Die Naturalistinnen

Das Ereignis

Ich habe eine Patientin bei ihr zu Hause behandelt. Sie und ihre Freundin wollten grundsätzlich nicht über Wundversorgung oder Medikamente sprechen. Ich war frustriert und wusste nicht, wie ich die Patientin dann behandeln sollte. Als ich fragte, warum sie die üblichen Methoden ablehnten, sagten sie mir, sie seien Naturalistinnen.

Ich ging nach Hause und stellte einige Nachforschungen über natürliche Heilmittel an. Dann sprach ich mit ihnen über alternative Methoden, die ich gefunden hatte. Sie waren sehr glücklich damit und ich war in der Lage, die Behandlung durchzuführen.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Erzählerin – weibliche Fußspezialistin, zwischen 20 und 30 Jahren alt, verheiratet mit 2 Kindern, Anglikanerin, sozial kompetent, Gewerkschaftsmitglied, Hochschulbildung.

Patientin – pensionierte Universitätsprofessorin, weiblich, Single, weiße Britin, keine Familie, keine Freunde, Naturalistin, lesbisch, guter Gesundheitszustand, lebt sozial isoliert in einer Wohnung, verbringt viel Zeit im Bett und im Wohnzimmer.

2. Setting und Kontext

Der Kulturschock findet während eines Hausbesuchs statt, und die Interaktion findet im Wohnzimmer statt. Der Wohnraum sieht unordentlich und unaufgeräumt aus. Die Patientin trägt ihren Pyjama und ist nicht vollständig gekleidet. Das Bett der Patientin steht ebenfalls im Wohnzimmer, da sie die meiste Zeit im Bett verbringt.

3. Emotionale Reaktion

Frustration – wegen der Nichtbefolgung der Anweisungen, verärgert, wütend – wegen dem fehlenden Wissen über den Glauben der Patientin. Die Fußspezialistin war zu dem Zeitpunkt sehr jung und wollte sich an die allgemeinen Regeln halten. Die Situation war völlig neu für sie und daher war sie angespannt, sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Wichtigkeit eines sozialen Netzwerks – Die Spezialistin glaubt, dass es wichtig ist, sich zu vernetzen und ein starkes soziales Umfeld zu haben.

Aktive Bewältigungsstrategien, Problemlösungskompetenz – Die Spezialistin ist eine aktive Problemlöserin, die Probleme bewältigt und daran glaubt, wenn es ein Problem gibt, dass sie auch eine Lösung findet.

Diversität als Wert – Die Erzählerin schätzt unterschiedliche Werte und Diversität und war daher bereit, den Bedürfnissen der Patientin nachzukommen.

Respekt vor Spiritualität – Obwohl die Erzählerin selbst mehr Wert auf Gesundheit und Wohlbefinden legt als auf Glauben oder Spiritualität, betreibt sie einen Extraaufwand, um eine Behandlungsmethode zu finden, die mit den religiösen Praktiken der Patientin zusammenpasst. Für sie ist das die bessere Alternative, als die Behandlung der Patientin völlig aufzugeben.

Ordnung – Für die Erzählerin ist es schwer zu verstehen, dass die Patientin ihr Bett im Wohnzimmer hat, wo es unordentlich ist, obwohl ihre Küche und ihr Bad aufgeräumt waren. Das zeigt, dass die Patientin sehr viel Zeit im Wohnzimmer verbringt.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Die Erzählerin nahm die Patientin als gläubig wahr. Die war überrascht, dass eine ehemalige Professorin nun aus freien Stücken so isoliert lebt. Sie ging davon aus, dass sie ein gutes soziales Netz hätte haben können.

Es war schwer zu verstehen, warum sie im Wohnzimmer schlief und warum es dort zu unordentlich aussah.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Wichtigkeit des Glaubens – Die Anerkennung des Göttlichen in der Natur liegt dem Glauben der Naturalistinnen zugrunde. Sie sind sich der Natürlichkeit der Welt bewusst und sehen die Kraft des Göttlichen in einem ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Die meisten NaturalistInnen handeln umweltfreundlich und versuchen, die Umwelt nicht durch ihre Lebensweise zu belasten.

Isolation – Vielleicht verstand ihr soziales Umfeld ihren Glauben nicht und sie entschied daher, eher isoliert zu leben. Da sie keine Freunde oder Familie hat, ist die Kommunikation an sich erschwert. Ihr Bett stand ganz in der Nähe des Fernsehers, was ihr Dreh- und Angelpunkt nach außen war.

Bildungshintergrund – Mit ihrem hohen Bildungshintergrund interessiert sie sich dafür, was draußen vor sich geht und schaut oft Programme wie Nachrichten oder Dokumentationen.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Diese Erfahrung war anfangs negative und frustrierend, stellte sich dann aber als positive und lösbar heraus, als die Erzählerin alternative Behandlungsmethoden fand, die Behandlung fortsetzen durfte und gleichzeitig den Glauben der Patientin respektieren konnte.

Professionalität sollte solche alternativen Wege ermöglichen, wenn kulturelle Unterschiede auftreten. Die Verbindung von Behandlungszielen und kulturellen Praktiken stellt den Kern eines interkulturellen Aushandlungsprozesses dar. Ein Wendepunkt in einer solchen Aushandlung ist das Anerkennen der Werte und Präferenzen des Patienten als gültige und wichtige Werte.

Diese Geschichte illustriert, welches Potential hinter dem Entdecken der Rationalitäten des Anderen und von Aushandlungsprozessen im Allgemeinen stecken.