Beratung in einer Burqa

Das Ereignis

Der Vorfall ereignet sich während einer Anästhesisten-Besprechung vor der bevorstehenden Geburt eines Kindes.

Ich begrüße in der Beratung eine Frau, die einen Gesichtsschleier trägt und ein Netz, das ihr Gesicht bedeckt. Außerdem trägt sie Handschuhe. Ihr Ehemann begleitet sie und fragt nach einer weiblichen Ärztin für die Untersuchung seiner Frau. Ich erkläre ihm, dass heute keine weiblichen Anästhesistinnen zur Verfügung stehen und dass ich diesbezüglich auch nichts ändern kann. Die Besprechung mit einem Anästhesisten ist im achten Schwangerschaftsmonat obligatorisch. Ich befinde mich in einer heiklen Situation. Schlussendlich akzeptiert der Mann, dass ich sie untersuche, aber er droht damit, eine Beschwerde einzureichen und es mir wegen dieser Demütigung heimzuzahlen.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Arzt: Mann, 59 Jahre alt, Anästhesist, Kindheit in Tunesien verbracht.

Patientin: Frau, 24 Jahre alt, aus den Maghreb-Staaten

Ehemann: ca. 30 Jahre alt, in Frankreich geboren

Beziehung zwischen den zwei Gruppen – konservativer Moslem und französische Mehrheitsgesellschaft:

Frankreich hat eine kolonialistische Vergangenheit in mehreren Ländern des Maghreb, aber in den vergangenen Jahrzehnten ist es nicht mehr die kolonialistische Vergangenheit, die man mit diesen Ländern assoziiert, sondern die Koexistenz der einheimischen Franzosen und die MigrantInnen aus diesen Ländern des heutigen Frankreichs, sowie insbesondere die islamische Religion. Frankreich hat eine traditionelle Kultur der Vielfalt: es wird erwartet, dass sich MigrantInnen und Minderheiten anpassen – in ihren Werte, Regeln und Abläufen des gesellschaftlichen Lebens. Eine Regel, die besonders wichtig ist, ist die der „Laizität“, die eine Trennung der Religion vom Staat (mit Ausnahme der christlichen, religiösen Feiertage) vorsieht.

2. Setting und Kontext

Legaler Kontext

Eine Folge des „Laizität“-Wertes ist, dass religiöse Anliegen in öffentlichen Institutionen offiziell nicht berücksichtigt werden dürfen.

Im Jahr 2011 hat Frankreich ein Gesetz verabschiedet[1], das das Tragen von Schleiern (Niqab oder Burqa) im öffentlichen Raum verbietet. Tausende von Frauen sind davon betroffen.

Der Raum

Das Sprechzimmer des Anästhesisten, in denen sich die Frau und ihr Ehemann, sowie der Arzt aufhielten. Das Paar hat den Termin schon im Voraus vereinbart, allerdings sind die Termine nicht für einen bestimmten Arzt vorgesehen und somit konnte das Paar nicht wissen, ob es sich dabei um einen männlichen oder weiblichen Arzt handelt.

Der Vorfall ereignete sich vor April 2011, als es bereits verboten war, eine Burqa im öffentlichen Raum zu tragen.

[1] Circulaire du 2 mars 2011 relative à la mise en œuvre de la loi n° 2010-1192 du 11 octobre 2010 interdisant la dissimulation du visage dans l’espace public

3. Emotionale Reaktion

Ich fühlte mich zu Beginn eher schlecht, da ich verschiedenen Einflüssen ausgesetzt war: auf der einen Seite musste ich sicherstellen, dass die Beratung stattfindet und auf der anderen Seite musste ich mich dem Widerstand des Ehemannes entgegenstellen.

Dieses schlechte Gefühl ist zum Teil daraus begründet, dass ich viele Jahre in Tunesien gelebt habe und nie einer vergleichbaren Situation ausgesetzt war, die kulturell so schwer zu erklären und zu tolerieren war. Ich verspürte ein Gefühl der Intoleranz gegenüber der Situation, sogar fast schon den Reiz zu einer aggressiven Reaktion.

Für den Erzähler ist es wichtig, dass die Patientin zur Untersuchung einwilligt und er sie über gesundheitliche Risiken für sie und das Baby aufklärt.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Laizität/Säkularismus: Politischer Säkularismus ist ein Kernbestandteil der französischen Verfassung und ein wichtiger Wert. Jedoch kann es auch als Tabu verstanden werden, religiöse Überlegungen nicht öffentlich zu machen, etwa in einem öffentlichen Krankenhaus.

Atheismus – rationale, wissenschaftliche Sicht der Welt: Wissenschaftliche Ausbildung geht Hand in Hand mit einer wissenschaftlichen Sicht der Welt und insbesondere Bereiche wie Gesundheit lassen keinen Raum für magische oder religiöse Perspektiven.

Zugang zur Medizin für alle: es sollten keine Hindernisse beim Zugang zur Gesundheitsversorgung aufgrund von Kultur, Religion oder Geschlecht geben. In dieser Situation bedroht das Verhalten des Mannes den Zugang der Frau zur Behandlung, was nicht akzeptabel ist.

Kommunikationsstil: Der bevorzugte Kommunikationsstil des Erzählers ist direkt und symmetrisch, ohne Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Augenkontakt ist in der Regel Teil der Kommunikation, auch wenn anhaltender direkter Blickkontakt nicht seine Präferenz ist.

Die Gleichstellung der Geschlechter sollte auch Teil der Kommunikation sein, vor allem bei diesem Vorfall, indem es in der Diskussion in erster Linie um den Körper und die Gesundheit der Frau geht.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Am Anfang sehr negatives Bild wegen des Verhalten des Mannes, danach etwas besser, da es gelingt, mit der Frau zu verhandeln.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

1) Islam – eine Religion für alle Lebensbereiche

Im Gegensatz zu den Anforderungen der „Laizität“, kann im Islam die Religion nicht in bestimmten Lebensbereichen ausgesetzt werden. Sie begleitet die Gläubigen in allen Lebenslagen und die Regeln gelten in allen Zusammenhängen, auch in der Öffentlichkeit. Es ist keine Option, sich anders zu verhalten und bestimmte Regeln zu missachten.

2) Vermischung zwischen Männern und Frauen

Obwohl es im Islam verboten ist, dass sich Männer und Frauen, die nicht miteinander verwandt sind, berühren, scheint es kein explizites Verbot für Ärzte des anderen Geschlechtes zu geben. Zumindest nicht im Koran oder Hadith. Gleichzeitig steht im Hadith (Sunan Ibn Majah Book 31, Hadith 3609), dass man zu dem qualifiziertesten Arzt gehen soll, unabhängig vom Geschlecht.

3) Eine konservative Interpretation des Islam

Der herkömmliche Islam erfordert keinen speziellen Kleidungsstil für Männer, erfordert er und auch nicht, dass Frauen ihr Gesicht verdecken. Dementsprechend folgt das Paar in diesem Vorfall eine eher konservative Richtung des Islam, möglicherweise dem „Salafismus“ oder „Wahhabismus“. Im französischen Kontext scheinen diesen Strömungen oft keine besondere Verbindung zur Religion zu haben, sondern sind Ausdruck des Widerstands gegen die französische Gesellschaft an sich.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Wie die meisten Religionen ist auch der Islam sehr heterogen, mit Strömungen und Ansätzen, die sehr unterschiedlich sein können. Wenn man sich dieser Unterschiede nicht bewusst ist, könnte dies dazu führen, dass Menschen sich mit islamischen Positionen und Verhaltensweisen assoziieren, die für die Religion überhaupt nicht charakteristisch sind, sondern lediglich für manche Strömungen.

Ebenso könnte es sein, dass die PatientInnen schlecht über den institutionellen Kontext, insbesondere über ihre Rechte, informiert worden sind. In diesem Fall ist der Ehemann davon ausgegangen, dass er sich für eine weibliche Ärztin entscheiden kann, allerdings liegt diese Entscheidung beim Krankenhaus. Während der Mann droht, eine offizielle Beschwerde über den Arzt einzureichen, gibt es keinen Hinweis darauf, wie er dort vorgehen und argumentieren würde.

Das Krankenhaus sollte offizielle Leitlinien für den Umgang von bestimmten kulturellen Symbolen, wie dem Tragen von Burqas oder Niqabs einführen, so dass die Fachärzte solche Entscheidungen nicht alleine treffen müssen. Idealerweise sollte dies in jedem Krankenhaus verschriftlicht sein.

Der Erzähler dieses Vorfalls hat diesbezüglich ein Treffen mit seinen KollegInnen aus der Abteilung organisiert, um die genannten Themen anzusprechen und zusammen über einen gemeinsamen Standpunkt nachzudenken, solange das Krankenhaus nicht seine eigene Position zu diesem Thema entwickelt hat.