Leiche eines Kindes

Das Ereignis

Ein Kind, das von der Hauskrankenpflege gepflegt und betreut worden war, war gestorben. Der Tod des Kindes war vorhersehbar, gut vorbereitet und organisiert gewesen.

Zwei Tage nach dem Tod besuchte die Hauskrankenpflegerin die Familie, um ihnen Unterstützung anzubieten und um die letzten Geräte zu entfernen und mitzunehmen.

Die Familie hatte einen eigenen Raum vorbereitet und die Leiche des Kindes dort auf Augenhöhe mit dem Leichenschmaus aufgebahrt. Die Hauskrankenpflegerin wurde eingeladen, mit der Familie in diesem Raum Zeit zu verbringen und zu essen. Sie fand das sehr verstörend und die Tatsache, dass die Leiche noch nicht abtransportiert war und sie diese Art des Essens nicht kannte, trug noch zusätzlich zu ihrem Unbehagen bei.

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen

Erzählerin: erfahrene Hauskrankenpflegerin, weiblich, weiße Britin, hoher Bildungshintergrund, lebt in Warwickshire

Kind: mit 7-8 Jahren gestorben, weiblich, sterbenskrank, au seiner asiatischen Familie mit Eltern und Großeltern, die genaue Herkunft in Asien ist unbekannt (aus dem Süden von Asien)

2. Setting und Kontext

Zuhause der Familie – das Kinderzimmer.

Die Besuchszeit war vorher ausgemacht.

Die Leiche des Kindes war auf Augenhöhe und das Catering befand sich im selben Raum.

Die Religion der Familie ist unbekannt.

3. Emotionale Reaktion
  • Unangenehm, weil die Leiche des Kindes 2 Tage nach dem Tod immer noch vor Ort war.
  • Ekelerregend aus hygienischen Gründen, weil neben der Leiche gegessen wurde.
  • Angespannt, weil sie dachte, die Familie würde erwarten, dass sie auch etwas isst, obwohl ihr das Essen fremd war, sie aber die Familie nicht beleidigen wollte.
4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

Trennung der Toten und der Lebenden – Die Erzählerin ist womöglich (vor einem christlichen Hintergrund) gewohnt, dass der Leichnam gleich nach dem Tod an den Bestatter übergeht und dass dieser nicht bis zum Begräbnis aufgebahrt wird. Es entspricht nicht der üblichen Vorgangsweise, Kinderleichen in einem offenen Sarg aufzubahren – noch hinzu kommt der Stress und das Unbehagen, eine Kinderleiche offen ansehen zu können.

Individualität – selbst bei einem Offenen Sarg verabschieden sich Menschen privat oder eher in kleinen Gruppen – es ist eher unüblich, dass viele Menschen um eine Leiche herum stehen und der Toten ihren letzten Besuch abstatten. Große Gruppen, die sich um eine Kinderleiche scharren, sind für die Erzählerin sehr unüblich.

Hygiene – Essen sollte nicht im selben Raum wie eine Leiche aufgetischt werden. Der Ort des Essens ist unter den Lebenden, nicht unter den Toten.

Höflichkeit und Respekt vor fremden Kulturen – Die Erzählerin wollte die Familie nicht aufregen und hat daher das Kinderzimmer betreten und gegessen, auch wenn es ihr unangenehm war. Gäste fühlen oft, dass das Ablehnen von Essen unhöflich oder gar eine Beleidigung wäre.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Verwirrt wegen diesem Ritual.

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Riten der Trennung und Trauerarbeit: Kulturelle Praktiken variieren, wie man sich von einer toten Person verabschiedet und welche Rituale es dazu gibt. In der westlichen Welt wird die Leiche sehr schnell von der lebenden Welt getrennt, aber in vielen anderen Kulturen ist es möglich, lange Zeit zu ko-existieren – die Toten und die Lebenden.

Tendenz zum Kollektivismus: Der Tod ist nicht etwas Privates, sondern etwas Kollektives, das mit Freunden und Familie geteilt wird.

Essen während eines Begräbnisses: es ist in westlichen Gesellschaften durchaus üblich, nach einem Begräbnis gemeinsam zu essen. Das Teilen von Essen oder das gemeinsame Essen kann viele Bedeutungen haben: Verstärkung sozialer Beziehungen, Mitgefühl mit den Trauernden, Freude am Leben. Nichtsdestotrotz findet das Essen normalerweise an einem abgetrennten Ort statt, ev. ein Restaurant, und nicht am Ort des Offenen Sarges.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

Rituale um den Tod variieren von Kultur zu Kultur, da der Tod ein Bereich ist, wo Sorgfalt und Empathie erforderlich sind. Es überrascht uns daher nicht, dass Rituale, die stark von den unseren abweichen, zu starken emotionalen Reaktionen führen. Gründe dafür sind der Bruch mit dem Gewohnten, aber auch die Schutzlosigkeit, wenn wir offen mit dem unausweichlichen Tod konfrontiert werden.

Ein zweiter Aspekt in diesem Zusammenhang ist die Grenze dessen, was Personal im Gesundheitsbereich leisten kann. Oftmals fühlt man sich verpflichtet, solche Einladungen anzunehmen, selbst wenn die Einladung an die eigenen Grenzen geht. Grenzen zu setzen ist jedoch besonders in interkulturellen Situationen sehr wichtig, diese darf man kennenlernen und sich damit auch schützen. Sich selbst und seine Grenzen immer wieder zu ignorieren, kann zu Burnout und Erschöpfung führen.

Die Erzählerin hat von diesem Kulturschock für künftige Einladungen gelernt, diese vorab mit KollegInnen zu besprechen, um andere auf solche Situationen vorzubereiten, aber auch um einen Kulturschock zu vermeiden.