Stechende Schmerzen? Ein brennendes Herz? Kulturelle Variationen des Schmerzempfindens.

Verfasst von Agnes Raschauer, Österreich

Quellenangabe

Kohnen, N. (2009): Feeling and coping with pain in different cultures (Das Fühlen von Schmerz und der Umgang damit in verschiedenen Kulturen, übers. CW). In: Kutalek, R.; Prinz, A. (Hrsg.): Essays in Medical Anthropology. The Austrian Ethnomedical Society after Thirty Years. Wien: LIT Verlag GmbH: 321–328.

Einleitung

Im Allgemeinen wird das Schmerzempfinden entweder als etwas rein Individuelles oder als mit biologischen Prozessen verbunden betrachtet, die alle Menschen in einer bestimmten Weise beeinflussen. So scheinen einige Menschen eine hohe Schmerzgrenze zu haben, andere haben eine niedrigere und werden als überempfindlich gegenüber Schmerzen wahrgenommen. Doch wie Menschen Schmerzen erleben und interpretieren, unterliegt nicht nur ihrem individuellen Toleranzniveau oder den biochemischen Reaktionen. Vielmehr hängt das Schmerzempfinden an sozial hergestellten Sichten auf die Welt, die  beeinflussen, wie körperliche Empfindungen interpretiert werden. In seiner Arbeit zeigt Norbert Kohnen kulturelle Variationen bei jenen Konzepten auf, die dem Empfinden von Schmerz zugrunde liegen. Nach einer Analyse kultur- und sozialanthropologischer Forschung führt er eine Vielzahl von Beispielen an, wie Schmerzen kulturspezifisch erlebt und verarbeitet werden.

Wenn man sich nicht bewusst ist, wie Schmerzen in verschiedenen Kulturen unterschiedliche gefühlt und ausgedrückt werden können, kann es zu negativen Auswirkungen auf die medizinische Arbeit kommen, zum Beispiel, wenn einE Arzt/Ärztin denkt, dass einE PatientIn keine Schmerzen hat, obwohl das, was der/die PatientIn fühlt, nur nicht mit den vorgefassten Vorstellungen darüber, wie Schmerz ausgedrückt wird, übereinstimmt.

Kultur- und sozialanthropologische Forschung, die kulturelle Unterschiede im Schmerzempfinden zeigt

Kohnen erklärt, dass Schmerzgrenzen sehr variabel sind, obwohl es nur geringe kulturelle Variationen hinsichtlich „der Schwelle, an der Menschen überhaupt Stimuli – Kribbeln oder Wärme –  empfinden“ (321, übers. AR) gibt. Ein sehr anschauliches Beispiel ist von Hardy u. a. (1952), die berichten, dass als schmerzhaft empfundene Wärmestufen von im Mittelmeer lebenden Menschen und BewohnerInnen aus Nordeuropa ganz anders erlebt werden. Hitze, die letztere als „warm“ definieren, wird von den ersteren als schmerzhaft empfunden.

Der Autor verweist weiter auf die bahnbrechende Arbeit von Mark Zborowski (1951, 1969), der zu dem Ergebnis kam, dass nicht nur Empfinden und Ausdruck von Schmerzen sehr variabel sind und kulturspezifischen Interpretationen der Welt unterliegen, sondern auch, wie Gemeinschaften mit ihren leidenden Mitgliedern umgehen. Er führte eine kultur- und sozialanthropologische Forschung (mittels Interviews, Umfragen und Beobachtungen im Feld) in einer Krankenstation für Veteranen durch, wobei er sich auf vier Gruppen von Patienten konzentrierte: irische Amerikaner, italienische Amerikaner, jüdische Amerikaner und so genannte „Old Americans“. Zborowski kam zu dem Schluss, dass, während irisch-amerikanische Patienten kaum über ihren Schmerz sprachen und sich in Isolation zurückzogen, die italienischen Amerikaner dazu neigten, sehr offen über ihr Leiden zu sprechen und den sozialen Kontakt zu brauchen. Er berichtete auch über verschiedene Zugänge zu Schmerz, in der Hinsicht, wie stark ein Patient betonte, Schmerzen zu haben und wie sehr er seinen eigenen Erfahrungen vertraute.

„Kulturelle Bewältigungsstrategien“

In der Kultur- und Sozialanthropologie werden die Arten, die kulturelle Gemeinschaften entwickeln, um mit Schmerz umzugehen, als „kulturelle Bewältigungsstrategien“ bezeichnet (323). Diese Strategien bauen auf Wissen und Traditionen auf, die von früheren Generationen weitergegeben wurden und lang stehende Praktiken im Umgang mit Krankheit, Schmerz und Heilung geprägt haben. Sie beinhalten kulturell akzeptierte Szenarien, die Einzelpersonen vorschreiben, wie sie bei Eintreten von Schmerzen zu handeln haben und wie sie diese interpretieren sollen. Die „Kontroll-Überzeugungen“, auf die sich eine Kulturgruppe bezieht, sind besonders wichtig für die Entwicklung spezifischer Bewältigungsstrategien. Während für BritInnen, IrInnen oder Menschen aus Nordeuropa eine individualistische Orientierung, mit Tendenz zu einer internen Kontrollüberzeugung charakteristisch ist, lassen sich die italienische oder die türkische Gesellschaft als familienorientiert mit Tendenz für eine externe Kontrollüberzeugung beschreiben. Dies bedeutet, dass erstere dazu neigen, sich beim Umgang mit Schmerzen auf sich selbst zu konzentrieren, Gefühle für sich zu behalten und eher sozialen Rückzug zu ergreifen. Die letzteren dagegen bevorzugen die Gesellschaft von Familienmitgliedern, wenn sie leiden und entwickeln eher gemeinschaftliche Strategien zum Umgang mit Schmerzen.

Kohnen beschreibt fünf verschiedene Bewältigungsstrategien und schreibt jede einer „ethnischen und religiösen Gruppe“ zu, für die sie charakteristisch ist, betont jedoch, dass „alle angeführten Strategien anteilsmäßig in allen Kulturen vorgefunden werden können“ (323, übers. AR). Unter anderem bezeichnet Kohnen tödliche Schmerzbewältigungsstrategien, die das Beenden von Schmerz einer höheren Macht zuordnen. Infolgedessen hat die leidende Person kaum Verpflichtung zu handeln, d. h. eineN Arzt/Ärztin aufzusuchen und „das Richtige“ zu tun, um das Leiden zu lindern. Manchmal werden magische Praktiken durchgeführt, die einen Einfluss darauf haben können, wie der Schmerz erlebt wird. Eine religiöse Sicht auf Schmerzen, üblich zum Beispiel im Christentum oder bei BuddhistInnen, konzeptualisiert andererseits den Schmerz als einen Prozess, den ein Individuum zu ertragen hat, um seinen/ihren Glauben zu demonstrieren. Ein drittes Konzept ist die rationale Behandlung von Schmerzen, bei denen Schmerzen untersucht, einem bestimmten Körperteil zugeschrieben und überwacht werden und Gegenstand einer professionellen medizinischen Behandlung sind. Ein emotionaler Zugang zu Schmerzen scheint hier fehl am Platz zu sein.

Conclusio: Berücksichtigung kultureller Variationen beim Schmerzempfinden in der medizinischen Praxis

Kohnen vertritt die Position, dass die Behandlung von Schmerzen als universelles Phänomen einer qualitätsvollen Gesundheitsversorgung nicht dienlich ist. Die PatientInnen können ihr Schmerzempfinden auf verschiedene Arten ausdrücken: durch Rückzug, durch Rationalisierung, durch Weinen und das Zeigen von emotionaler Aufregung. Kein Ausdruck von Schmerz ist mehr oder weniger gültig oder zeigt mehr oder weniger wahres Leiden an. Das Festhalten an der Vorstellung, dass sich Schmerzempfinden und sogar Schmerz selbst, wie von den PatientInnen mitgeteilt, auf bestimmte Art und Weise manifestieren muss, führt zu Missverständnissen, Frustration und vielleicht sogar zu Fehlbehandlungen. „JedeR PatientIn ist einE InformantIn, aber nicht jedeR InformantIn ist einE guteR. Ob einE PatientIn einE guteR InformantIn ist, hängt stark von dem/der untersuchenden Arzt/Ärztin ab und wie gut er/sie ihre PatientInnen verstehen und wie gut er/sie die Horizonte und Erfahrungen des Informanten/der Informantin erweitern können.“ (326, übers. CW)

Literaturhinweise

  • Hardy, J. D.; Wolff, H.G.; Goodell, H. (1952): Pain sensations and Reactions. Baltimore: Williams & Wilk
  • Zborowski, M. (1952): Cultural components in responses to pain. In: Journal of Social Issues 8: 16–30.
  • Zborowski, M. (1969): People in pain. San Francisco: Jossey-Bass.