Aufstand in der Notaufnahme

Das Ereignis

Ich bringe eine arabische Frau mit abdominellen Schmerzen in die Notaufnahme. Ich frage nach einer weiblichen Ärztin und Pflegerin für die Untersuchung, weil wir erfahren haben, dass eine arabische Frau nicht von einem männlichen Arzt untersucht werden kann. Dennoch kann ich den Ehemann der Frau nicht davon überzeugen, mit dem kleinen Sohn draußen zu warten. Er ist circa 3 Jahre alt. Sie sind im Untersuchungszimmer geblieben. Der kleine Bub ist überall herumgelaufen. Die Mutter hat nicht versucht, ihn aufzuhalten. Wir haben sie gebeten, ihn festzuhalten und ihn wenigstens an einem Platz zu halten, damit wir unsere Arbeit machen können. Sie hat irgendwas zu ihm gesagt, aber es hat sich nichts geändert. Wir haben dann versucht, mit dem Vater zu argumentieren, dass sein Sohn vielleicht traumatisiert wird, wenn wir seine Mutter mit einer Nadel stechen und wir vielleicht Probleme haben, wenn er unabsichtlich ihre Hand bewegt. Der Mann tat, als würde er nichts hören.

Wir hätten den Sicherheitsdienst rufen können, aber das hätte lange gedauert und weil viele Patienten draußen gewartet haben, wollten wir keine Szene machen. Wir wollten einfach nur, dass die Situation aufhört, es hat uns viel Kraft gekostet. Wir hätten die Behandlung verweigern können bzw. ihnen drohen können, dass wir ihr keine Schmerzmittel verabreichen, solange sie sich nicht auf einen kleinen Kompromiss einlassen, aber irgendwie hatten wir nicht die Kraft, dieses Spiel zu spielen. Wir wollten nur so schnell wie möglich fertigwerden.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Sanitäterin: weiblich, Mitte 40, langjährige Arbeitserfahrung, Matura, am Land geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren 3 Kindern in Budapest, Ungarisch ist ihre Muttersprache, Grundkenntnisse in Englisch

Ehemann der Patientin: männlich, Mitte 30, arabischer Abstammung aus dem Iran (Persisch), gut gekleidet, spricht Arabisch und wenig Englisch, sonst keine Informationen vorliegen.

Es handelt sich um eine rein berufliche Situation, eine Untersuchung. Die Patientin ist nur in ihrer Rolle als Patientin sichtbar. Sie und ihr Mann wirken „anders“, aber wir wissen nichts über die außer, dass sie Perser sind.

Es gibt wenige Gemeinsamkeiten zwischen der Sanitäterin und dem Ehemann.

2. Setting und Kontext

Der Vorfall geschieht in einem Behandlungsraum – ein Raum, der dem Personal sehr vertraut ist, aber für die Patientin und ihren Mann fremd. Die Patientin sitzt, der Mann steht (es gibt keine weiteren Sitzgelegenheiten im Raum).

Im Raum befinden sich eine weibliche Ärztin, eine weibliche Krankenpflegerin, eine weibliche Sanitäterin und die Familie.

3. Emotionale Reaktion

Frustration, Irritation, „was für ein schlechtes Benehmen“, sie stören nur die Behandlung; das ist respektlos gegenüber dem Personal, ein Mangel an Autoritätsgefühl, es gibt keine Lösung – daher „Lasst uns das so schnell wie möglich beenden.“

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Untersuchungs- und Behandlungsraum: Dafür gibt es spezielle Räume – die Behandlungsräume – was als professioneller Ort bezeichnet werden kann, an dem nur PatientInnen und klinisches Personal zugelassen ist. Vor allem handelt es sich nicht um einen Raum, in dem Kinder spielen. Die professionelle Arbeit, die dort verrichtet wird, erfordert Präzision und Ruhe. Untersuchungen sind außerdem private und individuelle Angelegenheiten, niemand sonst erhält Zugang zu diesem Raum.

PatientInnen: Von PatientInnen wird erwartet, dass sie ihre soziale Identität zu Hause lassen. Ihre Familie ist in dieser Situation genauso uninteressant wie etwa das Sexualleben des Arztes.

Arabische Kulturen: Von arabischen Kulturen erwartet man, dass Frauen unterdrückt werden und ihre Freiheit eingeschränkt ist. Die fehlende Reaktion des Mannes auf das Kind könnte als Provokation aufgefasst werden, als Ausdruck von Arroganz und Respektlosigkeit dem Personal gegenüber.

Das Kind: eine Lärmbelästigung, ein Hindernis, das man aus dem Weg räumen muss

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Familie: Die Familie ist die einfachste soziale Einheit; die Frau kann in dieser Stresssituation nicht alleine gelassen werden, das würde bedeuten, sie im Stich zu lassen, ihr Unterstützung zu untersagen, und das wäre erbärmlich.

Krankheit als Teil des Lebens: Das Kind müsste nicht dabei sein, aber sonst könnte niemand auf das Kind achten. Dass das Kind dabei ist, stört die Familie nicht, weil Krankheit ein Teil des Lebens ist, so wie eine Geburt oder der Tod. Kinder sind Teil der Familie und nehmen an diesen Lebensereignissen teil.

Die Situation: Er achtet auf das Kind, er versteht nicht, warum das Personal ihm nicht vertraut. Er wird immer nervöser, weil er die zunehmende Verachtung ihm gegenüber spürt. Vielleicht denkt er, es liegt daran, dass er Ausländer ist.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Das Personal war auf eine weibliche, orientalische Patientin vorbereitet, aber nicht auf zusätzliche Störfaktoren. Eine Situation muss eigentlich jedes Mal neu beurteilt werden.

Wenn ein Gesichtsverlust bevorsteht, dann gelingt es Menschen weniger gut, kreative Lösungen für Probleme zu finden. Professionalität bedeutet auch, solche Gesichtsverluste zu vermeiden, hier beim Ehemann.

Man könnte noch ein zweites Mal versuchen zu klären, ob der Mann die Kommunikation überhaupt versteht.

Regeln, die nicht gebrochen werden dürfen, müssen ganz klar an alle im Raum kommuniziert werden.