Grobes Salz

Das Ereignis

Ich arbeitete als Krankenschwester in einem Krankenhaus. Es war ein warmer Nachmittag und ein großes Ereignis stand kurz bevor: der Besuch der Familien. Ich pflegte einen afrikanischen Patienten aus meiner Abteilung. Im Flur rannte ein kleines Kind herum, das das gesamte Personal verärgerte.

Ich klopfte an der Tür des Patienten, um ihm eine Infusion zu setzen. Die Familie des Patienten war gerade im Raum und ich bat sie, für einige Minuten das Zimmer zu verlassen. Nach anfänglichem Zögern taten sie das dann auch. Nachdem ich dann in das Zimmer getreten war, spürte ich etwas unter meinen Schuhen. Es war grobes Salz, das auf dem Fußboden des Zimmers verstreut worden war.

Der Patient bemerkte die Verwunderung in meinem Gesicht. Sein Französisch war nicht so gut, aber er versuchte, mir trotzdem zu erklären, dass es dabei darum ging, das böse Schicksal zu vertreiben. Ich hängte ihm die Infusion an und dachte währenddessen nach, wie ich den Fußboden wieder sauber bekommen würde, da wir im Krankenhaus strikte Hygienevorschriften hatten.

Es war kein richtiger Kulturschock, da ich durch meine eigene kulturelle Herkunft mit den Traditionen und dem Glauben des Patienten vertraut bin. Allerdings war es das erste Mal, dass ich so etwas im Krankenhaus gesehen hatte und war daher schockiert.

Ich beendete die Behandlung und verabschiedete mich vom Patienten, als plötzlich eine Pflegehelferin das Zimmer betrat, ohne vorher anzuklopfen. Sie hatte bereits etwas Erfahrung (arbeitete dort seit etwa 10 Jahren), war circa 50 Jahre alt und kümmerte sich ebenfalls um das Zimmer.

Sie sah das grobe Salz auf dem Fußboden und schrie: „Was ist das für eine Sauerei? Das ist ja unglaublich!“ Mir war das Ganze sehr unangenehm und ich schämte mich. Der Patient verstand die Wut der Frau gar nicht. Aus der Situation entstand ein regelrechtes Chaos. Ich versuchte, die Situation zu beruhigen und sagte, dass wir schon eine Lösung finden würden.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Anwesende Personen:

Die Erzählerin ist in ihrem ersten Jahr als diplomierte Krankenschwester in dem Krankenhaus tätig.

Der Patient ist ca. 40 Jahre alt, afrikanischer Abstammung und spricht fast kein Französisch.

Die Verwandten, insgesamt 10 Familienmitglieder afrikanischer Abstammung. Von ihnen spricht auch niemand Französisch.

Die Pflegehelferin, ca. 50 Jahre alt, arbeitet seit 10 Jahren im Krankenhaus. Sie stammt aus einem kleinen, französischen Dorf.

Die Beziehung zwischen der Erzählerin und der Pflegehelferin:

Sie kannten sich, da sie zuvor auch schon einige Male zusammen gearbeitet haben. Ihre Beziehung war rein beruflich und die Erzählerin sagte, dass sie nicht im gleichen Bereich arbeiteten. Die Pflegehelferin schien eher der alten Schule anzugehören und war nicht sehr nett mit dem Patienten und seinen Verwandten im Allgemeinen. Die Erzählerin beschreibt sie als engstirnig und ein wenig zu streng.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall ereignete sich in einem allgemeinen Krankenhaus in Lyon (Stadt in Frankreich). Der Patient lag im Bett und wurde schon seit Wochen medizinisch behandelt.

3. Emotionale Reaktion

Ihre emotionale Reaktion entstammt nicht der Tatsache, dass das Zimmer voller Salz war, sondern von der Reaktion der Pflegehelferin. Sie selbst sagte zwar, dass sie überrascht war wegen des Salzes im Zimmer, allerdings verstand sie recht schnell, um welches Ritual es sich handelte. Aufgrund ihrer eigenen Herkunft wusste sie, dass grobes Salz in mehreren Kulturen eine Schutzfunktion innehat.

Die erste emotionale Reaktion war Verlegenheit aufgrund des Verhaltens und der Haltung der Pflegehelferin, da sie die Situation unprofessionell gehandhabt hat.

Sie war wütend aufgrund der Reaktion der Pflegehelferin und deren heftige Worte und Tonfall in Richtung des Patienten. Der Patient tat ihr deswegen auch leid. Er war krank und verstand weder die französische Sprache, noch warum die Pflegehelferin ihn anschrie.

Die Erzählerin fühlte sich in dieser Situation für den Patienten verantwortlich, da sie die Notwendigkeit empfand, den Patienten vor diesen Aggressionen zu schützen und zu erklären, was passiert war. Als der Patient sie ansah, empfand sie das Bedürfnis, dem Patienten Hilfe, Empathie und Schutz entgegenzubringen.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Respekt: Für die Erzählerin ist Respekt von hoher Bedeutung, wenn es um Menschen geht, vor allem, wenn sie in einer gesundheitsgefährdenden Situation sind (sowie der Patient). Pflegefachkräfte sollten sich um die PatientInnen sorgen und sie pflegen. Respekt bedeutet in dieser Situation, nicht den Patienten zu verärgern oder ihn anzuschreien. Ein solches Verhalten ist bei einer Person fehl am Platz, die mit jedem Tag versucht, dass es ihr gesundheitlich besser geht.

Bedrohung der beruflichen Identität: Die Erzählerin gibt zu verstehen, dass das Wohlbefinden eines Patienten oder einen Patientin nicht nur damit zusammenhängt, welche Medikamente dies verabreicht bekommen, sondern dass das gesamte Umfeld dazugehört. Somit ist es das gesamte Personal des Krankenhauses, das sich um die PatientInnen sorgt. Darum war die berufliche Identität der Krankenschwester durch die ältere und erfahrenere Kollegin bedroht, da diese die grundlegenden Regeln nicht respektiert hat.

Bewusstsein für Diversität: Die Erzählerin glaubt, dass die Pflegehelferin noch nie die Möglichkeit hatte, in einem interkulturellen Umfeld zu arbeiten und dass sie bisher nur in diesem Krankenhaus gearbeitet hat. Die Pflegehelferin tat der Erzählerin daher ein bisschen leid. Das Thema Ethik wird im Gesundheitsbereich immer bedeutsamer und die professionellen Pflegekräfte sollten über ein umfassendes Wissen zu diesem Thema verfügen und respektvoll mit den PatientInnen aus unterschiedlichen Kulturen umgehen und auf deren Bedürfnisse eingehen. Dieses Wissen sollte in Form von Schulungen über Interkulturalität oder anderer relevanter Schulungen, die diese Fähigkeiten und Kompetenzen entwickeln, bereitgestellt werden.

Empathie: Die Erzählerin empfand es auch als wichtig, dass man empathisch mit der Patientin umgeht, allerdings bekundete sie auch, dass sie besonders von diesem Vorfall schockiert war, da sie sich selbst als „Ausländerin“ mit kulturellem Hintergrund identifizierte und dass sie sich eines Tages in der Rolle der Patientin wiederfinden würde und selbst missverstanden werden könnte. Aufgrund ihrer Herkunft aus dem Maghreb konnte sie sich leicht mit der Situation der Patientin identifizieren.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Gewöhnliches Salz, Meersalz oder koscheres Salz – alle haben eine lange Geschichte in Reinigungsritualen, als magischer Schutz und Segen. Solche Salzrituale werden in verschiedenen Kulturen seit Tausenden von Jahren praktiziert und finden auch heute noch statt. Das Salz reinigt negative Energien und schützt vor schädlichen Energien.

Sepsis und Hygiene: Für die Pflegehelferin, die schon seit zehn Jahren in dem Krankenhaus arbeitet, sind die Hygienevorschriften nicht verhandelbar. Im Krankenhaus müssen die Zimmer sauber bleiben, sodass die bestmögliche Verpflegung für die PatientInnen gewährleistet ist.

Bedrohung der beruflichen Identität: Die Pflegehelferin findet, dass das Saubermachen von unnötigem Schmutz und Chaos nicht in den Aufgabenbereich ihres Berufes fällt.

Heilende Rituale: Die Pflegehelferin glaubt nicht an „rituelle“ Reinigungsprozesse.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

„Dieser Vorfall hat mich darüber nachdenken lassen, wie wir mit dem Thema Vielfalt im Gesundheitssystem in Frankreich umgehen. Ich machte mir Gedanken über die Zerbrechlichkeit von PatientInnen, die aufgrund ihrer kulturellen Herkunft von MitarbeiterInnen des Gesundheitssystems beschimpft werden. Ich denke, dass Diversität im Allgemeinen keinen Platz im öffentlichen Gesundheitssystem hat, was eine Schande ist, da wir es eigentlich besser wissen müssten.“

Der Kulturschock bezog sich hier nicht auf einen kulturellen Unterschied, sondern auf einen Unterschied im beruflichen Verständnis zwischen diplomierter Krankenpflegerin und Pflegehelferin.