Indigene und biomedizinische Krankheitsbegriffe: Ein komplementärer Ansatz zur HIV-/Aids-Prävention in Mosambik

Verfasst von Agnes Raschauer, Österreich

Quellenangabe

Kotanyi, S. (2005): Zur Relevanz indigener Konzepte von Krankheit und Ansteckung für eine wirksamere HIV/Aids-Prävention im soziokulturellen Kontext von Mosambik. In: Curare Zeitschrift für Ethnomedizin und transkulturelle Psychiatrie, 28:2+3: 247–264.

Einleitung: Der begrenzte Erfolg der HIV-/AIDS-Prävention

Dieser Beitrag konzentriert sich auf die HIV-/AIDS-Prävention in Mosambik und Subsahara-Afrika. Darin argumentiert Sophie Kotanyi, dass der begrenzte Erfolg von Präventionsbemühungen auf ihr starkes Festhalten an einem biomedizinischen Ansatz zurückzuführen ist, wobei indigene Konzepte von Krankheit und Ansteckung vernachlässigt werden. Aus ihrer Sicht muss HIV/AIDS als eine soziokulturelle Angelegenheit gesehen werden. Erfolgreiche Präventionsmaßnahmen sollten sich damit auseinandersetzen, wie vor Ort soziale Beziehungen hergestellt und aufrechterhalten werden, und welche Sicht auf die Welt und Erklärungsmuster für Krankheiten vorherrschen. Aufbauend auf Forschung, die die Autorin in verschiedenen Regionen Mosambiks durchgeführt hat, untersucht sie, wie indigene Konzepte und Praktiken in die HIV-/AIDS-Prävention integriert werden könnten, um deren Wirkung zu stärken.

Es ist kein neuer Ansatz, dass die Gestaltung von medizinischer Praxis und sozialer Intervention die Werte, Meinungen und Lebensweisen einer lokalen Bevölkerung miteinbeziehen muss, um von dieser Bevölkerung akzeptiert zu werden. Damit die Gesundheitsversorgung und Präventionsmaßnahmen erfolgreich sind, müssen sie in irgendeiner Weise zu dem bestehenden Glauben passen bzw. sich mit diesem auseinandersetzen. Dennoch bezieht HIV-/AIDS-Prävention in Mosambik und Subsahara-Afrika selten lokale Konzepte und Glaubenssysteme ein. Ausgehend von dieser Beobachtung beginnt Kotanyi mit der Analyse, wie indigene Krankheitsbegriffe HIV-/AIDS-Prävention beeinflussen können. Sie untersucht nicht nur, wie die Präventionsmaßnahmen durch indigene Konzepte untergraben werden, sondern auch, wie diese Konzepte die Präventionsmethoden unterstützen könnten.

Biomedizinische Vorstellungen von Prävention versus traditionelle Heilungskonzepte?

Bisher beruhen präventive Maßnahmen stark auf einer biomedizinischen Vorstellung von Infektionskrankheiten und deren Übertragung. Biomedizin bezieht sich auf ein medizinisches Modell, das in der westlichen Hemisphäre vorherrscht, wo die Gesundheitssysteme im Allgemeinen auf diesem Ansatz basieren. Dem biomedizinischen Modell folgend wird Wissen über Gesundheit und Krankheit durch Naturwissenschaften und wissenschaftliche Praktiken gewonnen, mit Betonung auf der Bedeutung biologischer Prozesse für die Behandlung von körperlichen Zuständen, die als Krankheiten verstanden werden. Es ist mit spezifischen Annahmen darüber verbunden, was Gesundheit/einen gesunden Körper ausmacht und welche Faktoren für die Diagnose und Behandlung als relevant erachtet werden. Während physikalische und biochemische Prozesse prioritär betrachtet werden, werden sozialer Kontext und individuelle Erfahrungen weitgehend vernachlässigt.

Traditionelle Konzepte von Behandlung beruhen dagegen auf den Besonderheiten der lokalen Kultur. Sie entstehen aus Glauben, historischen Praktiken und Formen der sozialen Organisation. Häufig folgen sie einem ganzheitlichen Ansatz – und weichen damit grundlegend von der Praxis der Kategorisierung körperlicher Prozesse innerhalb der Biomedizin ab. „Traditionell“ bedeutet, dass Ideen und Konzepte von früheren Generationen, meist mündlich, weitergegeben werden. So sind die traditionellen Heilkonzepte nicht starr, sondern ändern sich im Laufe der Zeit, im Zuge der Übergabe von einer Generation zur anderen, aber auch während der aktuellen gesellschaftlichen Praxis. Auf diese Weise sind sie nicht veraltete, überholte Praktiken, sondern Konzepte, die tradiert wurden und fest in der Gegenwart verankert sind.

Kotanyi streicht hervor, dass es allgemeinen an Zusammenarbeit zwischen biomedizinischen ExpertInnen und solchen der indigenen Medizin in Mosambik und vielen Ländern in Subsahara-Afrika mangelt. Traditionelle Medizin wurde in der Vergangenheit in Mosambik kriminalisiert, was heute nicht mehr der Fall ist. Doch die Staatsbehörden zögern noch, traditionelle Heilpraktiken als Medizin zu akzeptieren. Der Autorin zufolge sind es in der Regel nicht die traditionellen HeilerInnen, die sich der Zusammenarbeit widersetzen, sondern VertreterInnen des Staates, die erwarten, dass die HeilerInnen die Zusammenarbeit ablehnen. Konzepte von Gesundheit, Krankheit und Heilung sind an Fragen der Macht gebunden.

Komplementarität

In einigen afrikanischen Ländern wurde versucht, traditionelle HeilerInnen in Präventionsmaßnahmen einzubeziehen. Das brachte bislang wenig Erfolg, weil Mitglieder des biomedizinischen Systems oder staatliche AkteurInnen versucht haben, indigene Heilmethoden zu integrieren, indem sie jene dem biomedizinischen Modell anpassen wollten. Dadurch wurden sie der Logik der biomedizinischen Prävention untergeordnet und ihr spezifischer Charakter ging verloren.

Kotanyi schlägt stattdessen einen komplementären Ansatz zur HIV-/AIDS-Prävention vor. Basierend auf dem Konzept der Komplementarität von George Devereux (1972) werden indigene und biomedizinische Erklärungen als zwei verschiedene Dimensionen der Phänomene Gesundheit/Krankheit betrachtet, die jeweils eine bestimmte Logik aufweisen. Die PatientInnen können also gleichzeitig an biomedizinischen Ideen festhalten, während sie auch an indigene Konzepte glauben. Die Annäherung dieser beiden Modelle in einer komplementären Weise bedeutet, jede nach ihrer eigenen Logik und nicht aus der Sicht der jeweils anderen zu beurteilen. An den Standards der Biomedizin gemessen, scheinen indigene Konzepte immer unzulänglich und umgekehrt. Nach dem Konzept der Komplementarität werden beide Ansätze nach ihrer jeweils eigenen Logik betrachtet. Da Biomedizin und indigene Konzepte auf verschiedene Dinge zielen, sollten sie nicht verschmolzen werden, vielmehr können sie sich gegenseitig ergänzen.

Auf diese Weise sollen beide Ansätze parallelisiert werden, da jeder in der Lage ist, bestimmte Elemente der HIV-/AIDS-Prävention zu beleuchten. Die Parallelisierung von Biomedizin und indigenen Konzepten hilft, zu einem umfassenderen, nuancierteren Bild zu gelangen. Infolgedessen könnten Präventionsstrategien, die auf der Grundlage eines komplementären Ansatzes entwickelt wurden, für die örtlichen Gegebenheiten, auf die sie abzielen, besser geeignet sein.

Zum Beispiel ist die Verwendung von Heilpflanzen ein Element indigener Heilpraktiken. Die Behandlung mit Heilpflanzen kann einem Patienten/einer Patientin bei einigen HIV-/AIDS-Symptomen, wie Herpes, Appetitlosigkeit oder Durchfall, helfen. Darüber hinaus können rituelle Verfahren, die mit Heilpraktiken verbunden sind, weitere positive Effekte hervorrufen. Diese Behandlungen können komplementär zu biomedizinischen Verfahren erfolgen. Im besten Fall besprechen sich traditionelle HeilerInnen und biomedizinische Fachleute und vereinbaren eine Vorgehensweise, um positive Effekte zu maximieren und negative Wechselwirkungen zu vermeiden.

Indigene Konzepte

Krankheit und Heilung in Mosambik und Subsahara-Afrika sind weitgehend von indigenen medizinischen Konzepten durchzogen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung in Subsahara-Afrika glauben, dass Krankheit durch biologische Prozesse verursacht wird. Die meisten Ätiologien räumen sozialen Gründen Vorrang ein. Diese Ätiologien spielen eine wichtige Rolle dabei, wie die Einheimischen mit HIV-/AIDS-Präventionsmaßnahmen umgehen.

Innerhalb der indigenen Heilung ist die Bedeutung einer Krankheit der Schlüssel. Um diese Bedeutung aufzudecken, muss man herausfinden, wann, wo und warum eine Krankheit entstanden ist. Die Krankheit wird gewöhnlich als eine Störung in den sozialen Beziehungen der kranken Person interpretiert – entweder zwischen den Lebenden und den Toten oder zwischen Lebenden. Die Analyse der Krankheit zielt darauf ab, die sozialen Beziehungen der kranken Person zu rekonstruieren, um den Grund für die Krankheit in diesen Beziehungen zu finden. Unter den indigenen Konzepten, die Kotanyi erforscht hat, gibt es vier Hauptursachen für die Krankheit: 1) Vorfahren (verstorben), 2) Geister, 3) Hexerei und 4) Krankheit, die von Gott geschickt wurde oder „einfach so“ geschah. Der Autorin zufolge kann jede Erklärung für die HIV-/AIDS-Prävention relevant sein. Die folgenden Anmerkungen fokussieren zunächst auf das Beispiel der Vorfahren (verstorben) und dann auf das der Hexerei, um zu erörtern, wie diese Konzepte mit biomedizinischen Präventionsmethoden synchronisiert werden könnten.

Krankheit befällt eineN, wenn die Beziehung zu toten Vorfahren gestört wird; Harmonie zwischen Leben und Toten ist der Schlüssel für Glück und Gesundheit. Die Beziehung kann gestört werden, wenn die Hinterbliebenen die wichtigen Begräbnis- und Trauer-Rituale nicht angemessen ausführen. Krankheit könnte auch den Vorfahren zugeschrieben werden, wenn möglicherweise ein Tabu gebrochen wurde. So wird beispielsweise nach dem Verlust des/der Ehepartners/-partnerin von dem Witwer/der Witwe erwartet, dass er/sie traditionelle Reinigungsrituale durchführt, da jeder Tod eine Form der gesellschaftlichen Verunreinigung der Hinterbliebenen mit sich bringt. Um diesen verunreinigten Zustand des Seins zu verlassen, müssen die Hinterbliebenen Reinigungsrituale durchführen. Diese Rituale nicht durchzuführen bedeutet, ein Tabu zu brechen, was dann als Auslöser für Krankheiten gesehen wird. Es wird auch geglaubt, dass Vorfahren auf das Brechen von sexuellen Tabus reagieren. Da die Ahnen als moralische Autoritäten gelten und das Verhalten beeinflussen können, sollte sich die HIV-/AIDS-Prävention darauf konzentrieren, wie die Überzeugungen, die die Vorfahren betreffen, dazu beitragen könnten, Präventionsstrategien zu unterstützen.

Ein weiterer Grund, warum es wichtig ist, sich mit indigenen Konzepten der Vorfahren auseinanderzusetzen, ist, dass Symptome, die mit einer HIV-/AIDS-Infektion einhergehen, oftmals nicht als solche interpretiert werden, sondern als Folgen, die sich aus dem Brechen eines Tabus ergeben. Die Kombination von biomedizinischem Fachwissen mit dem der traditionellen HeilerInnen könnte zu einem früheren Erkennen der HIV-Infektion führen: Symptome, die auf das Brechen eines Tabus hinweisen, könnten auch HIV/AIDS anzeigen.

Darüber hinaus sind einige indigene Reinigungsrituale, die nach dem Tod eines Ehepartners/einer Ehepartnerin durchgeführt werden müssen, rituelle sexuelle Handlungen, um die verwitwete Person von der sozialen Verunreinigung durch den Tod zu entheben. Aus biomedizinischer Sicht haben diese Rituale ein hohes Risiko, HIV/AIDS zu verbreiten. In einigen Regionen wurden diese Rituale abgewandelt, um das Infektionspotential zu minimieren, d. h. der Koitus wird vermieden. Wenn es zwischen Fachleuten der indigenen Medizin und biomedizinischen ExpertInnen keinen Dialog gibt, müssen sich die Menschen entscheiden, ob sie in einer sozial verunreinigten Position verweilen oder risikoreiches Sexualverhalten an den Tag legen.

Ein zweites Konzept, das sich für die Kommunikation und die Erarbeitung von Präventionsmaßnahmen als relevant erweisen könnte, ist Hexerei. Hexerei bezieht sich auf die Beziehungen zwischen Lebenden, die eine negative Wendung genommen haben. In Mosambik umfasst dies alle Arten von bösen Gedanken und Absichten, die Menschen haben, aber auch unbeabsichtigtes schädliches Verhalten, zum Beispiel durch Neid verursacht. Da die Menschen die tödliche Krankheit HIV/AIDS an andere Menschen weitergeben, kann sie als Ergebnis von Hexerei wahrgenommen werden. Kotanyi zitiert ein Beispiel einer Krankenschwester in Paris, die ursprünglich aus dem Kongo stammt und mit HIV lebt. Obwohl die Krankenschwester biomedizinische Erklärungen von HIV/AIDS akzeptiert, war es ihr wichtig, aufzudecken, ob in ihrer Familie Hexerei vorkam. Sie wollte nicht sterben und als Hexe betrachtet werden. Den indigenen Konzepten zufolge ist es einer toten Hexe nicht möglich, von einer Toten zu einer Ahnin zu werden, was wiederum bedeutet, dass sie nicht in der Lage ist, die lebenden Familienmitglieder zu schützen. Dieses Beispiel zeigt nicht nur, dass die Menschen an verschiedene Arten von Ätiologien zeitgleich glauben können, die möglicherweise widersprüchlich sind, ihnen aber sinnhaft erscheinen. Es demonstriert auch das Potenzial einer Auseinandersetzung mit Konzepten der Hexerei für die HIV-/AIDS-Prävention. Infizierte Personen erhalten viel mehr Unterstützung durch die Gemeinschaft, wenn sie als Opfer von Hexerei und nicht als Hexen selbst wahrgenommen werden.

Kotanyi sieht die Inkonsistenz zwischen gesellschaftlich verbreiteten Konzepten und Überzeugungen und der Logik der HIV-/Aids-Prävention als weitgehend verantwortlich für die mangelnde Wirkung. Vor allem, da die Unterschiede nicht angesprochen werden. Während die HIV-/Aids-Prävention auf biomedizinischen Vorstellungen der Infektion aufgebaut ist, ist Verunreinigung, wie sie von vielen Menschen in Mosambik und Subsahara-Afrika verstanden wird, ein hoch soziales Konzept.

Schlussfolgerung: Wie die HIV-/AIDS-Prävention von der Parallelisierung biomedizinischer und indigener Strategien profitieren kann

Um zu erfolgreicheren Präventionsstrategien zu gelangen, beschäftigte sich Kotanyi mit indigenen Konzepten von Krankheit, die in Mosambik und Subsahara-Afrika vorherrschen. Ihre Erkenntnisse deuten darauf hin, dass Infektion, Krankheit und Heilung Dimensionen des gesellschaftlichen Lebens sind, die nicht einzeln behandelt werden können, sondern in ihrer Einbindung in die eigene Gemeinschaft. So muss die Prävention systematisch lokale Gemeinschaften inkludieren, lokale Sprachen verwenden und landläufige Formen der Verbreitung von Information anwenden. Broschüren zum Beispiel sind keine adäquate Art der Aufklärung in hauptsächlich mündlichen Kulturen, die auf Metaphern, Geschichtenerzählen, Lied und Tanz beruhen.

Darüber hinaus erklärt Kotanyi, dass es viel mehr Sinn macht, soziale Konzepte der Verunreinigung anzusprechen, anstatt nur biologische Ursachen für die HIV-/AIDS-Infektion zu berücksichtigen. Wenn indigene Konzepte zur Verbreitung der Infektion führen, sollten sie mit traditionellen HeilerInnen, Fachleuten der indigenen Medizin und den örtlichen Behörden diskutiert werden, um sie entsprechend anzupassen. Immer wenn sich Konzepte zur Förderung der Prävention eignen, sollten sie in Präventionsstrategien eingebunden werden. Dabei ist es wichtig, diese Konzepte nicht einer biomedizinischen Logik unterzuordnen, sondern sie mit bestehenden biomedizinischen Präventionsstrategien zu parallelisieren.

Auf diese Weise müssen sich Menschen, die an Präventionsbemühungen beteiligt sind, mit indigenen Konzepten beschäftigen, um die Prävention effektiver zu gestalten. Durch die Beachtung unterschiedlicher Ätiologien könnte die HIV-/AIDS-Prävention ihre Wirkung verstärken.