Tod im Kreise der Familie

Das Ereignis

Als Rettungssanitäter passierte es mir recht häufig, dass ich zu einem Notfall fahren musste und nur relativ unspezifische, diffuse Informationen darüber hatte. So wurde dem Team im Rettungswagen etwa kommuniziert: „Die Patientin ist bewusstlos. Vielleicht. Wissen wir nicht. Schaut euch das halt mal an.” Situationen dieser Art riefen bei mir immer eine besondere Anspannung hervor. Ich war nicht nervös, aber sehr auf den Einsatz konzentriert. Auf solchen Fahrten war ich in Gedanken bei den möglichen Maßnahmen, bei den Geräten, die wir mitnehmen mussten etc.

Eine solche Situation ereignete sich als mein Team – zwei Vollzeit-Sanitäter, ein Notarzt und ich – am Ort eines potenziellen Notfalls ankamen und uns nur mitgeteilt worden war, dass eine Frau angeblich bewusstlos in ihrer Wohnung lag. Als wir ihre Wohnung betraten, wurden wir von fünf bis zehn Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts lautstark ‘begrüßt’. Sie schrien in verzweifeltem Ton durcheinander und redeten wild auf uns ein. Aufgrund der Aufregung und der Tatsache, dass nur ein anwesendes Familienmitglied Deutsch sprach, dauerte es relativ lang, bis wir herausgefunden hatten, was passiert war. Die Enkeltochter erklärte uns schließlich, dass ihre Großmutter einfach umgefallen sei und seitdem bewusstlos am Boden lag. Bis wir in das Zimmer der Patientin vorgelassen wurden, dauerte es eine schiere Ewigkeit. Ein Blick auf sie reichte, dass ich wusste, dass sie nicht bewusstlos, sondern tot war. Den Blick starr lag sie regungslos auf dem Boden in einer komplett unnatürlichen Haltung. Sie war eindeutig tot. Während wir die Standardmaßnahmen durchführten (Puls messen, Defibrillator vorbereiten etc.) schrie uns die gesamte Familie – alle hielten sich nun im Zimmer der Großmutter auf – weiter an, die Blicke flehend. Aufgrund der Sprachbarriere kann ich nur vermuten, dass sie uns regelrecht um Hilfe anbettelten. Wir baten sie unzählige Male, das Zimmer zu verlassen, damit wir unsere Arbeit tun konnten. Erst nach mehrmaliger, am Schluss sehr bestimmter Aufforderung verließen die Familienmitglieder das Zimmer. Diese ‘Diskussion’ kostete wieder sehr viel Zeit, vor allem weil die Enkeltochter immer erst übersetzen musste. Erst als die Familie mit einem meiner Kollegen das Zimmer verlassen hatte, konnte das restliche Team mit der Reanimation starten. Noch einige Zeit hörte ich lautes Stimmengewirr aus dem anderen Zimmer, während wir versuchten, die Frau wiederzubeleben. Diese Versuche waren selbstverständlich zum Scheitern verurteilt – die Patientin war bereits über eine halbe Stunde tot.

Bei mir blieb große Irritation zurück. Ich war total verwundert, dass die Familie so viel Zeit verschwendet hatte und schreiend und weinend herumlief, anstatt Hilfe zu leisten. Niemand versuchte, die Großmutter wiederzubeleben, niemand versuchte, es ihr angenehm zu machen, da die Familie ja dachte, sie wäre bewusstlos. Sie hatten die Großmutter schlicht da liegen gelassen. Niemand blieb bei ihr im Raum, sondern alle kamen zur Tür, als wir eintrafen. Anstelle zu helfen, verunmöglichten sie unsere Arbeit. Was mich am meisten verwirrte, war, dass die Familie zwar keine Hilfe leistete, aber gleichzeitig hochgradig verzweifelt zu sein schien.

 

1. Soziale Identitäten der beteiligten Personen
  1. Erzähler

Der Erzähler ist in Österreich geboren, Angehöriger der Mittelschicht, spricht Deutsch und hat sein ganzes Leben lang in Wien gelebt. Er beschreibt sich selbst als Agnostiker, der in einem traditionell katholischen Land aufgewachsen ist und eine katholische Volksschule besucht hat. Zur Zeit des berichteten Ereignisses war er zwanzig Jahre alt, hatte die Matura erfolgreich abgelegt und arbeitete Vollzeit als Notfallsanitäter. Seine professionelle Ausbildung erfolge innerhalb des österreichischen Gesundheitssystems (Orientierung an westlicher Medizin, Behandlung von PatientInnen nach medizinischem Befund mit spezifischen Diagnose- und Therapieverfahren).

  1. Sanitäter-Team

Der Erzähler arbeitete im Team mit zwei anderen Sanitätern und einem Notarzt, alle männlich, Mitte 30, österreichischer Herkunft und deutschsprachig. Das Team arbeitete regelmäßig zusammen – mit Ausnahme des Erzählers, der die anderen nur vom Sehen her kannte. NotfallsanitäterInnen werden spezifisch ausgebildet und entscheiden sich freiwillig für den Notfalldienst. In diesem Sinne beschreibt der Erzähler NotfallsanitäterInnen als „bestimmte Art von Menschen“.

  1. Familienangehörige

Zu den anderen ProtagonistInnen zählten die Familienmitglieder der verstorbenen älteren Frau (80+), die eine lange Krankengeschichte hinter sich hatte. Die Angehörigen waren männlich wie weiblich, unterschiedlichen Alters. Die Kinder der Verstorbenen waren zwischen 30 und 40 Jahre alt, eine Enkeltochter – die einzig deutschsprachige Familienangehörige – war ca. 18. Alle anderen sprachen eine slawische Sprache, sie scheinen aus einem Ex-Jugoslawischen Land zu stammen. Neben den Kindern der Verstorbenen waren auch Neffen und Nichten anwesend. Aufgrund der Lebensverhältnisse (Bezirk, Art der Wohnung, Innenausstattung) kann man annehmen, dass die Familie dem Arbeitermilieu angehört.

Der Erzähler der Geschichte weiß nicht, aus welchem Land die Familie stammt oder welcher Region sie angehört. Er kann sich auch an keine Anzeichen in der Wohnung erinnern, die auf die Religion der verstorbenen Frau hingedeutet hätten.

Abgesehen davon, dass die ProtagonistInnen alle in der gleichen Stadt leben, gibt es keine Verbindung zwischen den Sanitätern und den Familienmitgliedern. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, abgesehen von der Enkeltochter und den Sanitätern. Da die Sanitäter aus beruflichen Gründen vor Ort sind, stehen ihre professionellen Identitäten im Vordergrund. Für die Familienmitglieder ist hingegen die familiäre Verbindung zur sterbenden Frau zentral. Wir wissen nichts über ihre Berufe oder andere relevante Eigenschaften abgesehen von der Verwandtschaft zu der sterbenden Frau.

2. Setting und Kontext
  1. Physischer Kontext

Der Vorfall ereignete sich in einer Wohnung in Wien, die in einem Gemeindebau gelegen ist. Der Gemeindebau befindet sich in einem zentralen Bezirk in Wien, jedoch nicht in engerer Nähe zur Innenstadt. Der Bezirk gilt als traditioneller Arbeiterbezirk, der in den letzten 30 Jahren stark von MigrantInnenfamilien aus der Türkei und aus Ländern Ex-Jugoslawien besiedelt wurde. Die Wohnung gehörte der älteren Frau und bestand aus zwei großen Zimmern, die dem Erzähler nach eng und überfüllt wirkten, weil so viele Menschen anwesend waren. Die sterbende Frau lag in ihrem Schlafzimmer auf dem Fußboden, während die Sanitäter an der Wohnungstür von allen anderen Familienmitgliedern empfangen wurden. Diese führten die Sanitäter durch das Wohnzimmer direkt ins Schlafzimmer.

  1. Psychologischer Kontext

Der Erzähler beschreibt die Atmosphäre als sehr laut und aufgeregt. Die Familienmitglieder redeten alle auf einmal in einer slawischen Sprache. Der Erzähler selbst war in Alarmbereitschaft, konfrontiert mit einem Notfall, bei dem er im Vorhinein nicht wusste, wie sich die Situation gestalten würde und welche medizinischen Maßnahmen er eventuell anwenden musste. Die Familienmitglieder befanden sich in einem schockierten, aufgebrachten und sehr emotionalen Zustand.

  1. Sozialer Kontext

In Österreich und vor allem in Wien gibt es eine lange Geschichte der Zuwanderung von Menschen aus Jugoslawien und später dem ehemaligen Jugoslawien. Ab den 1960er Jahren rekrutierte die österreichische Regierung hauptsächlich männliche Arbeiter, bei denen es vorgesehen war, dass sie nach einer bestimmten Zeit wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Im Laufe des Jugoslawienkrieges sowie der Auflösung des jugoslawischen Staates und dem anschließenden Krieg im Kosovo suchten eine Vielzahl von Menschen Zuflucht in Österreich. Derzeit sind etwa 8% der Wiener Bevölkerung mit Migrationshintergrund aus den Ländern Ex-Jugoslawiens. Zusammen genommen stellen MigrantInnen aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Serbien, einschließlich Montenegro, die größte MigrantInnengruppe in Wien dar, gefolgt von Menschen aus der Türkei und Deutschland.

Wenn Gruppen von „AusländerInnen“ oder „MigrantInnen“ in stereotypen Darstellungen oder politischen Debatten aufgerufen werden, werden meist Menschen aus Ex-Jugoslawien oder der Türkei als distinkte Gruppen mit spezifischen Eigenschaften konstituiert.

3. Emotionale Reaktion

Der Erzähler war von der Untätigkeit der Familienmitglieder abgeschreckt. Er konnte nicht verstehen, dass niemand bei der Frau blieb, während die Rettungssanitäter eintrafen und sie einfach nur in einer unangenehmen Pose auf dem Boden lag. Er war fassungslos, dass die Familienmitglieder nicht versuchten der Patientin mit einem Polster oder einem Glas Wasser zu helfen. Außerdem war er über den sehr emotionalen Zustand aller Anwesenden irritiert: ihr lautes und ungeniertes Auftreten, sowie ihre mangelnde Rücksicht auf die Sanitäter, die die Patientin behandelten. Er fühlte sich in seiner Arbeitsweise gestört, der Art und Weise Menschen wie er üblicherweise mit medizinischen Notfällen umgeht. In einer typischen Situation wäre der Sanitäter ohne irgendeine Ablenkung durch Familienangehörige zum/-r Patienten/-in gegangen. Er war besorgt und ungeduldig, da alles so lange dauerte.

4. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der EIGENEN PERSON: Referenzrahmen der Person, die den Schock erlebt hat

SanitäterInnen erhalten eine spezifische Berufsausbildung zum Vorgehen in verschiedenen Notfallsituationen. Sie müssen einem bestimmten Ablauf folgen, um den PatientInnen eine qualitativ hochwertige Erste Hilfe zu ermöglichen und sie wenn möglich vom Sterben zu bewahren. Sie folgen einem technischen Verständnis, wie mit Situationen zwischen Leben und Tod umzugehen ist. Die Verhaltensweise der Familienmitglieder gefährdete das professionelle Vorgehen.

Präferenz für einen direkten Kommunikationsstil:

Störung von Kommunikationswegen – normalerweise erwarten SanitäterInnen kurze und klare Informationen über den/die Patienten/-in (Medikamente, medizinische Geschichte, Essen und Trinken, was ist passiert?). Die konnten nicht gegeben werden. Informationsmangel erschwert den SanitäterInnen die Arbeit und mindert auch die Qualität medizinischer Behandlung. Sprachbarrieren haben ebenfalls eine Rolle für die Kommunikationsprobleme gespielt.

Der Erzähler mag keine Unklarheiten. Er braucht klare, verbale Informationen, die ihm Hinweise darauf geben, wie er zu reagieren hat.

Professionelle Verfahren im Umgang mit Leben und Tod / Art der medizinischen Behandlung

Weil die Familienmitglieder die Erwartungen der Sanitäter nicht erfüllt haben (schnelle Kommunikation relevanter Information, Verlassen des Raumes während der Reanimation), wurden sie als störend empfunden. Die Vorstellung des Erzählers, wie eine professionelle Versorgung einer/-s Patienten/-in auszusehen hat, wurde bedroht.

Auf der anderen Seite dienen einige dieser Verfahren dem Schutz von Familienmitgliedern: sie sollen nicht dabei zusehen, wie der/die Patient/-in stirbt, verletzt wird, behandelt wird (oder Fehler erkennen, die SanitäterInnen machen). Das unterstreicht die Ausrichtung des Erzählers an einer westlichen Konzeption von medizinischer Behandlung. Es ist üblich, dass PatientInnen alleine zum/-r Ärzt/-in gehen und alleine behandelt werden. Medizinische Informationen sind streng vertraulich.

Tod wird üblicherweise von medizinischen ExpertInnen und Institutionen gehandhabt; ihre etablierten Verfahren gelten als am vielversprechendsten, um den Tod zu verhindern. Zur gleichen Zeit ist der Tod unvermeidlich und ab einem bestimmten Punkt im Leben die logische Folge, wenn der/die Patient/-in alt ist und gesundheitliche Probleme hat.

Die Familienmitglieder folgen den Vorstellungen des Erzählers, wie man mit einem Notfall umgeht, nicht. Für ihn zählt, dass priorisiert wird, was in so einer Situation wichtig ist. Das Unwichtige soll hinten angestellt werden. Mit dem Zusammenbruch einer/-s Patienten/-in konfrontiert, agiert der Erzähler rational, durchdacht und zielorientiert. Er hat eine klare Vorstellung davon, wie man vorzugehen hat, um die Gesundheit der/-s Patienten/-in sicherzustellen. Er weiß, dass er durch seine Ausbildung auf Notfallsituationen spezifisch vorbereitet ist. Gleichzeitig fragt er sich, warum die Familienmitglieder nicht einfache Dinge unternommen haben um der Patientin zu helfen. Das Verhalten der Familienmitglieder ist für ihn irrational: emotionaler Aufruhr ohne Maßnahmen zu ergreifen, um der Sterbenden zu helfen.

Der Faktor Zeit spielt bei SanitäterInnen eine entscheidendere Rolle als in anderen Berufen, denn jede Minute zählt. Deshalb kommt dem Erzähler jede Minute, die seiner Meinung nach nicht zur Besserung des gesundheitlichen Zustands beiträgt, extrem lang vor.

Familienkonzepte und familiäre Rollen

Die Erwartungen des Erzählers an die Verwandten wurden nicht erfüllt. Die Familienangehörigen boten keine Hilfe an und hielten den Weg zur Unfallstelle für die Sanitäter nicht frei. Andererseits war der Erzähler über die allgemeine Erregung der anwesenden Personen verwundert, da dies nicht mit seiner Vorstellung von Familie übereinstimmt. Das zeigt, dass er eine klare Vorstellung davon hat, wer dazu befugt ist zu trauern. Übermäßiges Trauern für eine entfernte Verwandte (Tante, Cousin) passt nicht in sein Bild.

Empathie bedeutet in den Augen des Erzählers, dass man emotional ist, wenn es einer Person schlecht geht, gleichzeitig aber auch der jeweiligen Person seine Hilfe anbietet und für sie da ist. Die Art und Weise, wie die Familienmitglieder ihre Emotionen zum Ausdruck gebracht haben, passt nicht zu der Vorstellung von Empathie des Erzählers. Mitgefühl heißt der kranken/verwundeten Person zu helfen und nicht, im Kollektiv seine Emotionen auf dramatische Weise auszuleben.

Herangehensweise an den Tod / Praktiken des Trauerns

Trauern scheint authentischer zu sein, wenn man es alleine macht.

Der Ausdruck der Trauer durch die Familienmitglieder kollidiert damit, wie der Erzähler Todesfälle interpretiert. Es ist eine ungeschriebene Regel für SanitäterInnen nicht zu trauern, wenn eine ältere Person stirbt, da dies routinemäßig passiert. Es wäre nicht tragbar bei jedem/-r Patienten/-in, der/die stirbt, in Trauer auszubrechen. Rettungs- oder NotfallsanitäterInnen ist es nur „erlaubt“, Emotionen zu zeigen, wenn eine junge Person stirbt. Während dies der beruflichen Praxis der SanitäterInnen zugeschrieben werden kann, wirft es auch ein Licht auf den Zugang zu Leben und Tod. Der Tod wird im Alterungsprozess als etwas Unumgängliches angesehen. Wenn eine Person stirbt, von der es erwartbar war, sollte der Verlust als nicht so dramatisch angesehen werden, wie wenn eine Person unerwartet stirbt.

5. Welches Bild der anderen handelnden Person (oder Personengruppe) entsteht abgeleitet aus der Analyse von Punkt 4?

Negatives Bild: irrational, laut, emotional, im Weg, chaotisch, unverständlich

6. Dahinterliegende Werte, Normen, Repräsentationen, Vorstellungen, Vorurteile der ANDEREN PERSON: Referenzrahmen der Person (oder Personengruppen), die den Schock “ausgelöst” hat (haben)

Ausdruck von Emotionen

Trauer wird kollektiv (vielleicht im Sinne eines kollektiven Aktes) anstatt individuell ausgedrückt

Ein lauter, anhaltender Ausdruck von Qual und Leid ist eine Anerkennung der Toten und ein Zeichen von Respekt, Liebe und Mitgefühl.

Darüber hinaus signalisieren die Familienmitglieder den Sanitätern durch lautes Ausdrücken ihrer Erregung, dass die Situation kritisch ist und sie Hilfe benötigen. Sie wechseln zu indirekter Kommunikation, mitunter verstärkt durch die Sprachbarriere.

Familiäre Solidarität

Orientierung hin zum Kollektivismus: Familien tun alles zusammen, öffnen zusammen die Tür etc. Die Familie stellt die grundlegende Einheit der sozialen Organisation dar.

Die Bedeutung der Familienmitglieder ist nicht durch ihren Grad der Beziehung definiert, d.h. die Beziehung zwischen Nichte und Tante muss nicht unbedingt weniger bedeutsam sein als die Beziehung zwischen Mutter und Tochter. Vielmehr umfasst familiäre Solidarität alle Familienmitglieder in einer besonderen Weise. „Familie“ inkludiert auch erweiterte Familie.

Der kollektive Ausdruck von Trauer kann auch so verstanden werden, dass die Großmutter eine zentrale Figur in der Familie war. Wenn die Großmutter als zentrale Person das gesamte Kollektiv zusammengehalten hat, kann ihr Verlust als Bedrohung der kollektiven Ordnung angesehen werden. Der Tod in einer sozialen Gruppe ist dann am Schlimmsten, wenn die verstorbene Person ein primäres Mitglied für die soziale Organisation dargestellt hat. Diese Ordnung bzw. der Gemeinschaftssinn muss anschließend mit einer kollektiven Demonstration des Schmerzes und des Verlustes wiederhergestellt werden.

Repräsentationen des Todes

Das Konzept des Todes als Bedrohung für die Gemeinschaft könnte mit der kollektiven Aufregung der Familienangehörigen zusammenhängen. Deren Handlungen dienen  der Wiederherstellung der Gemeinschaft im Angesicht des Todes. Darüber hinaus kann der Vorfall als feierliche Zeremonie verstanden werden; kollektive Aufregung als notwendige Vorstufe für Trauer und Begräbnisrituale.

Die Zurückhaltung der Familienmitglieder mit der Großmutter physisch in Berührung zu kommen, kann auch auf Tabus zurückführen, die es verbieten, eine Leiche zu berühren. Auf der einen Seite könnte der physische Kontakt mit Krankheit und dem Tod ein Tabu darstellen. Auf der anderen Seite kann es auch sein, dass sie den toten Körper der Frau nicht berühren wollten, um der Frau nicht wehzutun. Die Familienmitglieder könnten befürchtet haben, dass man sie beschuldigt, nicht richtig gehandelt zu haben oder für den Tod der Großmutter verantwortlich zu sein. Eine solche Befürchtung kann auch auf ihren MigrantInnenstatus zurückzuführen sein – Unsicherheiten wie man sich in einer Situation verhalten soll und die Erfahrung von Stigmatisierung.

Die Seele ist wichtiger als der Körper. Es besteht kein größeres Bedürfnis, sich mit dem toten Körper zu befassen, sondern eher auf emotionale Weise zu trauern. Mitgefühl für die kranke Patientin aufzubringen manifestiert sich nicht, indem man ein Kopfkissen oder ein Glas Wasser holt, sondern indem man einen mentalen Zustand erreicht, der kollektiv in einer vehementen Art und Weise zum Ausdruck gebracht wird.

Unterschied zwischen biologischem Tod und sozialem Tod: Während der Erzähler weiter an der Idee des Todes, als einem Ereignis das zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfindet, festhält, sehen die Familienmitglieder das Leiden und den Tod der Großmutter als einen Prozess an, der sich über den beschriebenen Zeitraum des Vorfalls erweitert.

Kulturelle Anpassung

Die Familienmitglieder, die größtenteils nicht in der Lage sind, mit den Sanitätern in gesprochener Sprache zu kommunizieren, versuchen den Notfall auf ihre eigene Art und Weise zu handhaben, so wie sie es für richtig halten. Demnach folgen sie nicht unbedingt eigenen kulturellen Vorgehensweisen bei Krankheit und Tod, weil sie Angst haben damit gegen lokale Normen zu verstoßen. Andererseits könnte es sein, dass die Familienmitglieder sich nicht an die eigenen Regeln halten, während die Sanitäter anwesend sind. Dieser Versuch, tradierte Verhaltensweisen mit dem in Einklang zu bringen, was in Österreich zu gelten schein, führt mitunter zum Festhalten an einander widersprechenden Praktiken.

Es könnte auch sein, dass die Situation so außergewöhnlich für die Familie ist, dass es keine klare Regeln oder Vorstellungen gibt, wie man sich zu verhalten hat.

Professionelles Verfahren zur Handhabung von Leben und Tod / Medizinische Expertise

Die Familienmitglieder betrachten die Sanitäter als Experten für die Situation an. Die Sanitäter sollen der Patientin Hilfe leisten. In diesem Sinne vertrauen die Verwandten den ausgebildeten Fachkräften und versuchen nicht, selbst zu übernehmen.

Wahrnehmung der Zeit

Die Zeit wird von den Familienmitgliedern anders wahrgenommen als von den Rettungssanitätern. Die Dauer bestimmter Handlungen wird als nicht so dramatisch oder entscheidend für die Gesundheit der Patientin interpretiert. Die Familienmitglieder erleben die Zeit vielleicht auf eine polychromatische Art und Weise, welche sich sehr von der, der Sanitäter unterscheidet, für die Zeit als Aktion erlebt wird, die eine andere folgt.

7. Ableitung von Empfehlungen: Welche generellen Probleme zeigen sich anhand des Ereignisses im Hinblick auf die berufliche Praxis oder den Umgang mit Differenzen in interkulturellen Situationen? Welche Handlungsempfehlungen können wir für die Praxis aussprechen?

1) Umgang mit Angehörigen

In kritischen medizinischen Situationen müssen SanitäterInnen professionell bleiben und ihre Kommunikation an die anwesenden Personen (PatientInnen, Verwandte) anpassen, da die sich in einer Ausnahmesituation befinden und eventuell sehr emotional sind. Solche Notfallsituationen gehören zur Routine von SanitäterInnen, für die sie ganz bestimmte Verhaltensregeln haben. Die anwesenden LaiInnen kennen diese Verhaltensregeln nicht, außer sie befinden sich in einem Zustand, indem sie die Regeln erfüllen können. Diese mangelnde Übereinstimmung bedeutet allerdings nicht, dass die Verwandten nicht versuchen würden, den SanitäterInnen auf eine andere Art zu helfen. Gleichzeitig ist es für die erfahrenen SanitäterInnen nie Routine, eine/-n Patienten/-in wiederzubeleben. In solchen Situation liegt immer eine gewisse Spannung in der Luft.

Dabei ist es üblich, die Verwandten wegzuschicken, sodass die SanitäterInnen in Ruhe arbeiten können und die Angehörigen keine kritischen Momente oder Diskussionen miterleben müssen. Der Fokus gilt ganz alleine dem/-r Patienten/-in und nicht den Verwandten.

SanitäterInnen stützen sich auf verbale (sehr spezifische) Informationen. Wenn bestimmte Informationen fehlen, beeinträchtigt das die Arbeit. Sprachbarrieren zwischen SanitäterInnen und PatientInnen können sich negativ auf die Versorgung und Erste Hilfe auswirken. Trotzdem müssen SanitäterInnen in kürzester Zeit auch ohne relevante Informationen lebensnotwendige Handlungen ergreifen.

SanitäterInnen arbeiten oft in ungünstigen Situationen (laute Geräusche, enge oder schwer zugängliche Stellen, aufgeregte ZuschauerInnen). Die professionelle Ausbildung könnte in Zukunft stärker darauf fokussieren, wie mit Angehörigen in kritischen Situationen umgegangen werden kann, wie ihre Bedürfnisse besser verstanden werden können. Dadurch wird die Situation nicht nur angenehmer für die Angehörigen, sondern die Fähigkeit von SanitäterInnen wird erhöht, gleichzeitig ihren professionellen Abläufen zu folgen und den Verwandten Aufmerksamkeit zu schenken.

2) Tod in unterschiedlichen Kulturen, Strategien in Notfallsituationen

Das Sterben wird professionell gehandhabt, auch wenn es bei einem/-r Patienten/-in zuhause passiert und Verwandten anwesend sind (Verschmelzung von öffentlich und privat). Die professionelle Gleichsetzung von hohem Alter mit Tod (in westlichen Zugängen zu Tod sehr gebräuchlich), steht im Widerspruch zu den Trauer- und Verlusterfahrungen der Familie.

Das Tabu, das Verwandte empfinden, einen toten Körper zu berühren, und ihre Unsicherheit, wie mit bewusstlosen oder sterbenden Körpern umzugehen ist, kann mit dem Zugang von SanitäterInnen in Konflikt geraten.

Unterschiedliche Zeitauffassungen zwischen Fachpersonen (SanitäterInnen) und LaiInnen (Verwandte), lineare Zeit vs. polychrome Zeit

Unterschied zwischen biologischem Tod und sozialem Tod, sowie zwischen Tod als Ereignis und Tod als Prozess.

3) Orientierung am professionellen Vorgehen vs. Orientierung an familiärer Solidarität

Diskrepanz zwischen der Definition einer Situation, wie sie SanitäterInnen/medizinische ExpertInnen vornehmen und dem Erleben von Familienmitglieder (tote Frau – bewusstlose Mutter/Großmutter); Während die SanitäterInnen auf professionelle Art und Weise mit dem Notfall umgehen wollen, benötigen Angehörige mitunter mehr Informationen, klare Anweisungen oder die explizite Nachricht darüber, dass die Mutter/Großmutter verstorben ist.

Konflikte zwischen der Orientierung von SanitäterInnen und der Orientierung von Familienmitgliedern.

Konflikte, die sich aus den Bemühungen von Familienangehörigen ergeben, lokale Erwartungen zu erfüllen oder ihrer Unsicherheit, wie sie sich verhalten sollen.