Jüdische Familie

Das Ereignis

Der Vorfall ereignete sich in der Notaufnahme. Der Patient befand sich in einer lebensbedrohlichen Situation ohne Hoffnung auf Besserung. Er musste künstlich am Leben erhalten werden.

Der Patient, sowie seine ganze Familie waren jüdisch. Die Familienangehörigen waren überhaupt nicht damit einverstanden, dass das Krankenhaus den Patienten nicht mehr künstlich am Leben erhalten wollte. Außerdem waren sie auch nicht mit dem Zeitpunkt einverstanden, den das Krankenhaus diesbezüglich vorschlug.

Ich verbrachte mehrere Tage mit den verschiedenen Familienmitgliedern und erklärte ihnen den Zustand des Patienten und wie das „Abstellen“ der Geräte funktionierte, die den Patienten am Leben hielten. Doch auch das war ihnen nicht genug. Die folgenden Wochen kosteten mich eine Menge Kraft, ich musste sogar meine Kollegen um Rat bitten.

Nach wochenlangen Diskussionen fanden wir schließlich doch eine gemeinsame Lösung. Jedoch litt das Verhältnis zwischen mir und der Familie nach dieser schwerwiegenden Entscheidung.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Arzt, 45 Jahre alt

Patient, männlich, 50 Jahre alt, jüdisch

Familie des Patienten: 6 Familienmitglieder, alle jüdisch

2. Setting und Kontext

Physischer Kontext:

Der Vorfall ereignete sich in einem öffentlichen Krankenhaus; das Gespräch über die lebensbedrohende Situation des Patienten fand zwischen dem Arzt und den Familienmitgliedern statt: 3 Frauen und 3 Männer.

Historischer Kontext der jüdischen Religion in Frankreich:

In Frankreich leben ungefähr 475.000 Juden und sie gehören damit nach wie vor seit Jahren zu einer religiösen Minderheit. Diese Minderheit war in der Geschichte Opfer zahlreicher Verfolgungen. Darüber hinaus gibt es heute Spannungen zwischen der jüdischen Religionspraxis und der gesetzlich verankerten Auffassung, was die Stellung der Religion in Frankreich angeht. Zum Beispiel steht der Schulunterricht am Samstag im Widerspruch zu der Verpflichtung der Juden, am Samstag den „Sabbat“ zu vollziehen. Außerdem werden die Juden als sehr gemeinschaftsorientiert wahrgenommen.

3. Emotionale Reaktion

Ich hatte das Gefühl, dass ich meine Zeit mit diesem Patienten vergeude. In der Zeit, in der ich mich um diesen Patienten gekümmert habe, hätte ich anderen Patienten helfen können, Patienten bei denen die Möglichkeit noch bestand, deren Leben zu retten. Ich fühlte mich auch hilflos, da es schwierig war in dieser Situation eine Lösung zu finden. Ich stieß als Arzt an meine Grenzen und suchte deshalb auch Rat bei meinen Arbeitskollegen.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Die Rolle der Religion im Gesundheitsbereich: In Frankreich ist die Trennung zwischen Religion und Staat gesetzlich geregelt. Dieses Prinzip der „Laizität“ bedeutet, dass niemand in der Öffentlichkeit sichtbare Symbole zu einer Religionszugehörigkeit zeigen darf. Dies bedeutet, dass religiöse Werte und die Ausübung der Religion eher in den privaten Bereich fallen. Das Krankenhaus als öffentlicher Ort berücksichtigt also keine Religion in der medizinischen Berufspraxis.

2) Die berufliche Identität des Arztes: Der Arzt hat eine Verantwortung gegenüber dem Patienten und seiner Familie, was die Gesundheit des Patienten betrifft. Dieser Status gibt ihm die Berechtigung, die für den Patienten und die Familienangehörigen besten Entscheidungen zu treffen. Er ist derjenige mit dem Fachwissen, also kann er auch in den entsprechenden Situationen am besten über Leben und Tod entscheiden (Expertenstatus). Allerdings muss man bei diesem Vorfall beachten, dass seine berufliche Identität eher nur auf rationalem Wissen basiert und nicht auf einem Glaubenssystem.

3) „Recht auf Leben“: Die Gesetzgebung in Frankreich über Sterbehilfe und das Ende des Lebens (bekannt unter dem Namen: la loi Leonetti 2005) sieht folgendes vor:

  • Euthanasie ist kein Recht;
  • Der Arzt muss alles tun, um den Schmerz seines Patienten zu lindern;
  • Der Patient kann seine Wünsche ausdrücken.

In diesem speziellen Fall weiß der Arzt, dass der Patient keine Chance hat, zu überleben. Somit ist eine Diskussion über rechtliche oder medizinische Fragen hinfällig.

4) Vertrauen in die Familie: Der Arzt hat eine subjektive Sichtweise auf die zu erwartende Reaktion der Familie, die zu dem Zeitpunkt eine schwere Phase durchlebt. Es geht um Vertrauen und gegenseitigen Respekt. In dem Moment geht es darum, füreinander da zu sein und nicht in Konflikte wegen religiöser Fragen zu treten. Die Familie muss sich mit dem bevorstehenden Tod eines Verwandten auseinandersetzen und ist auf die Unterstützung des Arztes angewiesen. Dafür braucht es Vertrauen.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Religion als Teil des Lebens: Da Religion Teil alles Lebensdimensionen ist, findet der religiöse Einfluss auch in der Öffentlichkeit keine Grenzen. Die Familie befindet sich in einer schwierigen Situation, da eines ihren Familienmitglieder sich in einer lebensbedrohlichen Situation befindet. Für gewöhnlich finden Menschen, die einer Religion angehören und auch praktizieren, in einer solch schwierigen Situation Antworten und Hoffnung in ihrem Glauben. Angesichts des Todes eines geliebten Menschen könnte die Familie Frieden und Antworten in ihrem Glauben finden.

2) Die Interpretation der jüdischen Religion: In der jüdischen Religion ist Euthanasie nicht erlaubt. Andere Maßnahmen, die den Tod beschleunigen könnten, sind auch nicht erlaubt, wie zum Beispiel das Berühren oder Waschen des Patienten. Die jüdische Religion sagt, dass das Leben heilig ist, weil es nur Gott ist, der es einem gibt und es einem wieder nimmt. Aus diesem Grund müssen die Menschen die Nutzung von technologischen Möglichkeiten nicht verweigern um am Leben zu bleiben. Jedoch gibt es einen Widerspruch in der Interpretation der jüdischen Religion, die die medizinischen Aussagen erleichtern: es ist erlaubt, das Leben eines Kranken zu beenden, wenn dieser leidet oder wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, ihn am Leben zu halten.

3) Respekt der Familienmitglieder: Die Achtung des Familienmitgliedes und seines religiösen Glaubens ist das Wichtigste in dieser Situation; Respekt vor der Tradition der Religion, um das Leben des Familienmitglieds zu ehren.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Dieser Vorfall unterstreicht das Problem der Laizität in Frankreich, da es in Fällen wie diesen nicht möglich ist, auf den Einfluss der Religion im medizinischen Bereich vorbereitet zu sein. Dies schafft Konflikte und Missverständnisse, da die ÄrztInnen nicht ausreichend ausgebildet sind, um Probleme zu lösen, die mit dem Glauben zusammenhängen.