt wird: Vor der Operation werden die Mädchen gabar („kleines Mädchen“) genannt, nachher qabar dhoocil („infibuliertes Mädchen“) und deshalb „heiratsfähiges Mädchen“, für das der zukünftige Ehemann „den Brautpreis“ zahlen muss. Darüber hinaus zeugt die Tatsache, dass das Haar des Mädchens abrasiert wird, noch deutlicher von der Bedeutung des Rituals als Initiation.

Conclusio

MigrantInnen und Geflüchtete stehen vor einigen Herausforderungen im Alltag. Zweifellos sind Frauen dabei besonders betroffen, vor allem, wenn sie Mütter sind – wegen der unterschiedlichen Bedeutungen, die an ihre Körper geknüpft sind. Wie von Viapiana durch mehrere Studien untermauert, sind Migrantinnen mit einem „Doppeltransit“ konfrontiert, da sie sich sowohl mit Werten und Normen des neuen Lebensumfelds gegenübersehen als sich auch mit jenen ihrer eigenen kulturellen Herkunft beschäftigen müssen.

Einerseits bietet die Autorin im Text ein kritisches Verständnis verschiedener Praktiken rund um den weiblichen Körper in Kulturen außerhalb der westlichen. Auf der anderen Seite zeigt sie die große Distanz zwischen den Werten der MigrantInnenengemeinschaften und denen des neuen Lebensumfelds (obwohl einige Gemeinsamkeiten existieren, wie die Binärkonzeption von Frauen und Männern) auf. Sie unterstreicht die noch größere Schwierigkeit für Migrantinnen, zwischen den vorherrschenden Werten in ihrer Herkunftskultur und jenen der Aufnahmegesellschaft zu verhandeln. Zum Abschluss gibt die Autorin Denkanstöße, wie die Rolle von Frauen in Migrationsgesellschaften differenziert betrachtet werden kann. Angesichts der Vielfalt der Beispiele und der zitierten AutorInnen stellt der Text eine leicht zugängliche Einführung in die herausfordernden Aspekte der kulturellen Vielfalt im Zusammenhang mit Gesundheit dar.

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