Das Schinkensandwich

Das Ereignis

Ich[1] wurde wegen Verdachts auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert. Einen Tag lang lag ich auf der Intensivstation und dann am nächsten Tag wurde ich auf eine andere Station verlegt. Weil ich das Menü für die Mahlzeiten am ersten Tag nicht bekommen hatte und keine Auswahl getroffen hatte, musste ich essen, was noch übrig war.

Der Krankenpfleger nahm automatisch an, dass ich Hühnercurry zum Abendessen wollen würde. Als ich ihm sagte, dass ich das Curry nicht wollte, und um eine andere Mahlzeit bat, war er schockiert, dass ein asiatischer Mann kein Curry isst. Ich bat um ein Sandwich und er sagte mir, dass es nur noch Schinkensandwiches gab. Das sagte mir zu. Dann traf er die Annahme, dass ich kein Schweinefleisch essen würde, da wir in einer Region mit einem hohen Anteil an Muslimen in der Bevölkerung leben.

Als ich wiederum um das Schinkensandwich bat, fragte er mich, ob ich überhaupt wüsste, was Schinken war. Ich antwortete erbost, dass ich seit meinem 4. Lebensjahr hier lebte und sehr genau wusste, was Schinken war. Außerdem sagte ich ihm, dass ich nicht-praktizierender Sikh sei und sehr wohl Schweinefleisch aß und jetzt bitte das Schinkensandwich haben wollte.

Ich war schockiert über seine Vorurteile, was meine Religion und meine Ernährungsgewohnheiten betraf.

[1] Der Ich-Erzähler erzählt seine Geschichte in gebrochenem Englisch. Seine sprachlichen Fehler wurden im Deutschen geglättet. Die nicht-muttersprachliche Erzählweise geht in seiner Geschichte im Deutschen also nun verloren.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Patient: männlich, 68 Jahre alt, Brite mit indischen Wurzeln, lebt in Großbritannien seit seinem 4. Lebensjahr. Er hat 40 Jahre als Ingenieur gearbeitet, jetzt ist er pensioniert. Er ist seit 46 Jahren verheiratet und lebt mit seiner Frau zusammen. Er ist nicht-praktikzierende Sikh.

Krankenpfleger: männlich, Ende 20, ursprünglich von den Philippinen, arbeitet im Krankenhaus als Krankenpfleger, Englisch ist nicht seine Muttersprache.

2. Setting und Kontext

Der Kulturschock fand in einem öffentlichen, Foundation Trust Krankenhaus in Yorkshire statt.

3. Emotionale Reaktion

Der Erzähler war schockiert, dass der Krankenpfleger seine Menüauswahl in Frage stellte, ohne ihn nach seiner Identität zu fragen. Er nahm an, dass er Inder war und dass er lieber Curry essen würde. Was hätte er einem weißen Briten vorgeschlagen?

Als der Patient nochmal um ein Schinkensandwich bat, hat der Krankenpfleger erneut seine Auswahl in Frage gestellt und den Patienten erinnert, dass Schinken vom Schwein kommt. Der Patient fühlte sich herabgesetzt und abgewertet, als würde er nicht wissen, was Schinken ist. Diese Annahmen führten zu zunehmender Wut beim Patienten.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Die Identität einer Person kann nicht alleine über deren Hautfarbe oder Aussehen bestimmt werden. Der britische Patient mit indischen Wurzeln ärgerte sich über den Krankenpfleger, der Annahmen über seine Identität traf und seine Essensauswahl durch Vorurteile über seine Religion untergrub. Er nahm einfach an, dass er Moslem war und kein Schweinefleisch essen konnte – ein Vorurteil aufgrund seines Aussehens.

Autonomie des Patienten respektieren – der Krankenpfleger hätte ihm andere Menüoptionen aufzeigen sollen, anstatt für ihn zu wählen. Er nahm an, Curry würde ihm schmecken, aber eigentlich war ihm Curry zu scharf. Die Essensauswahl nicht selbst treffen zu dürfen, bedroht die Autonomie und das Gefühl der Kontrolle, gerade in einem Setting wie einem Krankenhaus, in dem PatientInnen wenig Kontrolle darüber haben, was mit ihnen geschieht.

Akkulturalisation / Britische Identität – der Erzähler war durch das Untergraben seiner kulturellen Expertise frustriert. Nachdem er bereits 64 Jahre in England gelebt hatte, wusste er, was Schinken war und dass Schinken vom Schwein kommt. Er hatte das Gefühl, bevormundet zu werden, gerade weil der Krankenpfleger ihm dieses Wissen nicht zutraute. Der Krankenpfleger hätte auch an seinem Akzent erkennen können, dass er bereits lange in England gelebt hatte. Das kann zu einem Schock der britischen Identität des Patienten geführt haben.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ und stereotypisch.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Vorurteile – Die kulturelle Identität wird mit Hautfarbe oder Aussehen verknüpft.

Verallgemeinerung – Menschen kategorisieren andere auf Basis ihres Geschlechts, ihres Alters oder ihres Aussehens. Wenn die Kategorisierung abgeschlossen ist, dann wenden wir sie an (bewusst oder unbewusst) und gehen so auf soziale Gruppen zu. Der Krankenpfleger hat seine eigenen Kategorien und Verallgemeinerungen in diesem Fall nicht hinterfragt.

Eigene Herkunft – Die Ursprungskultur kommt deutlicher in einer Person hervor als die Gastkultur. Für den Krankenpfleger ist die angeborene Ursprungskultur der wichtigere Referenzrahmen als die erworbene, britische Kultur des Patienten. Mehrere Hypothesen könnten zutreffen: Vielleicht handelt es sich bei dem Krankenpfleger selbst um einen erst kürzlich emigrierten Mann und seine eigene Ursprungskultur ist noch dominanter als die britische. Daher erwartet er dasselbe von seinem Patienten.

Spannungsfeld zwischen Serviceorientierung und Autonomie – Der Krankenpfleger dachte, er wäre besonders serviceorientiert und wollte ihm einen Gefallen tun und ihm etwas aussuchen, das seinen Bedürfnissen entsprach. Dadurch wurde jedoch die Autonomie des Patienten untergraben.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Personal im Gesundheitsbereich bewegt sich oft im Spannungsfeld, den kulturellen Hintergrund der PatientInnen nicht zu verleugnen, ihn aber auch nicht überzubewerten. Ihn zu verleugnen bedeutet oft, dass man zu sehr verallgemeinert oder nach Schema F vorgeht und zu sehr darauf achtet, alle gleich zu behandeln, und damit die Werte der Mehrheitskultur über alle stülpt. Das Gegenteil dieser Verallgemeinerung ist die Anerkennung von Differenzen, selbst wenn der andere glaubt, diese seien nicht relevant oder angebracht. Das trifft besonders auf MigrantInnen zu, die schon lange im Gastland leben und sich eigentlich der Mehrheitskultur bereits angepasst haben. Für sie kann die Identifikation als MigrantIn dazu führen, dass ihre Anstrengungen, sich an die Gastkultur anzupassen, zunichte gemacht werden, oder als Bedrohung des Selbstbildes ausgelegt werden. Vorschnelle Schlüsse auf Basis von Hautfarbe oder Aussehen sollten daher vermieden werden.

Eigenschaften einer Person zuzuordnen, die mit deren Identität nichts zu tun haben, bedroht das Selbstbild. Besonders heikel sind solche Verwirrungen oder Zuschreibungen, wenn Personen mehrere Identitäten haben und eine für die Person mehr gilt als andere.

Noch eine Anmerkung: Menschen, die in Settings sind, in denen sie wenig Autonomie haben, wie in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, haben einen umso stärkeren Wunsch nach Kontrolle. Selbst kleine Entscheidungen treffen zu dürfen, kann entscheidend sein, um diesem Wunsch nach Autonomie nachzukommen.