Die Pflichten einer Frau

Das Ereignis

Die Geschichte fand in einer Neugeborenenstation in einem Krankenhaus in Debrecen statt. Ich betrete mit einer jungen Ärztin gemeinsam das Patientenzimmer, in dem ein Bett steht. Dort liegt eine junge Zigeunermutter, die gerade ein Kind geboren hat, vor ein paar Stunden, und ich sehe, wie sie gerade mit ihrem Mann Sex hat.

Wir schließen die Tür und gehen weiter unsere Runde auf der Station.

Später fragt die junge Ärztin die Mutter, warum sie so etwas tut? Die Antwort der Mutter war erstaunlich einfach: Weil er mein Mann ist und er es vermisst hat.

Diese Antwort hat mich mehr schockiert als die Szene selbst.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Krankenpflegerin: weiblich, Anfang 30, verheiratet, Mutter eines Kindes, Mittelschicht, Ungarisch ist ihre Muttersprache, hatte bereits 8 Jahre als Krankenpflegerin gearbeitet, lebt in Budapest im 3. Bezirk, mag Großstädte.

Patientin: weiblich, Mitte 30, Angehörige der Roma und Sinti Minderheit in Ungarn, Ungarische Staatsbürgerin, wir wissen nicht, welche Muttersprache sie hatte, hat einen Mann (aber wir wissen nicht, ob sie verheiratet sind), eher geringes Bildungsniveau, arbeitslos, Beruf des Mannes ist unbekannt; lebt in Budapest im 8. Bezirk;

Beide Frauen sind im selben Alter, beide haben Kinder geboren, jedoch sind die Erfahrungen, die beide daran knüpfen, unterschiedlich. Ihre gemeinsamen Lebenserfahrungen bringen sie nicht näher zueinander, sondern stellen Barrieren im Verständnis dar. Die Krankenpflegerin repräsentiert die Mehrheitsgesellschaft, was ein negatives Bild der Roma und Sinti mit sich bringt. Sie ist aber auch die professionelle Krankenpflegerin und sollte aus ihrer Berufsrolle heraus die Normen anderer verstehen können. Die Beziehung war daher außerdem hierarchisch.

2. Setting und Kontext

Die Geschichte fand auf einer neonatologischen Intensivstation statt. Die PatientInnen kommen und gehen auf dieser Station. Die Roma und Sinti Mutter hatte ein erste Klasse-VIP-Zimmer, ein Zimmer mit nur einem Bett, für das die Familie bezahlt hat. Ihre Intimsphäre war also größer als jene der anderen PatientInnen in Mehrbettzimmern. Der Kulturschock fand noch an der Türschwelle zum Zimmer statt, und das Personal ist dann auch gegangen.

3. Emotionale Reaktion

Die Krankenpflegerin ist geschockt und schämt sich für sich und die Ärztin. Als Vertreterin eines Gesundheitsberufs empfindet sie die Situation als schädlich und gesundheitsgefährdend für die Mutter, aber ihre Scham hindert sie daran, einzugreifen. Sie gehen einfach aus dem Zimmer. Sie hat auch Mitleid mit der Mutter und ist wütend auf den Mann, der barbarisch und egoistisch wirkt. Sie ist geschockt von der Unterwürfigkeit der Frau – mehr als von der Szene selbst.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Geburt eines Kindes: Sie befindet sich in einem körperlich anstrengenden Zustand kurz nach der Geburt, es bestehen gewisse Gesundheitsrisiken für die Mutter. Sie braucht daher eher emotionale und körperliche Ruhe.

Schmerzen: Schmerzen gehören zur Geburt dazu und sollten um die Geburt zusätzlich möglichst vermieden werden. 

Sex: Vor diesem Hintergrund ist Sex nach der Geburt unvorstellbar, auch zu Hause.

Raum: Das Krankenhaus ist kein privater Raum für PatientInnen, Verhaltensweisen wie Sex zu haben, wäre zu Hause normal, aber im Krankenhaus wird das nicht toleriert.

Geschlechterrollen und Sex: Eine sexuelle Beziehung zwischen einem Paar sollte auf Gleichheit beruhen und auf beiderseitiger Zustimmung bei Entscheidungen.

Berufsrollen: Abläufe im Krankenhaus sind Routineabläufe und damit wird auch Professionalität gewahrt. Hindernisse, die eine solche Routine in Frage stellen oder durcheinanderbringen, stellen auch die Professionalität des Personals in Frage – ob sie die Situation unter Kontrolle hat oder nicht. Dies fordert die eigene Berufsrolle heraus, vor allem, wenn man die Ordnung nicht so leicht wiederherstellen kann.

Roma und Sinti PatientInnen: Es wird erwartet, dass es mit dieser Gruppe Probleme gibt und dass sie sich nicht an Regeln halten.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negativ, sie schreibt dem Verhalten der Patientin Unterwürfigkeit und Ignoranz zu; Das Bild der Frau bezieht sich nur auf eine Situation, ihr fehlt das Hintergrundwissen über die Mutter.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Krankenhaus: Das Krankenhaus kann als fremde Umgebung von ihr empfunden werden, wo Verwarnungen und auch Diskriminierung möglich sind.

Erste Klasse-Zimmer: Sie hat ihr Recht auf Intimität „gekauft“ und daher gelten die üblichen Regeln des Krankenhauses für sie nicht.

Geburt eines Kindes: Es handelt sich nicht um einen medizinischen Vorgang, sondern einfach um ein Lebensereignis, daher fühlt sie sich auch nicht als Patientin.

Sex: Sie empfindet Sex als Vergnügen und auch als Pflichterfüllung gegenüber ihrem Mann. Diese zwei Dinge wiedersprechen sich für sie vielleicht nicht. Ihren Mann in Empfang nehmen zu können stellt womöglich einen Beweis für ihre Weiblichkeit dar, die nun im Gegensatz zur Schwangerschaft wiederhergestellt wird. Es könnte auch eine Protestaktion gegen das Krankenhaus sein. In einer fremden Umgebung kann der Sex mit ihrem Mann als Allianz mit ihm verstanden werden. Vielleicht kann sie den Unterschied zwischen Vergewaltigung und einvernehmlichem Sex gar nicht erkennen, da es bereits vorher in der Beziehungsgeschichte Gewalt gab. Die Situation ist für eine außenstehende Person ohne weitere Kenntnis der Familie nicht möglich.

Geschlechterrollen: Es wird von einem Mann erwartet, dass er seinen Willen bekanntgibt und dass dieser akzeptiert wird. Das muss nicht notwendigerweise als Unterdrückung verstanden werden.

Individualismus-Kollektivismus: Die individuelle Freiheit, zu entscheiden, ist weniger wichtig als die Beziehung und sozial-erwünschtes Verhalten in der Beziehung.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Viele „kulturelle“ Differenzen entpuppen sich eher als sozio-kulturelle Differenzen, die gar keiner spezifischen ethnischen Minderheit zugewiesen werden können. Die Mehrheit „ethnologisiert“ vielleicht solche Verhaltensweisen und schubladisiert sie als eigenartig oder deviant, d.h. abweichend von der Mehrheitskultur.

Kulturelle Unterschiede können bei Beschäftigten im Gesundheitsbereich auch zu einer Art Versteinerung führen: Wie soll ich mich in dieser Situation verhalten? Was ist in diesem Fall normal?

Eine Möglichkeit, mit einer solchen Situation umzugehen, ist ein Interview mit einem Kulturexperten zu führen (z.B. Ethnologe/in) und über kulturelle Muster zu sprechen. Auf kulturelle Muster kann man sich gezielt vorbereiten.

In anderen Fällen ist das nicht interessant und es geht darum, die Regeln und Normen wiederherzustellen ohne die PatientInnen zu demütigen oder zu frustrieren.

Um die eigenen Vorurteile in einer solchen Situation zu hinterfragen, kann man sich Fragen stellen wie: Würde ich mich anders verhalten, wenn es sich um eine andere Patientin handeln würde? (z.B. eine Patientin, die nicht den Roma und Sinti angehört)