Behaarter Patient

Das Ereignis

Ich war gerade Famulantin in der Dermatologie und da gab es einen Patienten, an den ich mich sehr gut erinnere.

Er war Ausländer, Mitte 30, klein, und er sah wohlhabend aus. Er kam zur Erstuntersuchung. Er war verwirrt und hat den Ablauf kaum verstanden. Nach meiner Anweisung, sich auszuziehen, hat er sich ausgezogen, betrat den Raum aber erst, als ein männlicher Arzt anwesend war. Seine lange Unterwäsche war nicht „europäisch“ und sein Verhalten auch nicht. Seine Körperhygiene war auch nicht normal. Er war bei einer Prostituierten gewesen und sein behaarter Körper war voller Läuse. Seine und unsere Erwartungen waren wirklich unterschiedlich. Sein Verhalten während der Behandlung war für uns (Arzt, Pflegekraft, Famulantin) unverständlich.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Famulantin: weiblich, Ungarische Staatsbürgerin, Anfang 20, lebt in Budapest, untere Mittelschicht, christliche Religion, spricht Ungarisch und Englisch

Patient: männlich, Mitte 30, Migrationshintergrund, ursprünglich aus Syrien, arabische Muttersprache, keine Informationen zu seinem Beruf oder seiner Religion

Die sozialen Identitäten der beiden ProtagonistInnen sind unterschiedlich und schaffen Distanz zwischen ihnen. Die implizite Hierarchie zwischen ihnen könnte Spannungen erzeugen, die Famulantin ist in einer dominanten Position. Zusätzlich ist der Patient wegen seines Migrationshintergrunds zusätzlich hierarchisch benachteiligt. Wenn er sich aber als wohnhabender Araber versteht, dann spürt er den Klassenunterschied hier umso mehr.

2. Setting und Kontext

Die Situation fand in einem Behandlungsraum des Krankenhauses statt. Zu Beginn ist er alleine mit einer Krankenschwester, dann ruft sie den Arzt hinzu.

Es gibt einen separaten Bereich, mit einem Vorhang abgetrennt, hinter dem sich PatientInnen umziehen können. Zuerst befindet sich der Patient hinter dem Vorhang, er verlangt nach einem männlichen Arzt, aber die Famulantin bittet ihn immer wieder, hervorzukommen. Sie ist wütend, dass er nicht kooperiert.

Der Fall ereignete sich vor der Flüchtlingskrise 2015, doch auch schon davor war die Ungarische Öffentlichkeit nicht besonders migrantenfreundlich.

3. Emotionale Reaktion

Erster Gedanke: der ist nicht normal.

Schockiert, ekelerregend, wütend, unsicher, frustriert.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Gesundheitssystem, berufliche Rollen: Der Patient sollte mithelfen. Jeder verdient dieselbe Behandlung und es gibt auch keine Sonderbehandlung. Die Sprache sollte Ungarisch sein. Der Patient sollte den Ablauf der Untersuchung kennen und mithelfen.

Die Situation: Es handelt sich um eine berufliche Situation, sie hat wenig Berufserfahrung und muss sich den Erwartungen des Arztes anpassen. Sie nimmt den Behandlungsablauf für Allgemeinwissen an – jeder sollte sich damit auskennen. Wenn sich ein Patient nicht an den Ablauf hält, dann ist das ein bewusster Widerstand (d.h. nicht respektvoll, nicht kooperatives Verhalten).

Körper, Scham: Das wäre eine Routineuntersuchung, wenn der Mann nicht Probleme machen würde. Scham beim Ausziehen von Kleidung ist keine Sache, mit der sich medizinisches Personal beschäftigt.

Geschlechterrollen: Sie schreibt dem Patienten muslimische Religion zu, d.h. auch negative Rollenerwartungen an Frauen. Sie erwartet vielleicht wenig Respekt, weil sie eine Frau ist.

Körperbehaarung: Dichte Körperbehaarung erinnert an Tiere, die Läuse tragen zu diesem Bild bei.

Eine Prostituierte aufzusuchen ist moralisch eine Schande, etwas Unreines. Sie denkt vielleicht, dass die Läuse eine Art Bestrafung dafür sind (und er sie verdient).

Sauberkeit: Ihr Bild von ihm ist ein unsauberes, das sie auch so beschreibt: „Seine Unterwäsche war nicht „europäisch“. Seine Körperhygiene war auch nicht normal.“ Äquivalente wären: skurril, primitiv, schmutzig, unzivilisiert.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Sehr negativ, unrealistisch.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Kontext: Es handelt sich um eine Ausnahmesituation – ein Problem, das gelöst werden muss, auch wenn persönliche Grenzen überschritten werden.

Situation: Gefühl von Unsicherheit, kein klarer Ablauf für die Behandlung.

Erwartungen: Ein männlicher Arzt ist für so einen Fall die einzig kompetente Ansprechperson. Mit dem Ausziehen vor einer Frau ist Scham verbunden. Die Läuse zu zeigen bedeutet auch Scham. Über eine Prostituierte zu sprechen bedeutet noch mehr Scham.

Die Famulantin: Die Famulantin repräsentiert die Einrichtung, die Normen des Gastlandes, sie ist in einer Hierarchieposition. Eine junge Frau, die noch in Ausbildung ist, ist sicherlich nicht kompetent genug. Dass sie verlangt, dass er sich auszieht und hinter dem Vorhang hervorkommt, ist respektlos. Er kommt heraus, als der männliche Arzt da ist (= kooperatives Verhalten).

Seine lange Unterhose ist vielleicht ein Schutz gegen die Läuse.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Wir sind versucht, unsere Schlüsse aus nicht-kooperativem Verhalten zu ziehen und die Verhaltensweisen des Anderen zu kategorisieren. Wenn er nicht genau das macht, was wir verlangen, ist er nicht kooperativ.

Wir schreiben Kleidung auch kulturelle Werte zu: dass er lange Unterhosen trägt, hat mit seiner Kultur zu tun. Vielleicht stimmt das gar nicht.

Eine medizinische Untersuchung muss nicht notwendigerweise Empathie für menschliche Reaktionen ausschließen, wie z.B. Schüchternheit, Unsicherheit oder Scham. Wenn die Regeln gedehnt werden können und trotzdem das Ziel erreicht werden kann, könnte das zum Nutzen aller geschehen.

KollegInnen um Hilfe zu bitten, ist keine Schande, sondern eine Notwendigkeit und eine Ressource.

Dem Patienten Fragen zu stellen, anstelle von Anweisungen, hilft womöglich, diese schwierige Situation zu durchbrechen.