Der letzte Kuss

Das Ereignis

Eine Frau wurde nach einem Herzinfarkt auf die Intensivstation verlegt. Ihr Partner, der seit 20 Jahren an ihrer Seite war, war bei ihr und irgendwie geistesabwesend. Das Personal erklärte ihm, dass seine Frau sterben würde, sobald sie die Geräte abstellten.

Ich verbrachte ungefähr eine Stunde mit ihm, in einem eigenen Raum oder am Bett der Patientin. Das Personal hat ihn dazu ermutigt, das Bett der Patientin zu verlassen, wenn sie die Geräte abstellten. Er fand das sehr schwierig.

Ich bin dann mit ihm gemeinsam zum Bett zurück und seine Frau atmete ihren letzten Atemzug. Um sie herum waren noch viele Geräte und Maschinen, die Station war ausgelastet und belebt, und der Mann hatte wenig Erfahrung mit einer solchen Umgebung. Ich ermutigte ihn, ihre Hand zu halten, und spürte sein Zögern. Er drehte sich zu mir und fragte, ob es okay wäre, sie auf den Mund zu küssen. Ich war schockiert und sagte, dass er das gar nicht zu fragen brauchte, sondern selbstverständlich seine Frau küssen dürfte. Er fühlte sich aber so befremdet und abgestoßen von dieser Umgebung.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Erzählerin: weiße Britin, 46 Jahre alt, Pfarrerin und Seelsorgerin in der Anglikanischen Kirche, wurde aber nicht in einer besonders gläubigen Familie aufgezogen, hatte bereits 8 Jahre im Krankenhauskontext gearbeitet, arbeitet viel mit Menschen, vor allem mit Menschen an ihrem Lebensende, ist an die Krankenhausumgebung gewöhnt.

Mann der Patientin: männlich, weißer Brite, ca. 60 Jahre alt, erwerbstätig, Angehöriger der Anglikanischen Kirche, aber nicht besonders religiös

2. Setting und Kontext

Die Situation findet auf einer Intensivstation statt, eine Station mit sehr regem Betrieb, wenige PatientInnen, aber viele Geräte, Hintergrundgeräusche, Notfälle, sterile Umgebung, um Infektionen vorzubeugen, PatientInnen in kritischem Zustand, viele Schläuche und lebensrettende Geräte, Personal in Uniform.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin ist schockiert, dass der Mann um Erlaubnis fragt, seine Frau zu küssen, so als würde sie nicht mehr zu ihm gehören.

Traurigkeit, dass der Mann auf den Tod seiner Frau so unvorbereitet war und das Krankenhaus ihm so fremd war, dass er verwirrt war, was überhaupt vor sich ging.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Religion und Tod

Selbst, wenn wir wissen, dass wir eines Tages sterben, geht jeder Mensch unterschiedlich damit um. Manche beschließen, nicht darüber nachzudenken, außer, wenn sie damit konfrontiert werden, andere finden Antworten in der Religion, usw.

Die Erzählerin kommt aus keiner religiösen Familie, hat aber entschieden, Pfarrerin zu werden und sie letzten 8 Jahre damit zu verbringen, PatientInnen und Familien kurz vor dem Tod zu begleiten. Der Tod scheint ein vertrautes Konzept für sie zu sein, sie scheint den Tod zu akzeptieren und Antworten darauf aus ihrem Glauben zu ziehen.

Das Arbeiten mit dem Tod

Die Erzählerin arbeitet bereits seit mehreren Jahren in diesem Krankenhaus und die Umgebung ist zu ihrer gewohnten Umgebung geworden – ein Ort, an dem sie sich oft aufhält. Die PatientInnen und deren Angehörige sehen diesen Ort aus ihrer Rolle als BesucherInnen und Fremde, und wissen oft nicht, wie sie sich verhalten sollen, welche Regeln gelten, und was sie besser unterlassen sollten. Für die Erzählerin ist der Ort ein ganz natürlicher, in dem Abschied genommen wird indem z.B. auf Wiedersehen gesagt wird, Hände gehalten werden, geküsst oder die Leiche eines Angehörigen berührt wird. Das sind alles Teile des Rituals für sie. Die Angehörigen dürfen ihre Gefühle zeigen, ohne um Erlaubnis zu bitten.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Weder positive noch negativ; eher Mitgefühl, dass er so verwirrt ist und mit der Situation nicht umgehen kann und ein Gefühl, ihn beschützen zu wollen, da er offenbar Begleitung und Unterstützung braucht.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Trauerarbeit und Trauerprozess

Der Angehörige steht unter Schock, weil seine Frau unerwartet gestorben ist. So wie die Geschichte erzählt ist, verstehen wir, dass die Zeit im Krankenhaus niemals ausgereicht haben kann, um ihm begreiflich zu machen, dass sie sterben würde, und dies zu akzeptieren. Diese kurze Zeit zwischen dem Herzinfarkt und der Empfehlung des Personals, die lebensrettenden Maßnahmen einzustellen, gaben dem Mann nicht genügend Zeit, um zu verarbeiten, was passiert war, und das wurde dann als Unsicherheit und Verwirrung wahrgenommen.

Die Situation hatte möglicherweise folgende Ängste für den Mann zur Folge: Verlust von Autonomie, als das Personal entschied, dass sie nichts mehr für seine Frau tun könnten und dass es Zeit war, sie gehen zu lassen; Angst vor Einsamkeit nach 20 Jahren Ehe und gemeinsamen Lebens; Angst vor einer unbekannten Situation, wie man mit dem Tod umgeht und dem Schmerz, der darauf folgt.

Tod in einer medizinischen Umgebung

Die Vorgangsweisen und Verhaltensweisen des Personals in der Intensivstation waren für den Mann nicht alltäglich und daher nicht ausreichend. Die unnatürliche Umgebung mit vielen Geräte, Hintergrundgeräuschen, Notfällen, der sterilen Umgebung, um Infektionen vorzubeugen, PatientInnen in kritischem Zustand, viele Schläuche und lebensrettende Geräte versetzten den Mann in eine Stresssituation. In dieser unnatürlichen Situation muss er sich von seiner Frau verabschieden. Die Atmosphäre auf der Station und seine Stimmung haben sicherlich zu seiner Verwirrung beigetragen, wie er sich verhalten soll.

Es wird empfohlen, dass die Angehörigen draußen warten, wenn die lebenserhaltenden Geräte abgestellt werden, da es mitunter zu verstörenden Situationen kommen kann und es nicht immer der Fall ist, dass die PatientInnen friedlich sterben.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Das Personal wollte alles richtig machen, z.B. schickte ihn hinaus, als sie die Geräte abstellten, und wollten ihn damit beschützen, er aber fühlte sich ausgeschlossen. Für manche Angehörige funktioniert das, andere aber müssen dabei sein, auch wenn es schockierend ist.

Dieser Schock wurde verstärkt, weil in der Umgebung, die für das Personal der tägliche Arbeitsplatz ist, sich aber für alle anderen so stark vom Alltag unterscheidet, und PatientInnen gerade am Lebensende zusätzliche Unterstützung benötigen.

Das Personal kann eigentlich auch erwarten, dass jede Person anders auf den Tod reagiert, und darauf vorbereitet sein, alle Arten von Fragen zu hören, da diese eventuell geschockt oder gestresst oder verwirrt sind, was die Abläufe betrifft.