Zeugen Jehovas

Das Ereignis

Ich kümmerte mich gerade um einen 20-jährigen Patienten, der nach einem Unfall im Schwimmbad einen Herzstillstand erlitten hatte und reanimiert worden war. Er schwebte mehrere Tage lang in Lebensgefahr. Nach drei Tagen informierten mich seine Eltern, dass er, wie auch sie, ein Zeuge Jehovas war. Sie waren besorgt darüber, dass sich sein Zustand weiter verschlechtern würde und er eine Bluttransfusion brauchen würde, obwohl es zu dem Zeitpunkt nicht danach aussah.

Ich sagte ihnen, wenn es so weitergeht, dann würde eine Bluttransfusion anstehen. Daraufhin antworteten die Eltern, dass das in keinem Fall eine Option für sie wäre.

Wie handhabt man eine solche Situation?

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Folgende Personen sind in den Vorfall involviert:

  • Ein 20-jähriger, junger Mann, der einen Herzstillstand erlitt und dessen Eltern. Alle sind Zeugen Jehovas. Der Vater arbeitet in einer Fabrik.
  • Ein 44-jähriger Arzt, nicht-katholisch.
2. Setting und Kontext

Physischer Kontext:

Es fanden mehrere Begegnungen zwischen den Eltern und dem Erzähler im Krankenhaus statt, auf der Intensivstation, aber vor allem im Zimmer des jungen Mannes. Der Patient selbst lag im Koma.

Zu dieser Zeit (in den 1990er Jahren) war es in französischen Krankenhäusern nicht üblich, dass es einen separaten Raum für Begegnungen mit Angehörigen gab. Es gab vorgeschriebene Zeiten (ca. 2 Stunden pro Tag), zu denen die Familien die PatientInnen besuchen konnten.

Zeugen Jehovas in Frankreich:

Es gibt heute mehr als 100.000 Zeugen Jehovas in Frankreich, allerdings ist ihr öffentlicher Ruf irgendwie zweideutig. Dies ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass sie eher als Sekte, und nicht als Religion wahrgenommen werden. Der Grund dafür geht auf verschiedene Handlungen zurück, die nicht von allen nachvollziehbar sind, wie zum Beispiel soziale Isolation der Mitglieder, Ablehnung der Teilnahme an Feierlichkeiten, Verweigerung sozialer Medien, usw.

Außerdem ist „Laicité“ in Frankreich (manchmal als Säkularität oder Laizität – die Trennung zwischen Staat und Religion) ein Kernbegriff in der französischen Verfassung und ein Wert, der hochgeschätzt wird. Dementsprechend kann jede Religion, deren Lehren und Regeln, die in das öffentliche Leben hineinspielen, problematisch sein.

3. Emotionale Reaktion

„Meine Reaktion war ziemlich arrogant und ich dachte mir, was sich diese Leute erlauben, sich in meine Arbeit einzumischen? Ihren Sohn zu retten, ist meine oberste Priorität und sie wollen mich davon abhalten … wir haben ein gemeinsames Ziel und zwar, dass ihr Sohn dieses Krankenhaus im bestmöglichen Zustand wieder verlässt, aber sie haben mir nicht erlaubt, meine Arbeit zu erledigen. Ich sagte mir, dass ich derjenige bin, der weiß, wie man am besten vorgeht, aber ich habe sie nicht an diesem „arroganten Gedanken“ teilnehmen lassen. Mich habe mich gelassen und sicher gefühlt.

Die Situation erinnerte mich an eine Situation, die ich vor längerer Zeit einmal erlebt hatte, als ich noch jung war. Dort übernahm der Chefarzt einen ebenfalls schwierigen Fall und ich beobachtete, wie er der damaligen Patientin sagte: „Ich bin derjenige, der hier die Entscheidungen trifft“. Ich wusste, dass ich irgendwann mal in einer ähnliche Situation sein würde.“

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Die Rolle der Religion in der medizinischen Berufspraxis – in Übereinstimmung mit dem Prinzip der Laizität, sollte Religion in der medizinischen Berufspraxis keine Rolle spielen. Dies ist eine Regel in öffentlichen Krankenhäusern.

2) Aufgabe und Verantwortung des Arztes: Das Leben der Menschen zu schützen gilt als „heilige“ Aufgabe der Ärzte. Ziel ist es, dass die Menschen das Krankenhaus im bestmöglichen Zustand wieder verlassen. Dazu steht dem Erzähler das ganze Spektrum der medizinischen Wissenschaft zur Verfügung, das er einsetzen kann und somit sollten es auch die Ärzte sein, die die notwendigen Entscheidungen und Maßnahmen für ihre PatientInnen treffen. Entscheidungen über Leben und Tod sollten auf Grundlage von beruflichen Fachkenntnissen getroffen werden und nicht einem Glaubenssystem folgen.

3) Bluttransfusion: Eine Bluttransfusion war eine einfache, alltägliche Prozedur – bis zum Auftreten von HIV-verunreinigtem Blut, das dazu geführt hat, dass Menschen starben. Eine ganze Generation von ÄrztInnen war davon betroffen. Wie schwerwiegend diese Sache war, zeigt sich darin, dass in Frankreich erst vor kurzem das Verbot für homosexuelle Männern aufgehoben wurde und sie jetzt Blut spenden können. Was bleibt ist, dass man bei solchen Maßnahmen mit äußerster Sorgfalt vorgehen muss.

4) Die Zeugen Jehovas als Gemeinschaft: Für den Erzähler scheint es eher eine Sekte als eine Religion zu sein, mit dem Unterschied, dass man eine Religion auch wieder verlassen kann, wenn man möchte. Bei einer Sekte werden Mitglieder manipuliert und können die Sekte nicht mehr verlassen. Sekten sind auch mit missionarischem Eifer, dem Wunsch nach aktiver Rekrutierung und Bekehrung neuer Mitglieder verbunden.

5) Entscheidungsfreiheit: ist ein wichtiges Anliegen für den Erzähler, da der 20-jährige, Patient den Eltern nach den Zeugen Jehovas angehört. Ob dies seine Entscheidung oder die Entscheidung der Eltern war, ist eine andere Frage. Für den Erzähler sollte die Wahl der Religion oder die Mitgliedschaft in einer Sekte keine Entscheidung der Eltern sein, sondern die freie Entscheidung eines jeden Individuums sein.

6) Maßnahmenplan unter Berücksichtigung der rechtlichen Rahmenbedingungen: wäre es zu einer kritischen Situation gekommen, hätte der Erzähler einen konkreten Plan gehabt, um die Situation zu bewältigen. Zum Einen hätte er den Bezirksstaatsanwalt darauf aufmerksam machen können, dass die Eltern das Leben ihres Sohnes in Gefahr bringen und zum Anderen hätte er den Eltern ganz offen mitteilen können, dass es letztlich noch immer seine Entscheidung ist, welche medizinischen Maßnahmen er ergreift.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Sehr negativ – Der Erzähler hält an dem negativen Bild, das er über die Eltern hat fest, jedoch kommuniziert er dies nicht und urteilt auch nicht offen über deren Glauben.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Religion ist überall, im privaten und im öffentlichen Raum und wirkt in allen Bereichen, auch im medizinischen.

2) Wichtige Glaubensätze in der Religion sind nicht verhandelbar, auch bei Gesundheitsproblemen oder in Gefahrensituationen. Das Übersinnliche steht über dem materiellen Überleben des Körpers. Durch die Überschreitung wichtiger Glaubenssätze, wie dem Verbot der Bluttransfusion, wird er von der Gruppe ausgeschlossen, da es als weitaus schlimmer angesehen wird als der physische Tod.

3) Bluttransfusionen werden von den Zeugen Jehovas nicht abgelehnt, weil das Blut unrein ist. Im Gegenteil, in der Bibel ist das Blut heilig. Gott sieht Blut als die Darstellung von Leben.

In der Bibel in 1. Mose 9:4, 3. Mose 17:14 und in Apostelgeschichte 15:20 bittet Gott ausdrücklich, Fleisch nicht mit Blut zu essen und sich vom Blut fernzuhalten. Für die Zeugen Jehovas ist dieses Verbot direkt mit Bluttransfusionen verbunden und somit müssen sie es vermeiden, Blut von anderen zu nehmen, nicht nur im Gehorsam gegenüber Gott, sondern auch aus Achtung vor dem Leben.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

In diesem Fall hat der Erzähler eine Verhandlungsstrategie gewählt, die so weit wie möglich die Identität des Patienten / der Eltern berücksichtigt.

Auch wenn er Zweifel bezüglich der Religion hat (ungeachtet dessen, ob es sich um eine Religion oder eine Sekte handelt) wurde dies in der Kommunikation mit den Eltern nicht offengelegt. In der Tat haben die Eltern ihn als den einzigen Arzt wahrgenommen, dem sie vertrauen und der sie beruhigen konnte.

Allerdings hat der Erzähler auch eine Toleranzgrenze erlebt: sollte es zu einer lebensbedrohenden Situation kommen, würde er nicht zögern, eine Bluttransfusion vorzunehmen.

Es wurde eine Vielzahl von chirurgischen Techniken entwickelt, die ohne Blut auskommen, und die auch PatientInnen, die den Zeugen Jehovas angehören, entgegenkommen. Darüber hinaus gibt es zugelassene Verfahren, die die Notwendigkeit einer Bluttransfusion umgehen. (Dies sind die vier Hauptkomponenten – rote Zellen, weiße Zellen, Blutplättchen und Plasma).