Gesundheitspersonal und wie es PatientInnen aus verschiedenen ethnischen Gruppen wahrnehmen

Verfasst von Suki Rai, Großbritannien
Quellenangabe
Kai, J.; Beavan, J.; Faull, C.; Dodson, L.; Gill, P.; Beighton, A. (2007): Professional uncertainty and disempowerment responding to ethnic diversity in health care: a qualitative study (Professionelle Unsicherheit und Entmachtung als Antwort auf ethnische Vielfalt im Gesundheitswesen: eine qualitative Studie, übers. CW). In: PLoS Med, 4(11): 1766–1775.

Einleitung

Europäische Gesellschaften werden in Bezug auf Ethnizität, den nationalen und kulturellen Hintergrund ihrer Mitglieder immer vielfältiger. GesundheitsexpertInnen und EntscheidungsträgerInnen versuchen zu gewährleisten, dass jedeR gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitswesen hat, aber es gibt zunehmende Hinweise auf Ungleichheiten zwischen ethnischen Gruppen in Bezug auf den Gesundheitszustand.
Organisationen und Einrichtungen im Gesundheitsbereich haben Aus-, Fort- und Weiterbildungen zu „kultureller Kompetenz“ eingeführt, um Fähigkeiten von Einzelpersonen und Organisationen zu fördern, die es ermöglichen, besser mit Menschen unterschiedlicher kultureller Hintergründe zu arbeiten. Das Gesundheitspersonal lernt dabei Unterschiede in den Vorstellungen über Gesundheit und Krankheit in verschiedenen Maßnahmen, verschiedene Religionen und Kommunikationsstile kennen. Dies soll ihnen dabei helfen, die bestmögliche Versorgung zu bieten.
Der Beitrag zielt darauf ab, zu verstehen, wie Personal im Gesundheitsbereich seine Arbeit mit PatientInnen aus unterschiedlichen ethnischen Gruppen erlebt und wahrnimmt. Insbesondere geht es darum, ob ihr Verhalten sich unterscheidet, wenn sie mit PatientInnen unterschiedlicher ethnischer Gruppen zu tun haben, und ob das zu gesundheitsspezifischen Ungleichheiten beiträgt. Diese qualitative Studie fokussierte auf Krebsbehandlungen und führte 18 Fokusgruppen in primären und sekundären Versorgungseinrichtungen durch, die aus 106 Gesundheitsfachkräften unterschiedlicher Disziplinen bestanden. Die Studie fand in den Midlands in Großbritannien statt.

Methode

Die Studie verwendete Fokusgruppen anstelle von Face-to-Face-Interviews, damit Gruppeninteraktionen stattfinden konnten. Diese Fokusgruppen wurden verwendet, um Einstellungen, Meinungen und Annahmen zu untersuchen und den TeilnehmerInnen die Möglichkeit zu geben, die Perspektiven der anderen zu diskutieren.
Jede dieser Fokusgruppen bestand entweder aus Personen mit demselben disziplinären Hintergrund, um den Erfahrungsaustausch zu ermöglichen, oder aus einer multidisziplinären Gruppe, um Diskussionen innerhalb eines Pflegeteams anzuregen.
Die Merkmale der TeilnehmerInnen lassen sich wie folgt kategorisieren:

Kategorie Merkmal Anzahl (%)
Gesundheitsberuf Arzt/Ärztini 22 (21)
GemeindekrankenpflegerIn 21 (20)
KrankenhauskrankenpflegerIn 18 (17)
GesundheitsexpertInii 16 (15)
AdvokatIn, Anwaltschaft 21 (20)
AdministratorIn oder ManagerIn im Gesundheitswesen 8 (7)
Berichtete Häufigkeit der Arbeit mit PatientInnen ethnischer Minderheiten Mindestens täglich 52 (49)
Mindestens wöchentlich 21 (20)
Mindestens monatlich 8 (7)
Seltener als monatlich/unregelmäßig 25 (24)
Altersspanne (y) 24-35 25 (24)
36-45 34 (32)
46-55 33 (31)
56-65 14 (13)
Ethnischer Hintergrund Weiß und geboren in UK 63 (59)
Südasieniii 31 (29)
Afrikanische Karibik 3 (3)
WeißeR EuropäerIn 7 (7)
Chinese/-in 2 (2)
Neben Englisch weitere gesprochene Sprachen Südasiatischiv 27 (25)
Kantonesisch/Mandarin 2 (2)
Karibische Mundart 2 (2)
Afrikanischv 2 (2)
Andere europäische Sprachenvi 14 (13)

Die Diskussionen wurden mit einer offenen Frage begonnen: „Können Sie von einem Erlebnis erzählen, das Sie bei der Betreuung von Menschen einer ethnischen Minderheiten gemacht haben?“ Die Diskussionen dauerten zwischen eineinhalb und zwei Stunden.

Ergebnisse

Die interviewten Fachkräfte wollten einen guten Standard für die Versorgung von PatientInnen mit unterschiedlichen Hintergründen bieten. Allerdings machten sie die Erfahrung, dass die Kommunikation, Sprache und Arbeit mit den Familien der PatientInnen eine Herausforderung für sie darstellte.

Berufliche Unsicherheit

Die Fachkräfte sagten, dass sie sich unsicher fühlten, wenn sie mit PatientInnen konfrontiert waren, die sie als kulturell anders wahrgenommen haben. Angesichts der „Unterschiede“ fühlten sich die Fachkräfte beunruhigt und unbehaglich. Die Befragten betonten, dass ihnen das kulturelle Wissen fehlte und dass sie sich Sorgen darüber machten, wie dies die Versorgung ihrer PatientInnen beeinträchtigen würde. Sie befürchteten, dass ihr Mangel an Wissen zu „Fehlern“ führen könnte oder sie etwas falsch auffassen könnten.
Einige Fachleute waren besorgt, dass ihr Mangel an kulturellem Wissen als diskriminierend oder rassistisch wahrgenommen werden könnte. Allerdings fanden einige Befragte, dass, wenn sie mehr Anstrengungen unternahmen, auf die kulturellen Bedürfnisse ihrer PatientInnen einzugehen, dies als bevorzugte Behandlung wahrgenommen werden könnte, nicht nur von PatientInnen, sondern auch von KollegInnen.

Fokus auf kulturelle Kompetenz

Die Fachkräfte haben ihre eigene Unwissenheit und die Notwendigkeit, ihr kulturelles Bewusstsein zu steigern, erkannt. Sie merkten, dass sie eine Schulung darüber benötigten, wie man PatientInnen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen behandeln kann.
Einige schlugen vor, dass sie in Situationen, in denen Fachkräfte mit PatientInnen aus einer von der eigenen unterschiedenen ethnischen Gruppe konfrontiert waren, die PatientInnen direkt bitten könnten, Probleme zu erklären. Allerdings brachte dieser Ansatz die Sorge auf, dass sie etwas Falsches sagen könnten, was ihre PatientInnen beleidigen könnte. Zum Beispiel:

„Anstatt zu denken, das ist ein Patient, … behandeln wir sie genauso wie wir irgendeinen anderen Patienten auch … Sie werden von der Tatsache überwältigt, dass es eine ethnische Gruppe statt einer Person ist.“ (Palliativpflegeteam) (übers. CW)

Die meisten Befragten hatten das Bedürfnis, mehr über verschiedene Kulturen zu lernen und Leitlinien in Hinsicht auf kulturelle Unterschiede zur Verfügung gestellt zu bekommen. Andere dachten jedoch, dass angesichts der Vielfalt innerhalb der ethnischen Gruppen dies zu Stereotypisierungen von PatientInnen führen könnte und dass PatientInnen als Individuen behandelt werden sollten. Zum Beispiel:

„Natürlich haben wir jetzt die Kulturen verwechselt, nicht wahr? Wir haben eine zweite und dritte Generation von Kindern und Enkeln, die in vielen Familien ziemlich verwestlich sind … ganz hart, dies in unsere Köpfe zu bringen, nicht wahr? Weil wir nicht ganz wissen, mit wem wir es zu tun haben …“ (Palliativpflegeteam: 5, übers. CW)

„Auch wenn du sagen möchtest, dass diese Person polnisch ist, da wird es alle Arten von verschiedenen Vorlieben und Abneigungen, Vorlieben, kulturelle Unterschiede, jeder ist anders …“ (Palliativpflegeteam: 5, übers. CW)

„Es ist keine Produktlinie, die du kennst. Jeder Mensch ist individuell. Die Bedürfnisse von Frau X sind anders als die von Frau Y, obwohl sie die gleiche Krankheit haben. Es ist wirklich nicht, man kann das nicht schwarz und weiß sehen … es hängt davon ab, von Person zu Person. Jeder Fall ist anders.” (Arzt, übers. CW)

Es gab nur wenige Fälle, in denen sich Fachkräfte fähig fühlten, ihre „Unsicherheit“ mit den PatientInnen zu besprechen oder sogar die PatientInnen zu fragen, ihre Perspektive, Sorgen oder Überzeugungen anzusprechen. Es gab jedoch die folgenden zwei Ausnahmen.

„Um darüber nachzudenken, wie du mit Leuten sprichst und darüber nachzudenken, was die Familie und was der Patient/die Patientin selbst am meisten wissen will und wie sie es wissen wollen … Es ist zuhören, nicht? Es ist sich bewusst machen, man kann nicht einfach sagen, dass dies eine muslimische Familie ist, deshalb ist das jetzt das, wie ich es als Vorlage machen werde … Du musst in der Lage sein, zu ändern, wie du mit diesen Situationen umgehen kannst …“ (Arzt: 3–5, übers. CW)

„Ich denke, was mir geholfen hat, es ist sehr viel in der Beratungsausbildung eingebaut … ist ein Modell rund um die Arbeit mit jeder Art von Unterschied, anstatt um Checklisten … und doch kämpfe ich noch, zu lernen, wie man Menschen, die sehr, ganz anders als ich sind, begegnen soll.“ (Multidisziplinäres Hospiz-Team, übers. CW)

Professionelle Entmachtung

Diese Unsicherheit, die die Fachkräfte erlebten, hatte entmachtende Effekte. Sie fühlten sich durch Besorgnis und Stress entmachtet, wenn sie interkulturelle Interaktionen erlebten.

Die Befragten machten sich darüber Sorgen oder wussten nicht, wie sie ihre PatientInnen nach Werten und Perspektiven, die ihnen wichtig waren, fragen sollten. Die Fachkräfte, die Erfahrung in Bezug auf Diversity hatten und bereits Schulungen zu kulturellem Bewusstsein gemacht hatten, waren immer noch besorgt, dass sie etwas falsch machen und ihre PatientInnen beleidigen könnten. Die Befragten gaben auch an, dass sie sich in ihrer Professionalität herausgefordert fühlten und sich Sorgen machten, dass ihre PatientInnenversorgung beeinträchtigt werden könnte.

Andere waren der Meinung, dass PatientInnen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen Fachkräften aus einem ähnlichen ethnischen Hintergrund „zugeordnet“ werden sollten.

Manche meinten, dass sie sich aufgrund der Angst, etwas falsch zu machen, nicht so gut in der Lage fühlten, Vertrauen und Empathie herzustellen. Einige fühlten sich nach der Schulung zu kulturellem Bewusstsein dazu besser befähigt. Zum Beispiel:

„Ich habe an einem Workshop teilgenommen … (die Nachricht war) wir alle haben grundsätzlich die gleichen Bedürfnisse … verstrick dich nicht … weil du dir Sorgen machst … wir müssen versuchen, einen Weg finden, um sicherzustellen, dass die Menschen einen Zugang zu Diensten haben. Für mich ist das schon ziemlich befreiend … Ich muss nicht alles über jede Religion, jede Kultur wissen … Ich fand das sehr hilfreich und ich glaube, es ist leicht, sich hinter, ich weiß nicht, zu verstecken und vielleicht brauchen sie etwas anderes und ich kann es nicht geben …“ (Multidisziplinäres Palliativpflegeteam, übers. CW)

Conclusio

Die Fachkräfte in dieser Studie wollten allen PatientInnen eine gute Versorgung bieten. Allerdings erlebten manche Unsicherheiten, wenn sie mit PatientInnen konfrontiert waren, die sie als kulturell anders empfanden – sie fühlten sich unwohl. Sie befürchteten, dass ihr Mangel an Wissen zu Fehlern führen könnte oder dass sie etwas falsch auffassen könnten.

Einige Fachkräfte waren besorgt darüber, dass ihr Mangel an kulturellem Bewusstsein als rassistisch oder diskriminierend empfunden werden könnte. Im Gegensatz dazu dachten einige StudienteilnehmerInnen, dass ihre Anstrengungen zur Anpassung an kulturelle Bedürfnisse als bevorzugte Behandlung von PatientInnen und KollegInnen wahrgenommen werden könnte.

Der Ansatz, eineN Patienten/-in direkt zu fragen, um ihre Probleme herauszufinden, verursachte einigen Angst, dass sie dabei etwas Falsches sagen oder machen könnten, was den/die Patienten/-in beleidigen könnte.

Es gab Sorgen in Bezug auf interkulturelle Interaktionen. Die Befragten wussten nicht, wie sie ihre PatientInnen nach Werten und Vorstellungen, die ihnen wichtig waren, fragen sollten. Sogar wenn Fachpersonal bereits eine Schulung zur Förderung kulturellen Bewusstseins erhalten hatte, machten sie sich immer noch Sorgen, dass sie etwas falsch machen oder ihre PatientInnen beleidigen könnten.

Besorgniserregend war, dass manche Fachkräfte die Meinung vertraten, dass PatientInnen mit anderen ethnischen Hintergründen von Fachkräften mit ähnlichem Hintergrund betreut werden sollten. Dies würde eine weitere Stereotypisierung fördern und den Fachkräften nicht helfen, kulturelle Kompetenz zu erlernen.

Die Ängste und die Gefühle des Unbehagens, die die Fachkräfte beschreiben, könnten unbeabsichtigt zu gesundheitlichen Ungleichheiten beitragen.

Personal im Gesundheitsbereich muss kulturelles Bewusstsein aufweisen, ein Verständnis über unterschiedliche Bedürfnisse haben und darüber, was Kultur formt. Sie  müssen ihre kulturelle Kompetenz aufbauen, um kulturelle Ignoranz zu vermeiden. Dies würde die Sorgen beseitigen, die Fachkräfte haben, wenn sie sich mit PatientInnen befassen, die sie als kulturell „anders“ wahrnehmen.

Die Fachkräfte müssen sich der kulturellen Unterschiede bewusst werden und sie müssen vermeiden, Kultur aus Angst vor der Beleidigung ihrer PatientInnen komplett wegzulassen. Sie müssen auch jedeN Patienten/-in als Einzelperson betrachten. Sie müssen die individuellen Bedürfnisse ihrer PatientInnen berücksichtigen und ihnen Wahlmöglichkeiten eröffnen. Es muss für jedeN Patienten/-in möglich sein, in seine/ihre gesundheitliche Versorgung selbst involviert zu sein.

i Hospital, primary care, or palliative care.

ii Physiotherapists, occupational therapists, or radiographers

iii Born in or descended from those born in Pakistan, India, Bangladesh or Sri Lanka

iv Urdu, Punjabi, Hindi, Mirpuri, Sylheti oder Bengali

v Shona oder Swahili

vi Französisch, Deutsch, Spanisch oder Italienisch