Unverantwortliche Eltern

Das Ereignis

In einer kleinen Stadt in der Nähe von Budapest hat ein circa 2-jähriges Kind irgendeine Art von ätzender Flüssigkeit getrunken. Die Rettung wurde gerufen. Das Haus befand sich in einem Außenbezirk von Budapest, eine Ruine. Überall waren viele Erwachsene.

Das Kind hat friedlich gespielt. Wir fragten die Eltern – eine Roma Mutter, ein ungarischer Vater, der gerade von der Arbeit nach Hause gekommen war – was los war.

Sie waren unverantwortlich, sie hätten das Kind beschützen sollen, das mit 2 Jahren noch kaum gehen konnte. Wir nahmen es ins Krankenhaus mit. Bevor wir weggefahren sind, war es meine Aufgabe, mit den Eltern zu sprechen, die Ursachen für den Unfall zu erfragen, mit der Mutter zu sprechen – eine junge Frau, die wie eine 18-Jährige aussah, selbst noch ein Kind.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Sanitäter: männlich, Mitte 30, Mittelschicht, lebt in Budapest, 10 Jahre Berufserfahrung, unverheiratet, keine Kinder

Mutter: ca. 18 Jahre alt, Roma und Sinti, lebt mit einem Partner zusammen, der nicht zu den Roma und Sinti gehört, sowie der erweiterten Familie, 1 Kind, leben in einer Kleinstadt in einem Außenbezirk, offiziell arbeitslos, sichtbare Armut, keine Informationen darüber, ob ihr Mann arbeitet.

Der Sanitäter ist ein Mann und doppelt so alt wie die Mutter des Kindes, er ist Mitglied der Mehrheitsgesellschaft und in seiner Rolle als verantwortungsvoller Helfer dort. Er wird mit der jungen, nicht verantwortungsvollen Mutter konfrontiert. In der Situation selbst treffen die beiden ProtagonistInnen kaum aufeinander, weil das Kind friedlich spielt, als die Rettung eintrifft. Es entsteht also Distanz zwischen ihnen, nicht nur beruflich, sondern auch sozial und in der Hierarchie. Allerdings findet die Situation bei ihr zu Hause in dem ihr vertrauten Raum statt.

2. Setting und Kontext

Die Situation findet bei der Familie zu Hause statt, wo die Rettung als Eindringling erscheint (obwohl sie alarmiert wurde). Die Sanitäter stellen Fragen, untersuchen das Kind und erkunden den Ort. Das Kind scheint unverletzt zu sein, wird aber zur Sicherheit mit ins Krankenhaus genommen. Der Vater fährt mit. Die Mutter bleibt zu Hause, wird aber vor der Abfahrt der Rettung zurechtgewiesen, weil die – als der Unfall geschah – mit dem Kind alleine war. Sie wurde gefragt, was geschehen war und antwortete, dass sie dem Kind Wasser zu trinken geben wollte und die Familie gebeten hatte, die Rettung zu rufen. Der Vater traf zur selben Zeit zu Hause ein wie die Rettung.

3. Emotionale Reaktion

Mitleid, Verachtung, Irritation

Frustration, dass die Mutter nicht zu verstehen scheint, was er sagt.

Überraschung, dass niemand aufgeregt ist, nicht einmal das Kind.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Kindererziehung: Ein Kind sollte aus der Sicht des Sanitäters immer beschützt und behütet werden, weil es verletzlich ist und die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es sich in Schwierigkeiten bringt. Eine sorgende Mutter würde das wissen und ihr Kind adäquat beobachten. Ein Teil des Schutzes ist es, das Zuhause so zu gestalten, dass sich das Kind nicht durch gefährliche Materialien oder Substanzen verletzt.

Ein Zuhause: Sein Bild eines Zuhauses ist ordentlich und aufgeräumt. Diese Ordnung stellt die Kompetenzen einer Hausfrau und Mutter unter Beweis. Ein Zuhause in Ruinen, Schutt und Asche, deutet auf das Gegenteil hin: Unordnung.

Elternschaft: Elternschaft sollte in einem Alter geschehen (sicher nicht vor der Volljährigkeit), in dem beide Elternteile Verantwortung für das Kind übernehmen können. Kinder vor diesem Alter zu haben und in einer sozial schwachen Situation, ist ein Zeichen von Unverantwortlichkeit. Die Eltern erscheinen dem Sanitäter dadurch unverantwortlich.

Familie: Die Familie besteht in seiner Normalvorstellung aus Vater, Mutter, Kind. Die Verantwortung für die Kindererziehung wird zwischen den Eltern geteilt. Andere sind dafür primär nicht zuständig.

Weitere Gefahr vermeiden: Das Kind befindet sich immer noch in Gefahr, auch wenn es keine Anzeichen für eine Verätzung gibt. Zur Sicherheit muss das Kind mit ins Krankenhaus.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ, er will sie bevormunden und zurechtweisen.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Eine Familie besteht aus mehreren Personen und die Älteren haben Autorität über die Jüngeren. Die Verantwortung für die Kindererziehung wird zwischen den Erwachsenen verteilt.

Elternschaft: Das Kind ist beschützt, weil es sich im Kreise der Familie aufhält. Zusätzlicher Schutz ist nicht erforderlich.

Die Situation: Das Kind befand sich kurz in Gefahr, das ist es jetzt nicht mehr, weil es keine Anzeichen für Verletzungen gibt. Die Rettung ist daher unnötigerweise gerufen worden und die Sanitäter machen eine Mücke zum Elefanten.

Bild der anderen: Der Sanitäter verhält sich arrogant, belehrt sie und tut so, als wäre die Mutter an dem Unfall schuld.

(Die Ablehnung von Autoritäten generell und im Gesundheitssystem bedeutet, dass ihre Hilfe ohnehin nicht angenommen wird.)

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Die beiden ProtagonistInnen erleben sich als radikal fremd. In solchen Situationen kann der Sanitäter die Initiative ergreifen, um diese Lücke zu schließen. Es könnte helfen, der jungen Mutter zu sagen, dass sie eine gute Mutter ist, und damit einen Gesichtsverlust vermeiden. Denn schließlich hat die Mutter die Rettung gerufen, d.h. sie hat Verantwortungsbewusstsein gezeigt. Diese Tatsache könnte im Gespräch anerkannt werden.

Der Sanitäter erteilt ihr keine berufsbezogenen, medizinischen Ratschläge, sondern moralisch (Sie sind eine schlechte Mutter, ich sage Ihnen jetzt, wie es besser geht.). Um nicht in diese Falle zu tappen, braucht es Selbstreflexion und wiederholte Versuche, nicht einen solchen moralischen Ton mit PatientInnen anzuschlagen.

In einer Notsituation ist es wichtig, mit den relevanten Personen zu sprechen. Durch den individuellen Blick auf die junge Mutter geraten andere für die Kindererziehung relevante Personen aus der erweiterten Familie in der konkreten Situation in den Hintergrund. Der eigene blinde Fleck – die Vorstellung einer Normalfamilie mit Vater, Mutter, Kind – geben dem erweiterten Familienmodell, das in ärmeren Familien sowie am Land gang und gebe ist, keinen Platz.

Weitere Handlungsempfehlungen könnten in Richtung Infrastruktur im Haus gehen und der Mutter aufzeigen, wie sie ihr Kind in Zukunft vor Unfällen schützen kann, anstatt sie zu „bestrafen“, dass sie eine schlechte Mutter ist.