Verantwortung der Eltern?

Das Ereignis

Im Januar 2015 arbeitete ich im Nachtdienst einer Einrichtung in der Provinz Agrigent in Sizilien, als ein 20-Jähriger mit einer Kopfverletzung zu mir kam, der behandelt werden musste. Er erzählte mir, dass er einen epileptischen Anfall gehabt hatte und dabei zu Boden gegangen war und sich dabei den Kopf verletzt hatte.

Während ich ihn behandelte, trank er aus einer Flasche Bier. Ich erkannte, dass die Wunde schlimmer war als ursprünglich angenommen und sagte ihm, dass er mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme eines Krankenhauses fahren sollte.

Er antwortete, dass er nicht ins Krankenhaus gehen wolle, sondern dass er lieber zurück in die Kneipe gehen und noch ein Bier trinken wolle. Ich beharrte darauf, dass er in die Notaufnahme gehen sollte, doch er wollte nicht. Dann schlug ich ihm vor, seine Familie anzurufen. Er antwortete, dass er kein Guthaben mehr auf seinem Telefon hätte. Also bot ich ihm an, seine Familie anzurufen. Ich sprach mit seinem Vater und erklärte ihm die Situation. Der Vater schimpfte mit mir, da ich ihn mitten in der Nacht geweckt hatte. Er sagte mir, dass sein Sohn ein erwachsener Mann sei, der seine Eltern nicht um Hilfe bitten müsse. Als Erwachsener sollte sein Sohn alleine in der Lage sein, mit einem Krankenwagen ins Krankenhaus zu fahren und außerdem sollte er nur aus freien Stücken hingehen.

Als die Behandlung zu Ende war, unterzeichnete der junge Mann einen Revers, dass er sich weigere, in die Notaufnahmen zu fahren. Dann ging er.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Die Erzählerin ist Ärztin, die in einer Gesundheitseinrichtung (die außerhalb der Dienstzeiten geöffnet hat) in der Provinz Agrigent in Sizilien arbeitet. Sie ist erst vor kurzem Ärztin geworden. Sie ist Italienerin, 28 Jahre alt und heterosexuell.

Zwei Personen haben bei der Erzählerin einen Kulturschock ausgelöst:

Ein junger, italienischer Mann, 20 Jahre. Er kam wegen einer Kopfverletzung ins Krankenhaus.

Der Vater des jungen Mannes (die Mutter im Hintergrund).

Bei der Beziehung zwischen den Akteuren handelt es sich um eine Person, die einen Gesundheitsdienst anbietet und einer Person die das Recht hat, diesen Dienst zu nutzen.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich im Januar 2015 in einer Gesundheitseinrichtung (die außerhalb der Dienstzeiten geöffnet hat), eines Gesundheitszentrums, in der Provinz Agrigent in Sizilien, das eine Notfallambulanz war.

Zur Zeit des Vorfalls arbeitete die Erzählerin im Nachdienst, als ein junger Mann (20 Jahre alt) eintraf, um seinen Kopf medizinisch behandeln zu lassen.

Die Gesundheitseinrichtung wird von vielen Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund besucht. Zu diesem Zeitpunkt in der Nacht waren nur die Ärztin und der Patient anwesend. Die Ärztin, die erst vor kurzem promoviert hatte, ist hilfsbereit und der Patient, der Hilfe benötigen würde, leistet in dieser Hinsicht allerdings Widerstand.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin war schockiert und konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Sie war fassungslos, dass Eltern so gleichgültig und sorglos ihrem Sohn gegenüber agierten, obwohl dieser in einer gefährlichen Situation war. Ich war vor allem von der Reaktion des Vaters schockiert, den das Ganze gar nicht zu interessieren schien.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Familie:

Für die Ärztin hat die Familie einen wichtigen Wert und ist ein wichtiger Bezugspunkt in allen Aspekten des menschlichen und alltäglichen Lebens. Familienmitglieder sollten für einander da sein, sich gegenseitig unterstützen und sich in Notsituationen umeinander kümmern, wenn ein Familienmitglied Hilfe und Unterstützung braucht.

2) Elterliche Verantwortung:

Verbunden mit dem familiären Wert steht die Verantwortung als Grundwert aus der Perspektive der Ärztin hier auch auf dem Spiel. Aus ihrer Sicht sind die Eltern immer für das Wohlergehen ihrer Kinder verantwortlich, unabhängig vom Alter der Kinder.

3) Eigenverantwortung:

Der Wert der Eigenverantwortung wird in diesem Vorfall sehr deutlich. Aus der Sicht der Ärztin hat der junge Mann nur wenig Selbstachtung, da er gegenüber seiner Verletzung sehr unvorsichtig ist und während der Behandlung weiterhin sein Bier trinkt. Diese Haltung ist würdelos. In der Regel kann dies aber auch eine Möglichkeit sein, einen Mangel an Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein zu überspielen. So spielt der Mann in den Augen der Ärztin mit seinem eigenen Leben und seine Gesundheit scheint ihm nichts wert zu sein. Dies wird auch durch die Sorglosigkeit des Vaters bestätigt und ist wahrscheinlich nichts Neues für den Sohn.

4) Gesundheit und körperliche Unversehrtheit:

In ihrer Position als Ärztin, aber auch als Mensch, ist die Gesundheit vor allen anderen Dingen zu schützen. Dies ist eng verknüpft mit der körperlichen Unversehrtheit, die von der Ärztin hoch geschätzt wird. Die Kopfwunde des Patienten sollte ihrer Ansicht nach umgehend behandelt werden. So kann sie die Haltung des Patienten nicht akzeptieren. Aus beruflicher Sicht ist eine Behandlung notwendig, um die Integrität des menschlichen Körpers zu bewahren. Sie selbst widmet dem menschlichen Körper ihr Leben und ihre Berufung.

Zusätzlich hat die Ärztin die Verantwortung, den Patienten nicht gehen zu lassen, solange ein gesundheitliches Risiko besteht. Dadurch dass der Patient ihren Rat nicht befolgt und sich ins Krankenhaus einliefern lässt, und auch durch die fehlende Verantwortung der Eltern, könnte ihre berufliche Identität bedroht sein.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Der Eindruck ist negativ – zum Teil wegen der Sorglosigkeit und Unverantwortlichkeit des jungen Mannes und zum Teil wegen der Unachtsamkeit, Gleichgültigkeit und der fehlenden Hilfe der Eltern.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Rebellion, Einfallsreichtum und Autonomie

Dadurch dass er keine weiteren Untersuchungen durchführen lässt und auch kein Interesse zeigt, seine Eltern um Hilfe zu bitten, zeigt er seine Unabhängigkeit und sein Recht, seine eigene Gesundheit, Krankheit und sein Leben zu kontrollieren. Es ist das klassische Bild des „wilden jungen Mannes“, das bis in die 1950er zurückgeht und Bilder von rebellischen, jungen Männern zeigt, die im Widerspruch zu den etablierten gesellschaftlichen Normen stehen.

In dieser Situation stellt die weibliche Ärztin das genaue Gegenbild dar.

Diese Annahme wird durch die Tatsache unterstützt, dass er ins Krankenhaus ging und dies als eine Lösung für sein Bedürfnis nach medizinsicherer Aufmerksamkeit und als Zeichen seiner Autonomie bei der Lösung von Problemen gesehen werden kann. Seiner Ansicht nach besteht keine Notwendigkeit, seine Eltern in diese Situation zu involvieren, weil sie ihm sowieso nicht helfen können, da er sich bereits selbst geholfen hat, indem er ärztliche Hilfe aufgesucht hat.

Eine andere Annahme wäre, dass der junge Mann es gewohnt ist, von seinen Eltern zurückgewiesen zu werden und er daraus gelernt hat, sich um sich selbst zu kümmern. Gleichzeitig könnte er die maskuline Kühle und Rauheit von seinem Vater übernommen haben.

2) Die Bedeutung der Gesundheit

Aus seiner Sicht ist Gesundheit kein Wert, der über anderen Werten stehen sollte. Hier könnte man auch die Annahme vertreten, dass die Tatsache, dass der junge Mann ein Krankenhaus aufgesucht hat bereits, die für ihn bestmögliche Reaktion auf seine Situation war und dass ein weiteres Vorgehen aus seiner Sicht nicht mehr nötig ist, da die Ärzte von diesem Punkt an für seine Gesundheit sorgen.

Es könnte sein, dass der noch nie eine ernsthafte Verletzung hatte und noch nie mit der Verwundbarkeit seines Körpers konfrontiert war.

3) Einfluss von Alkohol

So wie die Erzählerin den Vorfall beschreibt, könnte man auch davon ausgehen, dass der junge Mann aufgrund des Alkoholkonsums leidet. Zu hohe Mengen an Alkohol können eine betäubende Wirkung auf den Körper haben. Der Patient könnte also ein geringeres Schmerzempfinden gehabt haben und seine Wunden weniger gespürt haben, als ohne Alkoholeinfluss.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

In diesem Fall kann man wenig unterstützende Familienwerte oder eine lose Familienstruktur erkennen. Der junge Mann ist vielleicht zu stolz, um auf Vorfälle, die es in der Vergangenheit mit seinen Eltern gab, zu reagieren.

In dieser Geschichte wird die Zwiespältigkeit des medizinischen Berufs sichtbar: einerseits übernimmt die Ärztin Verantwortung für ihren Patienten und andererseits ist er selbst für seine Gesundheit verantwortlich und kann sich selbst auf Revers entlassen. PatientInnen gehen zu lassen, bei denen noch ein Risiko besteht, ist schwierig, und stellt in diesem Fall einen Graubereich dar, da der Patient erst 20 Jahre alt ist. Daher versucht die Ärztin – weil ihre Verantwortung nicht greift – seine Eltern zu involvieren.

Die Rolle der ÄrztInnen beschränkt sich in solchen Fällen dann auf die Kommunikation der möglichen Risiken und Gefahren, wenn man eine Behandlung verweigert, und die bestmögliche Information der PatientInnen, die sich selbst entlassen, sodass sie trotz allem fundierte Entscheidungen treffen können.