Eine kurze Einführung in die medizinische Anthropologie oder: Was hat Kultur mit Medizin zu tun?

Das Ziel dieses Readers

Der Reader möchte in das Feld der medizinischen Anthropologie einführen und verschiedene Wege aufzeigen, wie sich diese Disziplin mit interkulturellen Praktiken, Abläufen und Arbeitsweisen im Gesundheitswesen beschäftigt. Trotz dieser Zielsetzung soll der Reader nicht als Einführung in die medizinische Anthropologie verstanden werden, sondern als Leitfaden für Personal im Gesundheitsbereich, der die Bedeutung kultureller Faktoren für ihre Arbeit aufzeigt.

Dieses Dokument ist so aufgebaut, dass es unabhängig von anderen Produkten, die im Rahmen des Healthy Diversity Projekts entwickelt wurden, gelesen werden kann. Es verweist besonders auf das erste Produkt des Healthy Diversity Projekts, das „Handbuch der Kritischen Erlebnisse“.

Das Handbuch der Kritischen Erlebnisse ist eine Zusammenstellung von kleinen Fallstudien über Konflikte und kulturelle Unterschiede in der Arbeit im Gesundheitsbereich. Wir haben diese Fälle analysiert und zentrale Dimensionen herausgefiltert, die sich in vielen Konfliktsituationen wiederfinden. Diese Dimensionen berühren universale, menschliche Themen wie Geschlechterverhältnisse, Familie, Körper, Vorstellungen von Leben, Tod, Krankheit und Wohlbefinden, Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft – um nur ein paar zu nennen. Wir nennen diese Dimensionen „sensitive zones – Zonen erhöhter Verletzlichkeit“.

Bei der Analyse der Konfliktsituationen haben wir herausgefunden, dass sich Konflikte im Gesundheitsbereich besonders häufig mit Bezug auf bestimmte Dimensionen entzünden. Das Problem mit diesen universellen Themen ist, dass sie in verschiedenen Kulturen unterschiedlich interpretiert werden. In Konfliktsituationen prallen diese unterschiedlichen Interpretationen vielfach aufeinander, da uns üblicherweise die Variabilität von Vorstellungen und Praktiken nicht bewusst ist und die eigene Interpretation als die einzig gültige betrachtet wird.

Um zu beweisen, wie vielfältig gesundheitsbezogene Vorstellungen und Praktiken sein können, laden wir den/die LeserIn hier in diesem Reader zu einer Reise durch Raum und Zeit ein: Wir wählen einige der betroffenen Dimensionen und präsentieren ihre kulturelle Variabilität, während wir verschiedene Weltregionen besuchen und unser eigenes europäisches Erbe thematisieren. In thematisch geordneten Unterkapiteln vermitteln wir einen Einblick in die unterschiedlichen Zonen erhöhter Verletzlichkeit und ermutigen den/die LeserIn, die eigene Position zu hinterfragen.

Dieser Reader besteht aus drei Teilen. Die Einleitung in Kapitel 1 – abseits von einer Leseanleitung – bietet eine einführende Erklärung des Kultur-Konzepts, das wir verwenden.

Kapitel 2 enthält detaillierte Rezensionen von Texten aus dem Bereich medizinischer Anthropologie, die in den sechs Partnerländern verfasst wurden: Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Österreich und Ungarn. Obwohl diese Texte notwendigerweise die soziale Realität der Länder, aus denen die AutorInnen stammen, reflektieren, transzendieren sie lokale Problematiken. Die Themen der einzelnen Texte können aufeinander bezogen werden.

Kapitel 3 widmet sich einzelnen Zonen erhöhter Verletzlichkeit, die für die Arbeit im Gesundheitsbereich besonders relevant sind.

Wir hoffen, dass die LeserInnen den Reader nicht nur lehrreich finden, sondern auch spannend zu lesen!

Das Projektteam aus Österreich

Agnes Raschauer, Katharina Resch, Christina Weißenböck

 

Kultur im Kontext von Heilung/Heilung im Kontext von Kultur

Die Kultur- und Sozialanthropologie stellt mit Kultur eine nicht leicht fassbare Kategorie ins Zentrum, während sich Medizin mit dem körperlichen Ausdruck des Wohlbefindens von Menschen beschäftigt.

Wie können diese unterschiedlichen Disziplinen in einen Dialog treten und welche Vorteile bringt dieser mit sich?

Um die Frage zu beantworten, muss Kultur selbst definiert werden. Die Kultur- und Sozialanthropologie bietet keine allgemein gültige Definition. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es so viele Konzepte von Kultur gibt, wie es Kultur- und SozialanthropologInnen im Feld gibt. Die meisten Kultur- und SozialanthropologInnen würden immer noch zustimmen, dass Kultur mehr oder weniger wie eine Linse ist, durch die Menschen das Universum betrachten, das sie umgibt. Während Einzelpersonen diese Linse mehr oder weniger fertig von ihrer Referenzgruppe (oder ihren -gruppen) übernehmen, existiert die Linse selbst nicht abseits des Menschen. Die Linse, durch die Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, ist gleichzeitig Produkt ihres Handelns. Dieses Paradoxon wird durch die Netzmetapher von Clifford Geertz ausgedrückt: Der berühmte amerikanische Ethnologe vergleicht die Menschen mit einem „Tier, das in dem von ihm selbst gesponnenen Netz aufgehängt ist“. Wie für die Spinne macht für den Menschen das Universum nur vom seinem Blickpunkt aus Sinn.

Aber Kultur ist nicht nur in den Köpfen der Menschen, sie wird auch in Handlungen übersetzt. Sie wird sichtbar durch Verhaltensweisen, die wir als Menschen voneinander lernen. Es mag auf den ersten Blick irritierend wirken, dass es kein menschliches Verhalten gibt, das nicht erlernt ist. Wenn die Menschen Teil der natürlichen Welt sind, und das sind sie ohne Frage, dann müssen doch zumindest einige unserer Verhaltensweisen angeboren sein. In der Tat macht das eine Besonderheit der menschlichen Spezies aus: Auch unsere scheinbar natürlichsten Handlungen – essen, trinken, fortpflanzen, gebären, krank werden und sterben – sind durch kulturelle Normen gefärbt, die wir im Zuge der Sozialisation erlernen.

Bedeutet das, dass alle individuellen Verhaltensweisen notwendigerweise kulturelle Verhaltensweisen sind? Dies ist im Gesundheitsbereich eine sehr relevante Frage, weil die Übergänge zwischen Normalität und Abweichung, Krankheit oder individuellen Merkmalen fließend sind. Es gibt aber auch Verhaltensweisen, die keinen Gruppenmustern folgen: Die Geschichte von Mogli mag ein Märchen sein, aber es gibt tatsächlich ein paar dokumentierte Fälle von wilden Kindern, die in einer Höhle oder in der Wildnis ohne menschliche Gesellschaft aufgewachsen sind. Kaspar Hauser ist eines dieser Kinder. Er und andere hatten kein kulturelles Modell, dem sie folgen hätten können, sodass wir in ihren Fällen nicht von Sozialisation sprechen können. Nachdem Kaspar entdeckt worden war und sich der menschlichen Gemeinschaft anschloss, lernte er mit seinen Mitmenschen zu sprechen und zu interagieren – auch wenn er aufgrund seiner fehlenden primären Sozialisation nie wie die anderen wurde. Kultur ist der Sprache ähnlich. Es ist eine angeborene Fähigkeit, kulturelle Normen zu lernen und zu verinnerlichen, aber die Funktionsfähigkeit ist an das Lernen einer bestimmten kulturellen Grammatik gebunden. Und dafür sind wir auf andere angewiesen.

Es existieren noch andere Ausnahmen, wo Einzelpersonen Distanz zu ihrem kulturellen Umfeld wahrnehmen. Autistischen Kindern kann kulturelles Lernen aufgrund von Schwierigkeiten, mit ihrer Umgebung zu interagieren, erschwert werden. Ebenso können bestimmte psychische Erkrankungen Verhaltensweisen hervorbringen, die kulturell nicht akzeptiert werden. Die individuelle Kombination von Präferenzen schafft individualisierte, spezifische Muster, die außergewöhnlich bleiben, da sie für keine Gruppe charakteristisch sind. Diese Ausnahmen verstärken jedoch nur die Norm – indem sie als Ausnahmen herausgestellt werden. Kultur zieht die Konturen der Normalität in einer bestimmten Gruppe. Alles, das außerhalb oder in den Grenzbereichen liegt, gilt als außergewöhnlich, ungewöhnlich, regelwidrig oder abnormal. In letzter Instanz ist es die Gruppe, die eine Verhaltensweise oder einen Glaubenssatz als akzeptabel oder nicht akzeptabel, normal oder abnormal sanktioniert.

An dieser Stelle wird Kultur für die Medizin, die Pflege und andere Berufe im Gesundheitsbereich sehr wichtig. Das Gesundheitssystem hat die Aufgabe, das Wohlbefinden der Menschen aufrechtzuerhalten oder zu steigern, und Wohlbefinden wird in jeder Gesellschaft entlang von Gruppenregeln definiert. Was in der heutigen Zeit als Fettleibigkeit gilt, war das Schönheitsideal in der Zeit der Venus von Milo. Was für den/die einen pathologisch aussieht, mag für andere Leute normal sein. In einer multikulturellen Gesellschaft ist die Unterscheidung zwischen Krankheit, kultureller Norm und Eigenart für jedeN eine ständige Herausforderung. Für Angehörige der Gesundheitsberufe steht bei einem solchen Dilemma noch mehr auf dem Spiel: Buchstäblich können Leben und Tod von der richtigen Diagnose abhängen.

Das Buch von Anne Fadiman (1997) über den Fall eines laotischen Kindes, das in den USA wegen Epilepsie behandelt wurde, ist ein gutes Beispiel für die hohe Relevanz von Kultur in der Medizin. Diese wahre Geschichte beschreibt, wie kulturelle Missverständnisse zwischen der Familie und Personal im Gesundheitsbereich zu einer Fehlbehandlung und schließlich zum Tod des Kindes führten. Glücklicherweise enden nicht alle kulturellen Missverständnisse so dramatisch. In den meisten Fällen enden sie an dem Punkt, an dem der/die PatientIn oder das Personal (oder beide) frustriert und verärgert sind. Aber es ist wichtig zu erkennen, dass Kooperation und Vertrauen zwischen Gesundheitspersonal und PatientInnen/Angehörigen immer die Grundvoraussetzung für eine effektive Heilung bilden.

Aus diesem Grund ist es ein elementares Interesse von Personal im Gesundheitsbereich, die Fähigkeit zu entwickeln, kulturelle Muster zu erkennen und diese von Abweichung, krankhaften Veränderungen oder individuellen Merkmalen zu unterscheiden. Krankheiten mögen mit verschiedenen Mitteln bekämpft und geheilt werden, aber kulturelles Verhalten oder kulturelle Erwartungen können nicht so leicht verändert werden. Wenn kulturelle Unterschiede Spannungen verursachen, sind  Verständnis, Toleranz und Aushandlung der beste Weg, um Eskalationen zu vermeiden.

Wir nennen die Fähigkeit, diese Potentiale zu mobilisieren, interkulturelle Kompetenz. Interkulturelle Kompetenz ist nicht nur für Personal im Gesundheitsbereich wichtig, weil sie ihnen dabei helfen kann, unnötige Konflikte während ihrer Arbeit zu vermeiden, sondern weil sie sie davor schützen kann, Fehldiagnosen zu stellen und unwirksame Eingriffe vorzunehmen.

Eine der von uns gesammelten Fallgeschichten stammt von einer Physiotherapeutin, die von einer älteren weiblichen Roma-Patientin erzählt. Als die Patientin im Zuge ihrer Genesung mit Rehabilitation im Krankenhaus beginnen sollte, bat die Physiotherapeutin den Ehemann der Frau, Unterhosen und Jogginghosen ins Krankenhaus zu bringen. Schließlich ist es nicht möglich, physiotherapeutische Übungen in einem Nachthemd zu machen. Der Mann brachte einen langen Rock ins Krankenhaus. Die Physiotherapeutin bat ihn erneut, Unterhosen und Jogginghosen zu bringen – mit dem gleichen Ergebnis. Mittlerweile hatte die Physiotherapeutin begonnen, sich zu weigern, mit der Patientin zu arbeiten. Die Geschichte hätte so fortgesetzt werden können, wenn die Physiotherapeutin nicht die Idee gehabt hätte, sich an die Tochter der Patientin zu wenden. Die Tochter erklärte, dass ihr Vater die Unterhosen seiner Frau niemals berühren würde und ihre Mutter sicher keine Hose zu Hause hätte. In der traditionellen Romakultur gilt alles, was dem unteren Teil des Körpers angehört, als unrein, weswegen die Berührung der Unterhosen einen Normverstoß bedeutet hätte. Außerdem besaß die Patientin eben keine Jogginghose, die der Ehemann bringen hätte können. Sein Zuwiderhandeln ist also insofern nicht als Weigerung zu interpretieren. Eine Lösung der Situation konnte durch die Vermittlung der Tochter gefunden werden, wodurch mit der Therapie begonnen werden konnte.

Dieses Beispiel zeigt, wie Wissen über kulturelle Spezifika beziehungsweise das Bewusstsein darüber, dass Vorstellungen und Praktiken sich unterscheiden können, die Arbeit von Personal im Gesundheitsbereich erleichtern können.

Gleichzeitig ist es auch wichtig, zu bedenken, dass Kultur kein abgeschlossener Behälter ist, in den wir hineingeboren werden und in dem wir bis zum Ende unseres Lebens bleiben. Kultur ist vielmehr wie ein Rucksack, den wir unser Leben lang mittragen und laufend mit neuen Dingen füllen oder aus dem wir auch Dinge entfernen beziehungsweise verlieren können. Man kann sich Kultur auch als einen Rahmen vorstellen: Wie alle Rahmen ist dieser zu einem bestimmten Zeitpunkt fest fixiert, aber während des Lebens kann er sich ändern, er kann sich weiten oder schrumpfen. Aus diesem Grund bevorzugen wir es, in Bezug auf Personen von ihrem kulturellen Bezugsrahmen zu sprechen anstatt von ihrer Kultur.

Ein Bezugsrahmen stellt kein geschlossenes System ohne Ausweg dar. Er ist nicht homogen und erlaubt Widersprüche. Ein Bezugsrahmen – genau wie die Linse – hilft uns, die Welt zu verstehen. Was die Physiotherapeutin daran hindert, ihre Roma-Patientin zu verstehen, ist ihr eigener Bezugsrahmen, in dem es normal ist, dass eine Frau eine Jogginghose trägt oder dass ein Mann die Unterwäsche seiner Frau berühren darf. In dieser Geschichte geht es nicht darum, dass ein kulturelles System mit der Normalität zusammenstößt, sondern vielmehr um den Konflikt zwischen zwei verschiedenen Normalitäten. Das Ersetzen des Wortes „Kultur“ mit „kulturellem Bezugsrahmen“ verhindert, dass der/die jeweils andere in das Kulturbehältnis eingeschlossen wird.

Eine andere Fallgeschichte unterstreicht diese Gefahr. Eine Ordinationsassistentin in Österreich ist mit dem schockierenden Verhalten eines Patienten, den sie als Ungar identifiziert, konfrontiert. Als der Patient aufgefordert wird, eine Urinprobe zu geben, beginnt er, direkt vor ihr im Wartezimmer zu urinieren. Um sich dieses irritierende Verhalten zu erklären, greift die Ordinationsassistentin zu Kulturalisierung: Für sie rührt die Fremdheit des Verhaltens des Patienten aus der Tatsache, dass er Ungar ist. Diese Art, Kultur aufzurufen, hilft nicht wirklich, den/die andere zu verstehen. Vielmehr kann Kultur dabei zu einem Code werden, der Vorurteile verdeckt und Stereotype verstärkt. Kultur als singuläre Erklärung für Verhalten heranzuziehen kann für eine Beziehung genauso schädlich sein, wie das Ignorieren des kulturellen Referenzrahmens der anderen Person.

Im Zuge von solchen Konfliktsituationen steckt das Personal im Gesundheitswesen in der Tat in der Zwickmühle. Wie sollen sie sich in einer so komplizierten Situation korrekt verhalten? Wir glauben, dass der erste Schritt zum Verständnis von anderen über das Verständnis der eigenen Person führt. Der Ausgangspunkt für ein Nachvollziehen des Bezugsrahmens von anderen ist die Erkenntnis, dass unser eigener Bezugsrahmen genauso hinterfragbar ist, wie jeder andere. Der Versuch, den Bezugsrahmen von anderen zu rekonstruieren, erfordert Geduld und die Fähigkeit der Relativierung. Die Mobilisierung von ethnografischem Wissen kann dabei ein nützliches Instrument sein, um Fragen zu stellen. Ebenso wichtig sind Empathie, Aufmerksamkeit, Beobachtung und die Fähigkeit, sich auf andere einzulassen.

Bei genauerer Betrachtung sind diese Fähigkeiten nicht nur nützlich, um PatientInnen aus anderen Kulturen zu behandeln. Ein Verständnis für die Position, von der aus der/die PatientIn spricht und das Aufdecken von Kommunikationsschwierigkeiten aufgrund unterschiedlicher Einstellungen, Erwartungen, gegenseitiger Identitätsbedrohung (um nur einige mögliche Ursachen von scheinbar unverständlichen Konflikten zu erwähnen) erleichtern die Arbeit mit jedem Patenten/jeder Patientin. Unser Ansatz fokussiert weniger kulturspezifische Behandlungsansätze, sondern eher den Menschen an sich. Die Neupositionierung des Menschen mit all seinen Komplexitäten in der Mitte des Gesundheitssystems erfordert weitere Anstrengungen, einschließlich der Relativierung des Wahrheitsanspruchs des biomedizinischen Gesundheitsmodells. Relativierung bedeutet nicht, dass dieses für ungültig erklärt wird, im Gegenteil: Es ermöglicht die Übertragung seiner Vorteile auf andere Systeme im Gesundheitswesen, wo auch immer diese Vorteile wissenschaftlich bewiesen sind, während sie erlauben, in den Dialog mit anderen Systemen zu treten, wo auch immer ein solcher Dialog Ergebnisse verbessern kann.

Behandlungsansätze, die sich auf den Menschen an sich richten, fordern auch echtes soziales Engagement von allen Personen, die im Gesundheitsbereich arbeiten. Ein Fokus auf Kultur sollte das Personal im Gesundheitsbereich nicht blind gegenüber sozialen Ungleichheiten machen. Das Kultur-Konzept, das wir vertreten, umfasst jegliche Vielfalt, nicht nur die gängigsten ethnischen oder religiösen Variationen, die als gegeben gesehen werden. Die Bewegung weg von Kultur, hin zu der Vorstellung von kulturellen Bezugsrahmen ermöglicht es, alle Faktoren und Bedingungen zu berücksichtigen, die die Position einer Person bestimmen, einschließlich ihres sozialen Status. Wo auch immer diese Faktoren Ungleichheiten im Zugang zu Gesundheitsversorgung und in der Qualität von Versorgung hervorbringen oder vertiefen, ist das interkulturell geschulte Personal im Gesundheitsbereich gefordert, sich dagegen zu stellen.

 

Beispiele der medizinischen Anthropologie

Die bislang skizzierten Überlegungen werden nicht nur von uns angestellt. Die in dieser Einleitung aufgeworfenen Fragen stehen vielmehr im Zentrum der medizinischen Anthropologie als Wissenschaftsdisziplin. Dem/Der LeserIn können dazu empirische Beweise vorgelegt werden. In den sechs Partnerländern des Healthy Diversity Projekts haben wir Forschungsarbeiten im Bereich medizinischer Anthropologie aus den vergangenen zehn Jahren untersucht. Wir recherchierten ethnografisch fundierte Fallstudien – theoretische Arbeiten oder Handbücher wurden aus der Sammlung ausgeschlossen. Die meisten Dokumente, Bücher und Artikel, die wir in bei unserer Recherche gefunden haben, können einer oder mehreren der folgenden Kategorien zugeordnet werden:

  • Verständnis und Erklärung der strukturellen Ursachen von gesundheitlichen Ungleichheiten
  • Verständnis, wie unterschiedliche Identitäten und vor allem die Kombination verschiedener unterbewerteter Identitätsmerkmale zu gesundheitlichen Ungleichheiten beitragen
  • Verständnis kultureller und sozialer Variationen im Erleben von Gesundheit und Krankheit
  • Verständnis der Unterschiede zwischen bestimmten Gesundheitssystemen und deren Wechselwirkungen
  • Verständnis der Schwierigkeiten von Gesundheitsfachkräften in multikulturellen Gesellschaften und der widersprüchlichen Anforderungen, die sie erfüllen müssen

Das zweite Kapitel, Schlüsselfragen der medizinischen Anthropologie – Rezensionen, folgt dieser Themenabfolge. Im Unterkapitel 2.1 Ungleichheiten im Gesundheitsbereich: Zugangsschwierigkeiten werden ein Text aus Ungarn und einer aus Österreich vorgestellt. Der Artikel aus Österreich behandelt die Bedeutung von Migrationserfahrung für Gesundheit. Er fokussiert Zugangsbarrieren zu Gesundheitsinstitutionen, aber auch generelle strukturelle Probleme, die stärker wirken als kulturelle Unterschiede. Der Artikel aus Ungarn befasst sich mit Krankheitskarrieren von PatientInnen, die an Aortenstenose erkrankt sind und analysiert gesundheitliche Unterschiede zwischen Roma- und Nicht-Roma-PatientInnen.

Das Unterkapitel 2.2 Gesundheit und Intersektionalität präsentiert zwei Artikel zu Intersektionalität – dem Zusammenspiel unterschiedlicher Diversitätsdimensionen. Das Beispiel aus Großbritannien diskutiert die Verwendung der Intersektionalitätstheorie zur Erforschung der Multidimensionalität von Ungleichheit und Differenz. Der Artikel aus Italien untersucht die Gesundheitssituation von Müttern mit Migrationshintergrund und zeigt, wie die Kombination der Faktoren Migration, Geschlecht und Mutterschaft die Vulnerabilität erhöht.

Das Unterkapitel 2.3 Kulturelle und soziale Unterschiede im Empfinden von Gesundheit und Krankheit beschäftigt sich mit kulturellen Unterschieden im Erleben von Krankheit und Schmerzen. Die Chagas-Krankheit kommt ursprünglich nicht in Italien vor, sondern in Mittel- und Südamerika, findet sich mittlerweile aber häufig bei in Italien lebenden lateinamerikanischen MigrantInnen.  Sie wird sowohl als „ethnische“ Krankheit gesehen als auch als Kennzeichen von Armut. Dieses Kennzeichen hat einen Einfluss darauf, wie die Betroffenen die Krankheit erleben. Die Arbeit von Kohnen (2009) zur Wahrnehmung von Schmerzen unterstützt ebenso den Eindruck, dass somatische Wahrnehmungen bis zu einem gewissen Grad kulturell gebunden sind. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Erfahrung von Schmerz unter anderem von gelernten Mustern abhängt, die sinnstiftend fungieren.

Im Unterkapitel 2.4 Medizinischer Pluralismus geht es um Situationen, in denen verschiedene medizinische Modelle in einem Kultursystem existieren. In diesen Fällen entscheiden sich PatientInnen mitunter strategisch zwischen den verfügbaren Behandlungen, die sie nicht selten auf unterschiedliche Weise kombinieren. Das ungarische Beispiel zeigt eine Ethnografie einer chinesischen Klinik in Budapest, die von UngarInnen besucht wird. Die zweite Studie veranschaulicht gleichermaßen Interventionen im Gesundheitsbereich in Nordafrika, im Bereich der HIV-/AIDS-Prävention mithilfe einer Fallstudie aus Mosambik.

Im Fokus des letzten Kapitels 2.5 Wenn Gesundheitspersonal kulturellen Unterschieden gegenübersteht steht die Perspektive der Fachkräfte im Zentrum. Für britisches Gesundheitspersonal ist das Erleben von Unterschieden vielfach problematisch und mit der Angst verknüpft, unsensibel oder inkompetent zu agieren, wenn sie sich mit als fremd wahrgenommenen kulturellen Gruppen befassen.

Das dritte Kapitel Sensitive Zones – Zonen erhöhter Verletzlichkeit enthält drei kleine Unterkapitel: Jedes von ihnen zeigt konkrete ethnografische Beispiele für Zonen erhöhter Verletzlichkeit, die unser Team am häufigsten in interkulturellen Konflikten innerhalb des Gesundheitswesens gefunden hat. Die Themen sind:

  • Geschlecht
  • Körper
  • Tod und Sterben

 

Literaturhinweise

  • Fadiman, A. (1997): The Spirit Catches You and You Fall Down. A Hmong Child, her American Doctors, and the Collision of two Cultures. New York: Farrar, Straus & Giroux.
  • Kohnen, N. (2009): Feeling and coping with pain in different cultures. In: Kutalek, R.; Prinz, A. (Hrsg.): Essays in Medical Anthropology. The Austrian Ethnomedical Society after Thirty Years. Wien: LIT Verlag GmbH: 321–328.