Handschuhe

Das Ereignis

Ich absolvierte meinen Turnus in der gynäkologischen Abteilung in einem Krankenhaus im Zentrum von Palermo, das vom kulturellen und sozialen Hintergrund völlig gemischte Patienten behandelt. Ich arbeitete mit dem Chefarzt und zwei weiteren Assistenten zusammen; wir untersuchten eine Patientin mit Migrationshintergrund. Bevor der Arzt mit der Untersuchung begann, bat er die Patientin, ihre Harnblase zu entleeren. So sieht es das übliche Verfahren vor. Während die Patientin auf dem Klo war, lächelte der Arzt ironisch. Er zog seine Handschuhe an und meinte, dass er die bei der Untersuchung der Frau brauchen würde.

Mir wurde bewusst, dass der Arzt die Handschuhe nur anzog, weil die Patientin eine Migrantin war.

Es bestürzte und verärgerte mich, wie offen der Arzt diese Patientin diskriminierte. Außerdem ärgerte mich, dass sich eine Vertrauensperson wie der Chefarzt, sich zu einer solchen Geste hinreißen ließ.

Als Turnusarzt weiß sogar ich, dass Handschuhe speziell bei gynäkologischen Untersuchungen immer getragen werden müssen, egal um welche Patientin es sich handelt und wo sie herkommen.

Ich war erstaunt über die hygienischen Vorurteile des Chefarztes, dass italienische Patientinnen „sauberer“ seien als nicht-italienische. Ich dachte mir, dass solche Vorurteile, vor allem im medizinischen Bereich, gar nicht mehr auftreten. Medizinprodukte wie Handschuhe sollten immer getragen werden.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

In den Vorfall verwickelte Personen:

Der Erzähler ist 25 Jahre alt und Turnusarzt in der Gynäkologie. Er ist Italiener, aufgeschlossen und hält es für wichtig, die Hygienevorschriften in seinem Beruf zu respektieren.

Ein erfahrener italienischer Gynäkologe Mitte 50. Er arbeitet schon lange in dem Krankenhaus und hat bereits viele Frauen mit unterschiedlichem ethnischem, kulturellem, sozialem Hintergrund untersucht.

Zwei männliche Assistenzärzte.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich in einem Krankenhaus im Zentrum von Palermo, das vom kulturellen und sozialen Hintergrund völlig gemischte Patienten behandelt.  Der Vorfall spielte sich in der Abteilung für Gynäkologie ab.

Der Erzähler absolvierte dort seinen Turnus und arbeitete mit einem Chefarzt und zwei anderen Assistenzärzten zusammen. Der Chefarzt führte die Untersuchung durch und gab der Patientin Anweisungen, während die anderen Ärzte, einschließlich des Erzählers aufgefordert wurden, nur zu beobachten. Die Patientin hatte gerade den Raum verlassen, als sich der Vorfall ereignete.

Normalerweise sollte ein starker Zusammenhang zwischen den beteiligten Personen bestehen, da sie alle den gleichen kulturellen Hintergrund haben und im medizinischen Bereich arbeiten. Sie stammen alle aus Italien und sind aus der gleichen Stadt. Außerdem sind allen Mitarbeitern die Hygienevorschriften bekannt.

Die Beziehung zwischen dem Erzähler und dem Chefarzt ist eine rein berufliche. Es besteht allerdings eine hierarchische Beziehung zwischen beiden, auf der einen Seite der erfahrene Chefarzt und auf der anderen Seite ein Turnusarzt.

3. Emotionale Reaktion

Der Erzähler war verärgert und enttäuscht über das Verhalten des Chefarztes, der eigentlich sein berufliches Vorbild sein sollte.

Der Erzähler war enttäuscht und erstaunt über die Vorurteile des Chefarztes, dass italienische Patientinnen angeblich „sauberer“ seien als nicht-italienische. Dieses Vorurteil bezüglich unterschiedlicher Hygienestandards bei Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund beunruhigte ihn. Der Grund für seine Aufregung war vor allem die stereotype Vorstellung des Chefarztes, dass alle Migrantinnen und ärmere Menschen schmutzig sind.

Der Erzähler war entsetzt, dass solche Vorurteile noch immer existieren. In seinen Augen sollte so etwas eigentlich gar nicht mehr auftreten, schon gar nicht im medizinischen Bereich. Außerdem sollten Handschuhe bei medizinischen Untersuchungen immer verwendet werden.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

1) Berufsethik

Der Erzähler ist der Meinung, dass grundlegende Hygienevorschriften in der medizinischen Berufspraxis immer angewendet werden sollten. Handschuhe sollten in allen Situationen bei allen PatientInnen getragen werden, unabhängig von deren ethnischer Herkunft, Geschlecht, sprachlichen Fähigkeiten, sozio-ökonomischen oder soziokulturellem Hintergrund. Hygiene gehört zur Berufsethik.

2) Gleicher Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle

Die medizinische Berufspraxis bietet allen Menschen Gesundheitsdienstleistungen an. Medizinische Fachkräfte sollen alle PatientInnen gleich behandeln und keine diskriminierenden Handlungen setzen, die einzelne PatientInnen oder Gruppen direkt oder indirekt ausschließen.

Vorurteile bezüglich der Sauberkeit von PatientInnen sollten beiseite geräumt und alle PatientInnen gleich behandelt werden. Darüber hinaus wird der Erzähler sowohl aus persönlicher als auch aus menschlicher Sicht zurückgewiesen, da er selbst erlebt, wie vor seinen Augen grundlegende Menschenrechte verletzt werden. Menschen sollten alle, in jeder Situation, die gleiche Achtung erfahren.

3) Professionalität

Der Erzähler glaubt außerdem, dass der Chefarzt seine Position als Gynäkologe zum Vorteil ausnutzt, um eigene Interessen Frauen gegenüber zu verfolgen. Dies wiederum geht auch gegen die eigenen Ideale des Erzählers, der den ärztlichen Beruf als Dienstleistung für alle sieht und der nicht durch die persönlichen Vorlieben des Arztes verändert werden kann. Außerdem sollte der Chefarzt selbst berufsethische Standards vorgeben und somit als Vorbild für die jüngeren Ärzte fungieren, die sich dieser Arbeit zum ersten Mal widmen.  Jedoch benimmt sich der Chefarzt alles andere als vorbildhaft.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Das Bild, das aus der Analyse hervorgeht:

  • Negativ
  • Abstoßend
  • Moralisch und berufsethisch fragwürdig
6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Sauberkeit und Ästhetik

Das Verhalten des Chefarztes kann – wenn er den Gebrauch von Handschuhen mit der ethnisch-kulturellen Zugehörigkeit der Patientin rechtfertigt – mit einer allgemeinen Angst vor dem „Anderen“ verbunden sein, in diesem Fall sogar mit einer Angst vor „dem Anderen, der Krankheiten mit sich bringt“.

Aus berufsethischer Perspektive sollte er über diesen Vorurteilen und diskriminierenden Verhaltensweisen stehen. Allerdings handelt er bei diesem Vorfall aus persönlichen Überzeugungen, sowie auf Basis von Vorurteilen, die besagen dass Frauen aus anderen Kulturen schlechtere Hygienegewohnheiten und -standards haben, als italienische Frauen. Dieser normative Ansatz könnte seinen Ursprung in schlechten Erfahrungen des Arztes haben, z.B. schlechte Hygiene von früheren PatientInnen mit Migrationshintergrund. So verallgemeinert er seine Erfahrungen.

Hinzu kommt noch, dass gebürtige, italienische Frauen als außerordentlich gepflegt gelten und hohe Hygienestandards aufweisen, was allem Anschein nach, für den Chefarzt eine wichtige Rolle spielt. Er hat möglicherweise hohe ästhetische Ansprüche.

Dieser Vorfall impliziert also starke binäre Werte: Wahrnehmung von Sauberkeit / Nicht-Sauberkeit, Infektionsfreiheit / Infektionsgefahr, Gender-Anziehung / Genderabstoßung.

2) Machtverständnis und Übertreten der Regeln

Obwohl der Chefarzt sich der hygienischen Regeln bewusst ist, die insbesondere in seinem Beruf gelten, glaubt er, dass er die Regeln aufgrund seiner Berufserfahrung und auch seiner Position als Chefarzt selber festlegen kann. Es kann aber auch sein, dass er den jüngeren Ärzten zeigen wollte, dass er sich in seiner Position und nicht an die herkömmlichen Regeln halten muss. Somit stellen für ihn Selbstbewusstsein und Macht mehr Rechte und Privilegien dar, als für andere.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Der Chefarzt hatte seine Vorbildfunktion vor den anderen Ärzten und auch die Risiken seines Verhaltens nicht bedacht. Es stellt sich die Frage, wann und in welcher Form es unter ÄrztInnen möglich ist, höhergestellte andere Ärzte zu kritisieren oder zu hinterfragen. Welche institutionell verankerten Möglichkeiten gibt es dafür und wenn es keine gibt, wie können sie geschaffen werden? (Supervision etc.) Werte wie Achtung und professionelle Verantwortung wurden in diesem Vorfall stark verletzt.

Gerade im empfindlichen Tätigkeitsfeld in der Gynäkologie ist größere Sensibilität in Bezug auf Geschlecht, Sexualität und Respekt für die Hygiene sowie die Individualität der PatientInnen wichtig.

Vor allem in einer Situation, wo Turnusärzte von einem Chefarzt lernen, sind nicht nur professionelle Abläufe und Inhalte von großer Bedeutung, sondern auch die Haltung der Person. In diesem Fall hat die fast schon rassistische Haltung des einen Arztes ein starkes Unbehagen beim Erzähler ausgelöst, vor allem weil er sich dazu gezwungen sah, seine Bedenken während der Untersuchung geheim zu halten und nicht wusste, wie er diese Haltung hätte infrage stellen können.