Freitagstermine

Das Ereignis

Ich behandelte einen Patienten, der 2 bis 3 Mal pro Woche einen Termin hatte. Geschwüre verbinden wir am Montag, Mittwoch und Freitag. Der Patient war in einem schlechten Zustand und sein Lebensende war nahe. Ich bemerkte, dass er die Termine am Freitag immer wieder entweder absagte oder einfach nicht einhielt.

Als ich begann, Hausbesuche bei ihm zu machen, hörte ich im Hintergrund im Raum immer öfter religiöse Musik und Gebete und ich fühlte mich so, als würde ich in seine private Gebetszeit eindringen. Das war unangenehm für mich. Nach einiger Zeit fragte ich ihn, warum er freitags nie seine Termine wahrnahm und er sagte mir, dass das sein religiöser Tag sei und er beten würde.

Daraufhin haben wir seine Behandlungstermine auf Dienstag und Donnerstag verschoben.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Erzählerin:  weiblich, Fußspezialistin, ca. 35 Jahre alt, weiße Britin, verheiratet mit 2 Kindern, in der Anglikanischen Kirche, aber nicht besonders religiös; sozial kompetent, Gewerkschaftsmitglied, Hochschulbildung, sauberes Haus, eher introvertierte Persönlichkeit.

Patient: männlich, Moslem, ca. 75 Jahre alt, lebt in Nuneaton in England (eine Stadt in Mittelengland mit hohem Migrationsanteil und einer zentralen Moschee), religiös, Diabetiker, wenige Englischkenntnisse, sterbenskrank.

2. Setting und Kontext

Der Kulturschock geschieht beim Patienten zu Hause, als eine Wunde versorgt werden muss. Im Hintergrund läuft religiöse Musik und Gebete via CD oder Fernsehen, was als Ablenkung und Störung empfunden wird.

3. Emotionale Reaktion

Die Erzählerin war frustriert, dass der Patient seine Termine nicht einhielt, und dann frustriert mit sich selbst, weil sie nicht rechtzeitig nachgefragt hat, warum er seine Termine nicht einhalten konnte.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Prioritäten – Gesundheit ist wichtiger als Religion, die Erzählerin gibt der Gesundheit mehr Priorität als der Religion und denkt, es sei unverantwortlich, Behandlungstermine abzusagen.

Respekt vor Personal – Sie hat sich auf seine Routinen und Muster eingestellt und er hat im Umkehrschluss wenig Wert auf ihre Behandlung gelegt.

Verhalten während eines Hausbesuchs – Die Erzählerin hat das Gefühl, dass man während eines Hausbesuchs Musik oder den Fernseher ausstellt und dem Dienstleister die ganze Aufmerksamkeit widmet.

Der Ort für Religionsausübung – Es gibt spezielle Orte/Räume und Momente für Religion, z.B. Orte der Anbetung oder anderen Ritualen, aber Religion muss nicht störend in den Alltag hineinspielen. Es sollte Grenzen geben zwischen spirituellen und alltäglichen Aktivitäten.

Respekt vor kulturellen und religiösen Werten – Obwohl sie anfangs nicht gut über die Religion des Patienten informiert war, war es für sie dann wichtig, seine Religion und seine Kultur zu respektieren. Dies hat ihr dabei geholfen, zu verstehen, was das Problem mit den Freitagsterminen war und dass es notwendig war, etwas zu verändern.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

überrascht über sein Verhalten und dann negativ geschockt.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Priorität der Religion – Spirituelle Anliegen sind wichtiger als körperlich-biologische. Der Patient hat gerne über seine Religion und seine Herkunft Auskunft gegeben, z.B. Pakistan, hatte aber wenig Interesse, über Gesundheit oder seine Ernährungsgewohnheiten zu sprechen.

Lebensende – Am Lebensende ist es normal, sich der Religion zuzuwenden. Das könnte auch auf den Patienten zutreffen. Er bereitete sich auf seinen nächsten Lebensweg vor und dabei spielte sein Glauben eine essentielle Rolle.

Freitagsgebete im Islam – Freitag ist der Tag, an dem muslimische Männer normalerweise in die Moschee gehen, um zu beten. Durch seine Erkrankung konnte der Patient nicht dort hingehen, was es umso wichtiger machte, dass er seine Rituale zu Hause beibehielt und dazu das Radio oder das Fernsehen nutzte.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Die Situation zeigt, dass Terminpläne oftmals nicht übereinstimmen und dass kulturelle und professionelle, medizinische Terminpläne kollidieren können.

Die Frage der Prioritätensetzung ist eine besonders interessante im Gesundheitsbereich. Es ist sehr schwierig, ein anderes Prioritätensystem zu verstehen und zu akzeptieren. Viele EuropäerInnen nehmen z.B. die Maslowsche Bedürfnispyramide als ein global gültiges Paket von Prioritäten an, aber in diesem Modell werden lediglich westliche Werte widergespiegelt. Ein anderes Prioritätensystem kann von einem anderen kulturellen Standpunkt aus fremd oder irritierend wirken, vor allem, wenn das Wohnbefinden, die Gesundheit oder das Überleben einer Person bedroht sind, und soziale oder spirituelle Prioritäten höher gestellt werden.

Den Patienten in diesem Fall nach seiner Religion und Kultur zu fragen, wurde zu einer wichtigen Ressource für den Behandlungsplan. Allerdings sind viele MitarbeiterInnen zurückhaltend damit, eine solche Frage zu stellen, z.B. aus Angst, eine zu persönliche Frage zu stellen und damit in die Privatsphäre des Patienten einzudringen oder ihre eigene Unkenntnis zu zeigen. Es ist eine Kunst, neugierig zu sein und relevante Fragen zu stellen – dies sollte wieder verstärkt Teil von Fort- und Weiterbildungen im Gesundheitsbereich sein.