Besorgen Sie mir eine Frau!

Das Ereignis

Ein obdachloser Mann mit einem amputierten Bein ließ sich von mir behandeln. Während seines Aufenthalts im Krankenhaus hat er ständig trainiert und alle möglichen Übungen gemacht, wie Liegestütze. Einmal ist er mit dem Rollstuhl zu einer Kollegin hin gerollt und hat verlangt: „Evike, besorgen Sie mir eine Frau! Ich will ficken!“

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Krankenschwester: Mitte 40, arbeitet seit 3 Jahren in einem Krankenhaus, das sich auf obdachlose PatientInnen spezialisiert hat, verheiratet, 1 Kind, Mittelschicht, ihre Eltern sind MedizinerInnen sowie auch der Bruder;

Obdachloser Mann: Mitte 30, keine Informationen zu seinem Hintergrund, sein Bein wurde kürzlich amputiert, bereits seit langer Zeit obdachlos;

2. Setting und Kontext

Die Krankenschwester kennt den Patienten nicht besonders gut, sie haben nur sporadischen Kontakt, sie ist jedoch seine Hauptansprechperson im Krankenhaus.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin war schockiert, sie empfand Ekel und moralischen Protest, sie hasste den Patienten dafür, was er gesagt hatte und dafür, wie respektlos er Frauen gegenüber war. Das Wort „ficken“ rief in ihr Aggression und Gewalt hervor. Außerdem kamen noch Angst und Mitleid für den Mann hinzu.

Vor dem Gespräch hatte sie noch Mitgefühl mit dem Mann, aber danach war sie frustriert. Sie konnte nicht verstehen, wie man ernsthaft so eine Bitte gegenüber dem Personal vorbringen konnte. Sie fragte sich auch, ob es eine Provokation gewesen sein könnte.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Widerstand: Die Krankenschwester hat Erfahrung und hat schon einiges im Krankenhaus erlebt, das sich auf Obdachlose spezialisiert hat. Normalerweise fühlt sie mit PatientInnen mit, jetzt aber ist sie eher im Widerstand zu ihrer Umgebung.

Ihr Beruf und der Ort der Ausübung (mit obdachlosen Menschen) ist ein Beruf mit niedrigem sozialen Status, daher ist ihr bewusst, dass sie ohnehin in einer Widerstandposition ist (am Rande der Gesellschaft).

Verteidigung von Obdachlosen: In eine Situation gedrängt zu werden, in der sie ihren Patienten hassen muss, stellt eine Bedrohung für sie dar. Sie durchbricht ihr typisches Verhalten, ihre Arbeitsethik innerhalb und außerhalb der Arbeit, und betrügt sich selbst: weil sie obdachlose Menschen sonst immer verteidigt.

Beziehungen: Für sie sind Beziehungen immer Liebesbeziehungen. Sie verachtet Prostituierte und Männer, die zu ihnen gehen. Sie glaubt an Beziehungen auf Augenhöhe, Sex mit Zustimmung und ist gegen geschlechtsbasierte Gewalt, die in der Politik nicht die notwendige Zuwendung bekommen – wie sie meint.

Selbstbild als Krankenschwester: Sie sieht sich selbst als Unterstützerin der PatientInnen, sodass es ihr auch schon oft passiert ist, dass sie PatientInnen in kleineren, persönlichen Angelegenheiten geholfen hat. Sie war jedoch nie mit einem so offenen, sexistischen Anliegen konfrontiert, und sie konnte sich nicht entscheiden, ob der Mann sie provozieren wollte oder nicht. Für sie war es so, dass der Mann sie als Gesundheitspersonal und gleichzeitig auch als Frau missachtete.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negatives Bild: alle Vorurteile, die es bei obdachlosen Menschen gibt, scheinen sich in diesem Moment zu bestätigen. Die empfindet überhaupt kein Mitgefühl mehr mit dem Mann.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Männliches Selbstbild: Ein junger Mann, der ein Bein verloren hat, versucht, sein Selbstbild eines Mannes aufrecht zu erhalten. Nachdem er jahrelang am Rande der Gesellschaft gelebt hat und wenig sozialen Kontakt hat, ist der Umgang mit Emotionen schwierig.

Sexualität: Sex ist für ihn vielleicht eine körperliche Notwenigkeit, wofür er eine Frau braucht, die sich aber nicht notwendigerweise involvieren muss. Er hat vielleicht früher schon Kontakt zu Prostituierten gehabt oder Beziehungen zu anderen Frauen, die Sex auch nur als körperliche Notwendigkeit betrachten.

Gewalt: Verbale Gewalt hat womöglich nichts mit körperlicher Gewalt gegen Frauen zu tun, es bedeutet aber auch nicht das Gegenteil. „Ficken“ ist vielleicht einfach ein Wort, mit dem er einseitigen Sex ausdrückt – die einzige Art, die ihm jetzt in seinem Zustand zusteht (als obdachloser und behinderter Mann).

Bild von Krankenschwestern: Krankenschwestern sind für ihn mitfühlende Personen, die sich um sein Wohlbefinden sorgen und seine körperlichen Bedürfnisse erfüllen, d.h. er erwartet sich auch in diesem Anliegen Hilfe.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Einrichtungen, die mit Menschen am Rande der Gesellschaft arbeiten, stehen oft vor der Herausforderung, ihre Tätigkeiten zu begrenzen: die medizinisch-körperlichen Anliegen und sie sozialen Anliegen zu bearbeiten. Mit den PatientInnen in solchen Einrichtungen funktioniert eine solche Trennung von Anliegen womöglich nicht, da ihre soziale Benachteiligung und ihr schlechter Gesundheitszustand zusammenhängen.

Anstatt Energie daran zu verschwenden, die Kompetenzgrenzen für das Personal aufrechtzuerhalten, wäre es vielleicht besser in diesem Fall, in interdisziplinären Teams zu arbeiten und SozialarbeiterInnen und PsychologInnen hinzuzuziehen.

Personal, das mit ausgegrenzten Menschen am Rande der Gesellschaft arbeitet, fühlt sich auch oft selbst ausgegrenzt. Es gibt einen hohen Bedarf danach, sie zu stützen und zu stärken – auch strukturell – und ihre Arbeit (finanziell) anzuerkennen sowie ihnen regelmäßig Supervision zu ermöglichen.