Arabischer Hausarzt

Das Ereignis

Eine Patientin hat eine schriftliche Beschwerde bei mir über ihren Hausarzt eingereicht, der arabischer Abstammung war.

Sie schrieb, dass der Arzt sich durch ihre Fragen angegriffen gefühlt hatte und sie unverschämt beschimpft hätte und sie sich in ihrer Würde verletzt fühlte. Das alles geschah während eines Eignungstests für irgendeinen Job. Sie hatte den Verdacht, dass der Arzt sich ihr gegenüber nur so verhielt, weil sie eine Frau war. In der Hitze des verbalen Gefechts hat sie der Arzt aus der Praxis hinausgeschmissen – ohne sie zu behandeln.

Ich habe den Arzt kontaktiert, per Telefon, und ihn zu dem Fall befragt. Ich habe ihn auch über die Patientenrechte informiert. Er sprach auch mit mir in einem völlig unangebrachten Ton. Ein intensiver Streit ist ausgebrochen, darüber welche Rechte PatientInnen haben und Frauen im Speziellen in Ungarn, und wie diese Regeln auch für ihn gelten, dem ungarischen Gesetz folgend, vor allem in einer öffentlichen Einrichtung, und wenn er mit Patienten Kontakt hat.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Patientenanwältin: weiblich, Mitte 30, Ungarin, Anwältin, Muttersprache Ungarisch, Englisch als 1. Fremdsprache, nicht verheiratet, keine Kinder, geboren in Budapest, lebt in Budapest, katholisch;

Hausarzt: männlich, Mitte 50, arabische Wurzeln (keine weiteren Informationen darüber), ungarischer Staatsbürger, perfekte Ungarischkenntnisse mit leichtem Akzent, spricht wahrscheinlich mehrere Fremdsprachen, studierte in Ungarn Medizin, arbeitet und lebt in einer Kleinstadt namens Miskolc (ländliches Gebiet), keine Informationen über seine Familie oder seine Religion

Beide wurden im selben System großgezogen, allerdings in verschiedenen Epochen der ungarischen Geschichte. Beide befinden sich in einer Machtposition und hinterfragen den jeweils anderen in seiner Position. Der Hausarzt ist ein Mann und älter als die Patientenanwältin, sein Beruf hat einen höheren Status. Die Patientenanwältin hat zwar einen sozial niedrigeren Beruf gewählt, ruft aber aus der Hauptstadt aus an („aufs Land“), sie hat die Macht, ihm Probleme zu bereiten.

2. Setting und Kontext

Weiterer Kontext dieser Geschichte: Viele Studierende aus dem Mittleren Osten bekamen in den 1970er und 1980er Jahren Stipendien in Ungarn, blieben dann und integrierten sich vollständig in die ungarische Mehrheitsgesellschaft. Viele dieser Studierenden haben heute angesehene Berufe und Positionen und ungarische Familien. Seit der Flüchtlingskrise 2015 fühlt sich diese Generation von MigrantInnen zunehmend angesprochen und ev. von Xenophobie „bedroht“.

Engerer Kontext dieser Situation: Die Kommunikationssituation geschieht nicht persönlich, sondern am Telefon. Das ist ihr erster Anruf in dieser Sache.

Der Fall: Der Arzt hat mit seiner Weigerung, den Eignungstest durchzuführen, der Patientin einen Job verwehrt.

3. Emotionale Reaktion
  • Wütend wegen dem ursprünglichen Fall und dass er am Telefon unhöflich zu ihr ist;
  • Respektlose Behandlung als Frau und in ihrer beruflichen Rolle als Patientenanwältin, die so ausgelegt wird, als würde sie ihm nur Probleme machen wollen.
  • Abgelehnt, nicht anerkannt.
4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Die Patientenanwältin kennt die Herkunftskultur des Arztes nicht genau. Sie nimmt an, es handelt sich um ein muslimisches Land und sie denkt, Frauen werden dort eher unterdrückt.

Für sie ist Gleichberechtigung von Frauen und Männern ein Grundwert, sie geht aber davon aus, dass dieses Grundrecht nicht von allen gleichermaßen beachtet wird.

Sie glaubt an Demokratie und dass die Wahrung von Menschenrechten in einer Demokratie wichtig ist. Patientenrechte gehören für sie ebenso dazu. Andere wichtige Werte sind: Menschenrechte, das Gesetz, Würde.

Sie versteht einen Menschen als Rechtsträger/in. Eine Beziehung zwischen Arzt und Patientin soll auf Partnerschaft und gegenseitiger Anerkennung aufbauen.

Sie schätzt auch Werte wie Integration und Akzeptanz von MigrantInnen. Sie wäre selbst verärgert darüber, mit Vorurteilen konfrontiert zu sein.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ, nicht sehr realistisch

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Er fühlt sich vielleicht von der Patientenanwältin bedroht, als jemand, der ihm sein Leben verkomplizieren will. Er fühlt sich in seiner beruflichen Identität als Arzt gedemütigt.

Er denkt vielleicht, dass eine jüngere Frau, die nicht einmal Ärztin ist, nicht das Recht hat, seine beruflichen Kompetenzen in Frage zu stellen.

Für ihn ist die Patientin ein rein berufliches Problem, die soziale Identität oder die Gefühle der Frau sind ihm nicht wichtig.

Ein guter Arzt ist für ihn jemand, der nicht nachgibt, der schnell Entscheidungen trifft und er sieht seine Verantwortung in der Behandlung (Bewilligungen oder Eignungstests sind nicht sein Fokus und daher unwichtig).

Er erwartet vollkommenes Vertrauen von seinen PatientInnen, deshalb ist transparente Kommunikation auch nicht wichtig für ihn. Er nimmt an, dass die Arzt-PatientInnen-Beziehung eine ungleiche ist, weil er Wissen hat, das sie nicht hat.

Kultur spielt in dieser Geschichte möglicherweise gar keine Rolle. Er versteht sich selbst als gut integriert und respektiert die ungarischen Gesetze, so wie die Ungarn selbst. Dass er über ungarische Gesetze  belehrt wird, sieht er womöglich als Beleidigung seiner Person und seiner gelungenen Integration.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Die Situation ist eigenartig, weil eigentlich beide daran interessiert sein müssten, dass es so wenige Beschwerden wie möglich gibt und dass die Qualität im Gesundheitssystem aufrechterhalten bleibt. Sie werden allerdings in eine Position gebracht, in der sie gegeneinander agieren (müssen) – das Gegenteil von Kooperation. Vertrauensbildung wäre hier wichtig gewesen, dafür scheint aber keine Zeit zu sein.

Kein Element in der Geschichte deutet darauf hin, dass seine Unhöflichkeit etwas mit seiner Abstammung zu tun hat. Hier werden Unterschiede womöglich kulturalisiert. Das kann geschehen, wenn versucht wird, Unterschiede zu erklären und dann Menschen kategorisiert werden, z.B. Araber, MigrantInnen, Roma usw., und negative Stereotypen diesen Kategorien hinzugefügt werden. Auf negative Stereotype folgen meist negative Reaktionen, und damit werden diese zu selbsterfüllenden Prophezeiungen.

Vielleicht wäre in diesem Fall – einer heiklen interkulturellen Situation – ein persönliches Gespräch dem Telefonat vorzuziehen gewesen.